Atom Heart Of Ours

Naked Lunch


Liebe, Leid & Leidenschaft

Naked Lunch waren immer schon eine der ganz wenigen international herzeigbaren Popbands Österreichs. Mit dem neuen Album "This Atom Heart of Ours" haben sich die Klagenfurter noch einmal selbst übertroffen.

"We don't need entertainment, we entertain ourselves"

(Naked Lunch: "Military of the Heart")

Oliver Welter war 14, als er die magische Wirkung der sechs Saiten entdeckte. "Es gab keine hehren Ziele, sich der Welt mitteilen zu müssen", antwortet das letzte verbliebene Gründungsmitglied der Indiepopband Naked Lunch auf die Frage, warum er vor mehr als zwei Dekaden erstmals zur Gitarre gegriffen habe. Nicht etwa ungestüm rockende Botschafter einer anderen Wirklichkeit jenseits des Kärntner Provinzalltags, sondern sein erster gemischtgeschlechtlicher Schulskikurs dienten dem wahrscheinlich besten Songwriter Österreichs als kreative Initialzündung. "Ein Typ konnte einige Lieder auf der Gitarre spielen und wurde dafür beim Hüttenabend von den Mädchen angehimmelt. Also habe ich mir auch eine Gitarre gecheckt und ratzefatz zwei Beatles-und einen Dylan-Song gekonnt. Beim nächsten Skikurs durfte dann schon ich unterhalten."

Einige Jahre später gründete Welter mitten im (sub-)kulturellen Ödland Kärnten sein nach William S. Burroughs' Kultroman benanntes Trio. "Obwohl die Welt durch diverse Medien heute viel kleiner wurde, wirkte sie durch bestimmte Platten auch damals sehr überschaubar", erinnert sich der Sänger, dem die Veröffentlichungen des amerikanischen Punklabels SST und der britischen Gitarrenpopschmiede Creation damals spezifische Ausschnitte globaler Realitäten nahebrachten. "Irgendwie fanden diese Platten ihren Weg bis Klagenfurt, und so wusste man, was all diese Spinner gerade trieben. Dieses Wissen hatte etwas Elitäres, letztlich hat Musik so aber einen neuen Wert bekommen."

Ihren ersten Tonträger "Naked" veröffentlichten Naked Lunch 1991; mit gerade einmal sechs Songs verankerten Welter & Co so auch Klagenfurt auf dieser internationalen Landkarte des Geheimwissens. Noch vor dem regulären Debüt "Balsam" (1992) fand die erste Tour als Support der Rockdampfwalze Tad statt. Tads Plattenfirma Sub Pop buchte die Kärntner daraufhin auch als Vorprogramm für einige Europakonzerte einer anderen Band aus Seattle: Nirvana. Deren eben veröffentlichtes Album "Nevermind" explodierte dann aber über Nacht; aus der Club-wurde eine Hallentour, und für die unbekannte Vorgruppe war kein Platz mehr. Rückblickend bildet diese Episode den Startschuss einer langen Geschichte großer Versprechungen - und des noch größeren Scheiterns.

Mitte der Neunziger waren Naked Lunch auch ohne neuen Tonträger die vielversprechendste und ambitionierteste Band des Landes; Manager internationaler Musikmultis ließen sie zu Auftritten nach London oder New York einfliegen. "Man kann sich nicht vorstellen, was da los war, wenn man es nicht selbst erlebt hat", wundert sich Welter noch heute. "Wir kamen aus Klagenfurt, waren gerade einmal Mitte zwanzig - und wurden plötzlich mit unglaublichen Summen konfrontiert und mit Limousinen durch die Gegend chauffiert. Wir konnten damit nicht umgehen, hatten aber unseren Spaß. Letztlich sind wir kläglich dran gescheitert, den Oasis'schen Rock-'n'-Roll-Lebensstil zu leben."

Naked Lunch haben die Welt gesehen, unzählige Konzerte gespielt, viel Plattenfirmengeld in die überproduzierten und nur mäßig erfolgreichen Alben "Superstardom" (1997) und "Love Junkies" (1999) gesteckt - und blieben doch immer zu groß für Österreich und zu klein für die Welt. "Eine unsinnige Zeit", resümiert Herwig Zamernik, seit Ende 1992 Bassist der Band, und Welter ergänzt in seiner typischen Direktheit: "Eigentlich wäre es gut gewesen, die Kohle der großen Firmen zu nehmen und zu sagen: Verpisst euch, ihr Arschlöcher, wir errichten unser eigenes Domizil dort, wo wir her sind, und pfeifen auf all eure Mechanismen."

Zur Jahrtausendwende haben Naked Lunch es doch noch hinbekommen, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden und sich künstlerisch wie privat in Klagenfurt ein kleines Universum zu schaffen. Fernab aller Hot Spots des globalen Popgeschehens fungiert Zamerniks eigenes Studio, der Fuzzroom, seitdem als Proberaum, Kreativwerkstatt und Aufnahmeort, an dem ohne Druck von außen gearbeitet werden kann. "Songs for the Exhausted" titelte Anfang 2004 die eindrucksvolle Bilanz einer nach langen Irrwegen endlich bei sich selbst angekommenen Band, wobei die Musik plötzlich meilenweit entfernt war vom netten, aber unverbindlichen Gitarrenpop der späteren oder den romantisch gefärbten Grungeklängen der früheren Neunziger. Karge Elektronik traf jetzt auf melancholietrunkene Melodien, völlige Niedergeschlagenheit verwandelte sich immer wieder in berührende Schönheit.

"Irgendwann merkten wir, dass unsere Musik nichts mehr mit den Sachen zu tun hatte, die wir selbst gerne hörten", erklärt Welter diese radikale Neupositionierung. "Wir haben allen Ballast abgeworfen, indem wir unsere eigene Klause errichteten und schauten, was bei völliger Abschottung herauskommt. Inzwischen hassen wir alles Rockistische, unsere Alarmglocken beginnen sofort zu bimmeln, wenn sich ein Lied auch nur ansatzweise in diese Richtung entwickelt."

Drei Jahre nach der Veröffentlichung zählt "Songs for the Exhausted" nach wie vor zu den markantesten Popplatten der Nullerjahre. Das demnächst erscheinende Nachfolgewerk "This Atom Heart of Ours" hält dieser Steilvorgabe erstaunlicherweise mehr als nur stand: Ästhetisch dem Vorgänger durchaus verwandt, fügen sich die zehn neuen Songs noch stärker als zuletzt zu einem in sich ungemein stimmigen Album, dessen Mischung aus Eigensinn und Popsensibilität ansonsten nur von Ausnahmebands wie Radiohead zu haben ist. Der leichtfüßig Ohrwurm "Waterfall" steht ganz selbstverständlich neben dem gequälten Kleinstadtblues "Town Full of Dogs", das gerade durch seinen Minimalismus atemberaubende Epos "In the Dark" neben der intimen Songminiatur "The Tower".

"I don't like where I live, but I love to live with you", singt Welter in "My Country Girl", "wherever you may go I call it home", um im abschließenden "In the End", einer erschütternd emotionalen Pianoballade mit Elektronikunterstützung, auch die Narben seines Herzens herzuzeigen. "Hymnen großer und gleichzeitig so fragiler Gefühle", heißt es im Pressetext zur Platte treffend; "Umarmungsmusik ohne falsche Schulterschlüsse". Inhaltlich hat sich dabei einiges verändert: Dominierten auf "Songs for the Exhausted" Grautöne in unterschiedlichen Schattierungen, die aus massiven persönlichen Krisen der Musiker resultierten, so dringen jetzt vermehrt Sonnenstrahlen ins hermetische Banduniversum. "Unsere Welt hat sich tatsächlich extrem verbessert", bestätigt Zamernik, der zuletzt auch mit seinem LoFi-Indiepop-Projekt Fuzzman reüssierte.

"Military of the Heart", die erste Single des Albums, macht diese Verbesserung als entwaffnend einfache Liebeserklärung Welters an seine Frau, seine Kinder, seine unmittelbare kleine Welt hörbar. Die Band ist selbst ein bisschen verwundert über die hymnische Euphorie dieses Songs. "Es ist weit schwieriger, ein fröhliches Lied zu machen, das nicht peinlich ist, als ein trauriges", meint Zamernik, und Welter gesteht, grundsätzliche Probleme mit vertontem Seelenheil zu haben. "Selbst wenn es mir gut geht, sind neun von zehn Songs von einer seltsam fatalen Sichtweise geprägt; ,Military of the Heart' ist mir mehr oder weniger passiert." Erarbeiten ließe sich so etwas nicht, meint der Naked-Lunch-Mastermind, der nach "Songs for the Exhausted" ein ganzes Jahr lang völlig aufs Liederschreiben verzichtet hatte - "weil es kein Bedürfnis gab, etwas mitteilen zu müssen".

"The party's over/We've been an army now I'm one", sang Welter auf dem letzten Album und erklärte diese Zeilen damals mit dem Verschwinden einstiger subkultureller Zusammenhänge. Im Titelstück der neuen Platte führt er diesen Gedanken fort: "We're old and settled but we still believe/If we don't march together we die alone." Auch das sei zwar zuerst einmal ein Blick ins Private, letztlich aber noch weit mehr, erklärt der Autor: "Wir haben es uns gut gerichtet, haben Familien gegründet und eine Perspektive in unserem Leben, die sehr wichtig ist. Dennoch gibt es den Blick nach außen, der sagt: Es kann nicht sein, dass ich mir mein Einfamilienhaus baue und der Dinge harre, bis der Henker kommt. Ich bin immer noch dazu beauftragt, Dinge, die mich stören, anzupacken und auch Vorläufer zu sein, wenn es sonst niemanden gibt."

Abgeklärter steht man dagegen der politischen Realität Kärntens gegenüber: Als autark arbeitende Künstler würden Naked Lunch vom Wirken Jörg Haiders unmittelbar nichts spüren, meint Zamernik. "Natürlich schwingt die politische Konstellation in unserer Arbeit irgendwo mit. Im selben Maß halt, wie das auch die schöne Landschaft und all diese Dinge tun, denn nur weil man sich in seine selbstgewählte Klause reinsetzt und die Welt ausschließt, heißt das ja nicht, dass man sie nicht mehr mitbekommt."

Die im März 2004 geschlossene - und inzwischen wieder aufgelöste - "Chianti-Koalition" zwischen Haiders Freiheitlichen und der Kärntner SPÖ bringt Welter aber auch heute noch in Rage: "Das Wahlergebnis selbst war mit über vierzig Prozent für Haider schon ein echter Schlag in die Fresse. Zwei Tage später wurde dieser Schrecken aber noch getoppt, als die SPÖ sagte: Wir bilden eine Koalition mit euch, denn es gibt so viele Gemeinsamkeiten. In solchen Momenten denkt man sich schon: Was ist die Alternative in diesem Bundesland? Sind die alle geisteskrank, oder was?"

Ähnlich deutlich äußert sich Welter, der mit dem Radiomacher Fritz Ostermayer und dem Künstler Hans Schabus nebenbei noch die Band The Very Pleasure betreibt, auch zum gegenwärtigen Stand der Dinge im Staate Pop. "Das Gute an diesem Revivaltum ist, dass es mit den aufgeblasenen Neunzigerjahrebands und ihrem Stadionrock Schluss gemacht hat. Nach der 100.000. Band, die sich auf irgendwas beruft, reicht es irgendwann aber auch wieder. Und dann heißt es auch noch, alle würden klingen wie Gang Of Four, dabei hat keine auch nur ansatzweise diese Messerschärfe, Brutalität und Härte. Das ist doch alles Kinderkram!"

Erwärmen konnten sich Naked Lunch zuletzt vor allem für Meister des Emotionalen wie Arcade Fire, Antony & The Johnsons oder Flotation Toy Warning. "Im Endeffekt freut mich so etwas wie das aktuelle Slayer-Album aber noch mehr", gesteht Zamernik, der mit dem Disharmonic Orchestra einst selbst Metal spielte. "Die bolzen einfach dahin, da braucht man nichts anderes." Welters aktuelle Lieblingsplatte kommt noch überraschender: "Futuresex/Lovesounds" von Justin Timberlake. "An dieser scheinbaren Schnittlinie von schwarz und weiß entsteht derzeit die interessante Musik", erklärt er seine Begeisterung. "Das gilt auch für Outkast, die ich für die beste Band der letzten fünf Jahre halte, oder für TV On The Radio, die Soul auf sonderbare Art mit Rock mischen." Stefan Deisenberger, der schweigsame Keyboarder und Elektroniker der Band, hält sich derweil an Scott Walker. "Ich bin total auf seine letzte Platte reingekippt, weiß aber noch immer nicht, ob sie gut oder schlecht ist."

Den Popexzentriker Walker nominiert Deisenberger dann auch für ein fiktives Traumfestival rund um Naked Lunch. Zamernik stellt die Beatles und Slayer dazu, lässt Sebadoh vorab ihren LoFi-Indierock schrammeln und zum Spaß noch den Rapper 50 Cent zur Unruhestiftung antanzen. "Vielleicht Velvet Underground, Aphex Twin und Suicide", meint Welter. Dann kommt aber doch noch einmal der Teenager in ihm durch, dem die Platten des SST-Labels einst die Welt erklärten: "Eigentlich bräuchte ich nur Hüsker Dü, alles andere wäre mir egal."

Gerhard Stöger in FALTER 1-2/2007



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