Fearless Leader

Oscar Hammerstein II, Richard Rodgers, John Coltrane


Den Zug im Gnack

Der deutsche Jazzkritiker Joachim Ernst Behrendt hat in einem jazzmythologischen Doppelporträt Ornette Coleman einmal als den "Phoenix" des Free Jazz und John Coltrane als den "Sisyphos" charakterisiert. Wahr ist, dass Coltrane, der heuer seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, nicht als Junggenie in die Jazzwelt platzte, sondern sich seinen Status zäh erarbeiten musste. Falsch ist, dass er ignoriert oder unterschätzt worden wäre. Es spricht freilich einiges für die Auffassung, dass man alles, was den berühmten Einspielungen der 60er vorausging, irgendwie als Entwicklung begreift, die einem "Durchbruch" vorausging.

So lässt sich auch die erste, unter dem Titel "Fearless Leader" (Concorde/Universal, 6 CDs) erschienene CD-Box betrachten. Gemeinsam mit den zwei folgenden dokumentiert sie die gesamten Aufnahmen, die Coltrane Ende der 50er-Jahre für das Label Prestige gemacht hat - also jene, die vor, zwischen und nach der berühmten Zusammenarbeit mit Miles Davis bzw. Thelonious Monk entstanden. In insgesamt neun Studio-Sessions zwischen Mai 1957 und Dezember 1958 wurde Material für ein knappes Dutzend LPs eingespielt, die damals einfach eine Einkommensquelle für Musiker waren - das Konzept "Album" als ästhetisches Statement steckte damals noch in den Kinderschuhen.

Hauptsächlich sind es Aufnahmen im Quartett mit Paul Chambers am Bass und Red Garland am Schlagzeug, die Coltrane schon aus dem legendären Quintett von Miles Davis kannte. Da Prestigebesitzer Bob Weinstock das Budget im Auge hatte, war für Larifari wie extensive Proben oder Alternate Takes keine Zeit: Man griff also auf einfaches oder bekanntes Material zurück - Formen des Blues oder Standards.

Viele dieser Aufnahmen sind relativ konventioneller Hardbop. Coltrane ist auf dem Weg, seine berühmte "Sheets of sound"-Technik zu entwickeln - ein vielzitierter (und hier in den akribischen, aber nicht überextensiven Liner Notes im Detail diskutierter) Terminus, den der Kritiker Ira Gitler auf Coltranes Coda von "Russian Lullaby" (Session vom 7. Februar 1958) prägte.

Einen besonderen Reiz bilden die Einspielungen mit dem ebenfalls früh verstorbenen Wilbur Harden, einem lyrischen, introvertierten Trompeter. Hatte Miles Davis einmal gewitzelt, er sei froh, Coltrane nicht nach der Anzahl der gespielten Noten bezahlen zu müssen, so ist Harden grad das Gegenteil. Man hat das Gefühl eines nur knapp vermiedenen Auffahrunfalls, wenn Trane dann nach dem Trompetensolo endlich loslegen kann.

Klaus Nüchtern in FALTER 51-52/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×