Mozart 22. Die kompletten Opern - Salzburger Festspiele 2006

Wolfgang Amadeus Mozart


Dicke Dinger

Alle Mozartopern auf 33 DVDs und die Geschichte der Berliner Philharmoniker auf zwölf CDs: Rechtzeitig zu Weihnachten gibt's wieder luxuriöse Klassikeditionen.

Kritiker waren sich einig: Es war ein zwar logistisch kniffliges, dramaturgisch aber keinesfalls ausgefuchstes Konzept, im Mozartjahr 2006 alle 22 Opern und Opernfragmente auf den Spielplan der Salzburger Festspiele zu setzen. Wo und wann, wenn nicht dort und dann?, erwiderte Intendant Peter Ruzicka sinngemäß und setzte damit vor allem auf den Faktor Zeit, der ihm wohl auch irgendwann einmal Recht geben wird: Die Gelegenheit, Mozarts gesamtes Bühnenwerk im Zusammenhang sehen zu können, wird tatsächlich so bald nicht wiederkommen - auch wenn sie im vergangenen Sommer nur von wenigen zur Gänze genutzt wurde.

Doch bereits jetzt kann Ruzickas Großprojekt größere Breitenwirkung erzielen. Mit "Mozart 22" haben die Plattenfirmen Deutsche Grammophon und Decca die Mitschnitte aller Salzburger Produktionen auf 33 DVDs veröffentlicht: insgesamt rund 51 Stunden Oper sowie zu jeder Inszenierung ein rund einstündiges Making of, gedreht von Regisseuren wie Brian Large, Stefan Aglassinger und Karina Fluch. Etwa 340 Euro kostet die technisch tadellos produzierte Box, und dass dieser organisatorische Kraftakt rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft gestemmt wurde, ist gewiss kein Zufall.

Als Riesengeschenk ist "Mozart 22" nicht nur für Enzyklopädisten geeignet, sondern auch für Mozartkenner, denen bewusst ist, dass bei einem solchen Projekt naturgemäß nicht nur Jahrhundertinszenierungen zu erwarten sind. Dafür bietet ihnen die Vollständigkeit den Vorteil, eine neue Balance zwischen den bestens bekannten späten und den kaum gespielten frühen Mozartopern herstellen zu können. Auch wenn man nicht mit Nikolaus Harnoncourt der Ansicht ist, dass jede einzelne Note selbst des jungen Wolfgang "direkt von Gott kommt": Wer "Mitridate" des 14-jährigen Mozart kennt, wird auch die späteren Meisterwerke "Idomeneo" oder "Don Giovanni" anders hören.

Insofern ist es überhaupt kein Problem, wenn die DVD mit der prominentesten Produktion des Salzburger Mozartsommers vorerst nicht einzeln, sondern nur im Gesamtpaket verkauft wird: Claus Guths auch im Fernsehen übertragene Neuinszenierung von "Le nozze di Figaro" mit Anna Netrebko und Christine Schäfer wird erst im Mai einzeln erhältlich sein. Wer nicht gleich die ganze Box verschenken (oder selber haben) möchte, sollte seine Auswahl ohnehin auf die frühen Opern konzentrieren. Auf Joachim Schlömers etwas prätentiöse "Irrfahrten"-Trilogie etwa, in der der Choreograf unter anderem die frühe Opera buffa "La finta semplice" (1768) ihrer Rezitative beraubt und damit geschickt beschleunigt.

Ebenfalls Raritätenstatus genießen Mozarts allererste Bühnenwerke, das geistliche Festspiel "Die Schuldigkeit des Ersten Gebots" sowie das lateinische Intermedium "Apollo et Hyacinthus" (beide 1767), die John Dew inszeniert hat; auch die azione teatrale "Il sogno di Scipione" und die festa teatrale "Ascanio in Alba" (beide 1771) waren vor ihren Salzburger Inszenierungen durch Michael Sturminger bzw. David Hermann kaum je zu sehen und sind hier erstmals auf DVD erhältlich. Der Höhepunkt des Frühwerks bei "Mozart 22" aber ist fraglos "Mitridate" (1770): Mit seiner ersten Opera seria gelang dem 14-Jährigen auch sein erstes echtes Bühnenmeisterwerk, ein packendes Generationendrama, das Günter Krämer klug, witzig und spannend auf die Bühne brachte und das von einem Ensemble ohne Weltstars (Richard Croft, Netta Or u.a.) sowie den Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski mit den gleichen Qualitäten musiziert wurde.

Auch für Musikfreunde, die mit E.T.A. Hoffmann nicht in der Oper, sondern in den Tiefendimensionen der sinfonischen Musik "unendliches Verlangen" verspüren, gibt es eine tolle dicke Weihnachtsbox. Aus Anlass ihres 125-jährigen Bestehens 2007 haben die Berliner Philharmoniker zwölf Alben mit signifikanten, großteils erstmals auf CD veröffentlichten Aufnahmen unter ihren wichtigsten Dirigenten zusammengestellt. "Im Takt der Zeit" nennt sich das um ein ausführliches Begleitheft ergänzte Paket, das für rund 120 Euro zu haben ist - und anders als bei "Mozart 22" lohnt es sich hier kaum, nur einzelne Platten auszuwählen.

Die Tour beginnt mit der ersten Aufnahme der Berliner überhaupt, der im September 1913 auf Wachsplatte geritzten Orchestersuite aus Wagners "Parsifal" unter Alfred Hertz, setzt mit Chefdirigent Arthur Nikisch (Berlioz, 1920) und Jascha Horenstein (Bruckners "Siebte", 1928) fort, bringt Wienerisches mit Mozart, Schubert und Suppé unter Erich Kleiber (1930-1935) und würdigt Wilhelm Furtwängler sowohl in seiner ersten (1922-1945) als auch seiner zweiten Amtszeit (1952-1954) - mit Konzertmitschnitten von Beethovens "Fünfter" in der bombardierten Reichshauptstadt (1943) und Beethovens "Erster" im geteilten Berlin (1954).

Bevor Daniel Barenboim 1989 mit Beethovens "Siebter" das Konzert zur deutschen Wiedervereinigung leitet, sind noch Aufnahmen von Sergiu Celibidache (Debussy, Mendelssohn, Milhaud, um 1950), Herbert von Karajan (Beethovens "Neunte", 1963) und David Oistrach (Tschaikowsky, 1972) zu hören - und das Debüt des heutigen Chefdirigenten Simon Rattle vom November 1987 mit einer ausgesprochen reschen "Sechsten" von Mahler. Einspielungen mit Claudio Abbado, Kurt Sanderling und Nikolaus Harnoncourt ergänzen den Überblick; nur Leo Borchart, der tragisch ums Leben gekommene Kurzzeitchef von 1945, fehlt.

Erst vor kurzem hat Simon Rattle seine Berliner als ein Orchester des 21. Jahrhunderts, die Wiener Philharmoniker jedoch als ein Orchester des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Ganz falsch ist dieses Urteil nicht, obwohl man auch in Berlin derzeit noch nach der sinfonischen Zukunft sucht. Eines aber wird mit der neuen CD-Box klar: Die Berliner Philharmoniker waren durchgängig eines der besten Orchester des 20. Jahrhunderts.

Carsten Fastner in FALTER 50/2006



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