Da questa parte del mare

Gianmaria Testa


Die Stimme des Poeten

Der Cantautore und Bahnbeamte Gianmaria Testa nimmt sich auf seiner neuen CD der Flüchtlinge an. Demnächst auch live in Wien.

Gianmaria Testas Karriere verlief immer schon ein wenig anders als die seiner Kollegen. Sein Plattendebüt gab der italienische Liedermacher erst mit 36; das Gitarrespielen und Liederschreiben hatte sich der Sohn einer piemontesischen Bauernfamilie selbst beigebracht. "Montgolfières" war dann gleich ein durchschlagender Erfolg - aber vor allem in Frankreich.

Elf Jahre und vier Platten später ist Testa auch in seiner Heimat in die Liga der großen Cantautori aufgestiegen, neben Paolo Conte zum Beispiel, an dessen jazzigen Sprechgesang Testas erste Platten erinnerten. Oder Fabrizio de André, den Testa für den wichtigsten Kollegen seiner Zunft hält. Mehrere Hunderttausend verkaufte Platten und Hunderte ausverkaufte Konzerte haben ihn freilich bis heute nicht daran gehindert, weiter seinem eigentlichen Brotberuf nachzugehen: am Bahnhof des piemontesischen Kaffs Cuneo Züge zu überwachen.

Und nun, wo sich endlich der verdiente Erfolg eingestellt hat, wird der Liedermacher vom Bahnhof, den man bislang vor allem als feinfühligen Poeten in Gefühlsdingen kannte, plötzlich politisch. Die eine oder andere Andeutung in diese Richtung gab es zwar schon früher, doch jetzt hat Testa mit "Da questa parte del mare" ("Von dieser Seite des Meeres") ein richtiges Konzeptalbum aufgenommen, das ausschließlich um Themen der Flucht, der Vertreibung und der Fremdheit kreist.

Dem traurigen Thema gemäß hat sich Testa auch musikalisch ein wenig verändert. Zwar begleiten ihn weiterhin einige der besten Jazzmusiker Italiens, darunter der Klarinettist Gabriele Mirabassi, mit dem er demnächst für vier Konzerte nach Wien kommen wird. Mit dabei ist aber auch US-Gitarrist Bill Frisell, der mit seinen verhangenen und verwehten Gitarrenklängen zur eher melancholischen Grundstimmung des Albums beiträgt, das übrigens ein anderer US-Amerikaner produziert hat: Greg Cohen, den man hierzulande vor allem als Bassist in John Zorns Masada-Quartett kennt.

Es wäre aber nicht Testa, wenn seine neuen Lieder ihre Botschaften direkt verbreiten würden. Der Cantautore schlüpft in die Rolle des teilnehmenden Beobachters oder erzählt aus der Perspektive der Betroffenen, ohne je anzuklagen oder allzu explizit zu werden. Und er findet dadurch umso eindrücklichere Worte für eines der größten humanitären Probleme der Gegenwart: die Not der Millionen Flüchtlinge dieser Welt.

Klaus Taschwer in FALTER 48/2006



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