Pictures Of Me

Viktoria Tolstoy


Nordiska Nu Jazz

Das wichtigste skandinavische Jazzlabel ist - so wie die wichtigsten österreichischen Verlage - in Deutschland zu Hause: Es handelt sich um die Plattenfirma Act, die nicht zuletzt aufgrund der schwedischen und norwegischen Stars, die sie unter Vertrag hat, zu einem der führenden europäischen Verbreiter improvisierter Musik aufstieg.

Neben dem Esbjörn Svensson Trio und Nils Landgren ist die Sängerin Viktoria Tolstoy, Ururenkelin des rauschebärtigen Schriftstellers, eine der heißesten Trümpfe im Act-Portfolio. Mit ihrer neusten Platte ist die gebürtige Weißrussin, die eigentlich vom Pop herkommt, ein Stück weit zu ihren Wurzeln zurückgekehrt: Das Repertoire von "Pictures of Me" umfasst diesmal einige jazzig und auf Uptempo arrangierte Hits von Stevie Wonder, Peter Gabriel oder Seal, die Tolstoy mit ihrer Lehrbuchpopstimme fast schon zu makellos interpretiert. Bei den Balladen wiederum erhebt der streicherselige Kuscheljazz sein kitschiges Haupt - was dem kommerziellen Erfolg keinen Abbruch tun dürfte.

Drei der Balladen hat der schwedische Bassist und Cellist Lars Danielsson beigetragen, der ansonsten zu einer echten Stütze des Act-Labels avancierte und deshalb heuer schon zum zweiten Mal randarf. Nach der stimmungsvollen, rein akustischen Trio-CD "Salzau Music on the Water" hat er für "Mélange Bleu" die Protagonisten des norwegischen Nu Jazz um sich geschart, also den Pianisten Bugge Wesseltoft, den Gitarristen Eivind Aarset und den E-Trompeter Nils Petter Molvær. Gemeinsam begeben sie sich auf eine bedächtig voranschreitende Klangreise, die zwar auf elektronischen Beats aufbaut, aber doch voller Poesie, Atmosphäre und interessanter Spannungsbögen steckt.

Äußerst bedächtig geht es auch bei Solveig Slettahjell zu, der vielleicht größten Entdeckung von Act in jüngster Zeit. Die norwegische Sängerin hat zu Beginn des Jahres mit "Pixiedust" ihr ziemlich umwerfendes Labeldebüt gefeiert. Nun gibt es von der Prinzessin der Langsamkeit gleich zwei neue Platten: "Silver", ein Re-Issue aus dem Jahr 2004, auf dem sie sich durch einige Liederbuchklassiker singt, sowie "Good Rain", das durchwegs aus Eigenkompositionen der Sängerin und ihrem Slow Motion Quintet besteht. Das einzige Problem dabei, das nicht wirklich eines ist: Man muss gut zuhören und Geduld haben, damit sich die Raffinesse und der Zauber dieser Musik richtig erschließen. Denn nebenbei konsumiert macht sie bloß müde.

Klaus Taschwer in FALTER 45/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×