A Little Warning from the Pimps

Didi Bruckmayr


"In Bewegung bleiben"

Der Extremsänger Didi Bruckmayr hat sein erstes Soloalbum veröffentlicht. Im Gespräch erzählt er vom Konditionstraining und von Hilfsarbeiterjobs und kritisiert die großkotzige und dennoch provinzielle Kulturpolitik des Landes.

Wie ist es eigentlich um den Underground und dieSubkulturen bestellt? Während sich der Popkonzertbetrieb in den letzten Jahren immer mehr auf wenige große Veranstalter konzentriert hat, stehen viele kleine Initiativen vor dem Problem, mit ihren Angeboten überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Didi Bruckmayr kennt diese Schwierigkeiten aus langjähriger selbstausbeuterischer Erfahrung als Extremsänger (Fuckhead, Wipeout), Visual Artist sowie als Vorstandsmitglied im Linzer Kulturverein Stadtwerkstatt. Im Falter-Gespräch äußert der studierte Handelswissenschaftler, der gerade sein erstes Soloalbum "A Little Warning from the Pimps" veröffentlicht hat und bei Wien Modern den Abend "Count The Stars" mit ausrichtet, seinen Unmut über die Visionslosigkeit der Kulturpolitik. Und er spricht darüber, wie es sich als Vierzigjähriger an den schummrigen Rändern der grellen Popkultur lebt.

Falter: Sie haben 2000 die Angst geäußert, gewisse kulturelle Inhalte könnten unter Schwarz-Blau verschwinden. Was ist seitdem passiert?

Didi Bruckmayr: Auf dem Underground-Niveau, auf dem ich mich bewege, waren keine Einschnitte spürbar.

Wenn es unter Schwarz-Blau nicht wesentlich schlimmer wurde, kann es dann unter einem roten Kulturministerium viel besser werden?

Ich weiß nicht. Im Wahlkampf hat jedenfalls keine einzige Partei fundierte kulturpolitische Visionen artikuliert. Zu den Bereichen der Populärkultur, in denen ich zu Hause bin, hat die Politik keinen validen Bezug. So kommen auch diese unglaublich peinlichen Plakate zustande, wo sich Politiker mit Jugendlichen auf irgendwelchen Stiegen ablichten lassen und im Hintergrund fährt ein Quoten-Skateboarder herum. Das ist für die dann Pop.

Wie äußert sich dieses Unverständnis für Ihre Arbeit finanziell?

Ein großer Subventionsantragsteller war ich nie, das ist nicht meine Welt. Ich habe nur einmal vom Bundeskanzleramt was bekommen, wo ich mich nachher gefragt habe, ob sich der Aufwand überhaupt gelohnt hat.

Franz Morak war früher gewissermaßen ein Kollege von Ihnen, haben Sie ihn als Kulturstaatssekretär kennen gelernt?

Einmal, beim Arco-Kunstmessenschwerpunkt in Madrid. Ich bin da mit meinem Wipeout-Kollegen Fadi Dorninger auf einem Nebenschauplatz aufgetreten. Ich habe Morak als sehr höflichen, aber auch sehr machtbewussten Menschen kennen gelernt, wo die Leute im Hintergrund aus Nervosität schon ziemlich vibriert haben. Ich will nicht sagen, dass er mir unsympathisch war, aber mit dem Weltbild dieser Partei kann ich halt nichts anfangen. Insofern war ich in den letzten Jahren noch weniger motiviert, irgendwelche Subventionen zu beantragen.

Wie kommen Sie über die Runden?

Ich frage mich bei jedem Projekt: Gibt es überhaupt ein Interesse und einen Markt dafür, wie klein auch immer? Wenn dem nicht so ist, muss ich eben arbeiten gehen.

Sprich: Von der Kunst leben geht nicht?

Zur Überbrückung bin ich immer wieder Hilfsarbeiter. Es geht nicht anders.

Was machen Sie da?

Ich suche mir bewusst etwas, wo ich nicht denken muss. Am liebsten sind mir schwere manuelle Arbeiten, die funktionieren für mich wie ein intellektueller Kurzurlaub. Zurzeit bin ich am Linzer Flughafen. Von vier Stunden arbeite ich netto eine Stunde hart, die restliche Zeit sinniere ich vor mich hin. So habe ich meine Kohle und bin gedanklich frei.

Sie waren eine Zeitlang am Burgtheater engagiert. Bricht da nicht der Geldsegen aus?

Das war schon ein ziemlicher Jackpot. Da war plötzlich in einer Frequenz Geld da, wie ich es sonst nicht gewohnt bin. Zum Durchkommen ist es wichtig, dass man alle paar Jahre so einen Großauftrag kriegt. Ansonsten heißt es sparsam leben und in Bewegung bleiben. Es ist eine Frage der Kondition.

Was wäre aus Ihrer Sicht von einem künftigen Kulturministerium als Erstes zu tun?

Ich würde mir wirklich wünschen, dass es ein klares Bekenntnis zu Europa und zu einer geistigen Internationalisierung gibt. Momentan habe ich das Gefühl, es ist alles sehr nach innen gerichtet. Dieses Aufräumen, das da auch immer wieder propagiert wurde, finde ich seltsam. Warum putzt man nicht lieber einmal die Fenster und schaut raus? Vielleicht will man dann ja sogar raushüpfen und in ganz Europa herumlaufen. Da würden auch die Künstler hingehören.

Zumindest vereinzelt gibt es Kulturexportprogramme.

Ja, aber die sind dann unglaublich unbeholfen. Nach zwanzig Jahren war ich kürzlich selber einmal Adressat einer solchen Sache und durfte nach New York reisen. Der Herr Kulturattaché war sehr feingeistig, keine Frage. Ich habe dort auch schön meinen Vierziger gefeiert, und es war nett, nach dem Auftritt aus der Kulturbotschaft rauszugehen und vor der Auslage von Cartier zu stehen. Nur: Geschäftlich helfen einem solche Auftritte nicht weiter. Da trete ich besser in einem kleinen Club auf.

Vor zwanzig Jahren gab es Falco, vor zehn den Elektronikboom, heute ist Popmusik aus Österreich international wenig präsent.

Da gibt es schon Gruppen, die das schaffen. Aber die sind nicht interessant fürs Feuilleton. Meine Metal-Freunde von Pungent Stench sind international extrem aktiv. Generell gibt es im Punk/Hardcore-Sektor einige Bands, die man in Österreich kaum kennt, weil sie mehr im Ausland unterwegs sind. Das sind Typen, die normal hackeln und immer ein paar Wochen Urlaub aufsparen, in denen sie dann herumtouren.

Das bewirkt mehr als ein Stand auf Branchenmessen wie der Popkomm oder der Midem?

Sicher, so was ist ja nur für die Majorlabels interessant. Ich war einmal dabei, wie sich der Posthof Linz auf der Popkomm eingekauft hat. Das war ein Desaster. Die haben für ihren Showcase natürlich die schundigste Location am Arsch der Welt bekommen. Da wurde dann auch gar nicht gespielt, weil keine Leute gekommen sind und der Veranstalter das gleich abgedreht hat.

Sie sind vom Wirtshaus bis zum Burgtheater schon in sehr vielen Hütten aufgetreten. Es heißt immer, vielen Veranstaltern gehe es schlecht.

Vom Tingeltangel her habe ich da schon einen Einblick. Außerdem kriege ich in der Stadtwerkstatt aus erster Hand regionale Kulturpolitik vorgeführt. Den Veranstaltern, mit denen ich zu tun habe, geht es schon länger schlecht. Einsparungsmaßnahmen sind ja schon in großkoalitionären Tagen eingeleitet worden, die wurden unter Schwarz-Blau nur mehr verschärft.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Meine Freunde vom Kulturverein Avalon aus Allentsteig haben sehr zu kämpfen. Als Dankeschön dafür, dass sie schon so lang auf eigenes finanzielles Risiko Veranstaltungen machen, hat das Land Niederösterreich ihnen jetzt auch noch das Donaufestival vor die Nase gesetzt, das enorm viel Geld bekommt. Eine Zeitlang haben die Avalon-Leute ihre Veranstaltungen in Heidenreichstein gemacht, da hat sie jetzt ein roter Bürgermeister vor die Tür gesetzt. So viel dazu.

Wie sieht es mit Sponsoring durch Firmen aus?

Die investieren ihr Geld lieber in Festivals. Jedes große Festival kostet einem kleinen Veranstalter erstens Publikum und zweitens einen Sponsor. Diese Form von Kultursponsoring durch Partnerschaften mit der Wirtschaft greift nicht wirklich. Wo ich mich bewege, da steigt dir keine Brauerei und keine Bank ein, das ist denen zu klein und zu unglamourös. Wenn du bei der Brau-AG anrufst, dann sagen die: Wir sponsern den Hermann Maier. Und vielleicht Veranstaltungen mit 20.000 Leuten, aber 200 Hanseln irgendwo sind denen egal. Die Folge ist, dass viele Veranstalter Kredite aufnehmen. Wohlgemerkt Privatkredite, für die der Vorstand haftet.

Aber Subventionen sind auch kein Allheilmittel, oder?

Nein, es ginge darum, sich freizuspielen, um Visionen entwickeln zu können. Dafür bräuchte es professionellere Strukturen. In Ungarn zum Beispiel beschäftigen Veranstalter Fundraiser, die Netzwerke für sie bauen und ganze Bandpakete zusammenstellen, die sie dann auf Tour schicken. So etwas kann eine beachtliche Breitenwirkung entwickeln. Aber dafür bräuchte ein Veranstalter ab und an Geld, um eine Zusatzkraft beschäftigen zu können. Selber sind sie von der ehrenamtlichen Arbeit so ausgebrannt, dass sie es gerade noch schaffen, jedes Jahr wieder ihr Förderungsansuchen zu schreiben.

Zurück zu Ihnen. Wie lebt und altert es sich als sogenannter Berufsjugendlicher?

Diese Form von Lebensentwurf haben in der Popkultur heute viele Menschen. Mir kommt vor, man wird nur wahrgenommen und kurz in die Auslage gestellt, wenn es den Leuten gerade passt. Als sich Linz für die Kulturhauptstadt beworben hat, war ich plötzlich interessant. Da bin ich ganz großkotzig in der Präambel gestanden: "Von Bruckner bis Bruckmayr". Ansonsten wird nie mit einem geredet.

Wie geht es Ihrer Stimme, die Sie mitunter ja sehr strapaziert haben?

Die ist gerade ein wenig müde, weil ich in letzter Zeit einige sehr anstrengende Konzerte gehabt habe. Es ist wichtig, körperlich in Form zu sein. Ich gehe viel laufen und boxe auch nach wie vor amateursmäßig.

Das hilft der Stimme?

Kondition ist ganz wichtig, weil ich irre viel Power aus dem Zwerchfell brauche. Ein paar Trainingstechniken für die Stimme habe ich schon auch. Aber wenn sie müde ist, muss ich eine Zeitlang einfach meinen Mund halten.

War der Vierziger ein Einschnitt?

Er war kein großes Thema. Aber ich erinnere mich, dass in der Schule in meinem Biologiebuch gestanden ist: "Mit vierzig hat der Mann alles erreicht, beruflich und auch sozial." (Lacht.) Da habe ich mir gedacht: Na bravo! Mit vierzig ist man heute noch fast Jugendlicher, andererseits ist man natürlich auch auf dem Weg in die Pension.

Gutes Stichwort: Pension. Wie sieht es da aus?

Seitdem es Pflicht ist, bin ich Teilnehmer an der Künstlersozialversicherung. Für mich, der ich eine Zeitlang sogar ein U-Boot war, ist das ein Fortschritt. Am Finanzamt firmiere ich steuertechnisch günstig als Medienkünstler, und der Fonds der Künstlersozialversicherung hält mich als Musiker für förderungswürdig. Da kriege ich einen kleinen Zuschuss. So gesehen habe ich sogar einen sozialen Aufstieg geschafft. Aber man braucht sich nichts vorzumachen, das ist natürlich eine Mindestsozialversicherung.

Also heißt es, arbeiten bis zum Umfallen?

Genau, es macht mir ja Spaß. Erben werde ich auch nichts, um da mal Gerüchten vorzubeugen. Die Eltern haben mir eine gute Ausbildung finanziert, aber sie sind jung und sie sollen das Geld ruhig durchbringen.

Was wünschen Sie sich?

Vom Christkind? Naja, zum Beispiel, dass man nicht ständig noch selber Kosten hat, wenn man einmal zum Spielen ins Ausland eingeladen wird. Mit Fuckhead sind wir recht populär in Japan, aber wir kommen selten hin, weil wir die Flüge selber zahlen müssten. Aber fromme Wünsche habe ich eigentlich nur an mich selber.

Zum Beispiel?

Dass man seine Arbeit besser verkauft. Wenn ich jetzt solo singe oder mit Wipeout mein Synthiepop-Ding mache, ist das kein Problem, aber die Fuckhead-Sachen sind schwieriger zu vermitteln. Mehr Autonomie wäre letztlich das Ziel. Das möge man mir ruhig als Ausverkauf ankreiden, was es ja nicht ist - aber anstatt zu Institutionen betteln zu gehen, bewerbe ich mich lieber direkt bei den Kunden.

Sebastian Fasthuber in FALTER 44/2006



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