SONGS FROM THE LABYRINTH

Sting, john Dowland


Semper Dowland

Pop aus der englischen Renaissance: Sting ist ein überzeugendes klassisches Album gelungen.

Allenfalls sprachlich lassen sich diese Songs ihr ehrwürdiges Alter anmerken: "Come again: Sweet love doth now invite / Thy graces that refrain / To do me due delight / To see, to hear, to touch, to kiss, to die / With thee again in sweetest sympathy." Mit der gar fein gedrechselt formulierten Bitte um "gebührende Beglückung" beginnt einer der schönsten jener 89 (erhaltenen) Songs, die John Dowland (1563-1626) vor rund 400 Jahren komponierte. In ihrer farbenreichen Harmonik voll wohlig-schmerzlicher Dissonanzen, ihrer einfühlsam-expressiven Melodieführung und den gewagten Modulationen der begleitenden Laute jedoch wirken sie allesamt erstaunlich modern, stellen sogar vieles von dem in den Schatten, was sich der Pop des 20. und 21. Jahrhunderts an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten erarbeitet hat.

Auch Dowlands Themen sind kaum andere als die heutiger Singer/Songwriter: Es geht um Liebesleid und Liebesfreud - wobei der katholische Komponist, der lange um die ersehnte Anstellung am protestantischen Hof Elisabeth I. kämpfen musste, der Mode seiner Zeit entsprechend eher einer verklärten Form der Melancholie zugeneigt war als jungspundischem Jubilieren. "Semper Dowland, semper dolens" ("Für immer Dowland, für immer leidend") nannte er eines seiner herzzerreißenden Stücke. Allerdings wird man ihm dabei ein wenig Koketterie unterstellen müssen, denn dass er auch anders konnte, zeigt nicht zuletzt das zitierte "Come again", das in durchaus erwartungsfroher Sehnsucht eine frivole Pointe bietet: Das "to die" am Ende der vierten Zeile darf sehr wohl wie der orgasmische petit mort der Franzosen verstanden werden.

Elf Songs und fünf Lautenstücke Dowlands hat Sting auf "Songs from the Labyrinth" versammelt, und wäre dieses Album ein echtes Popalbum, dann wäre das hitverdächtige "Come again" sicher die erste Singleauskopplung geworden. Doch der einstige Kopf der New-Wave-Band The Police brachte die Platte nicht ohne Grund auf dem renommierten Klassiklabel Deutsche Grammophon heraus. Bei aller Nähe der Renaissancesongs zum heutigen Popformat ist hier kein peinlicher Crossoverversuch zu hören, sondern eine ernstzunehmende, sehr gelungene Interpretation der Musik eines klassischen Komponisten, die auf Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis zurückgreift.

Hauptverantwortlich dafür dürfte Edin Karamazov sein. Der junge bosnische Lautenist, der sich in der Alte-Musik-Szene bereits einen guten Namen als Solist machen konnte und schon im Wiener Konzerthaus zu hören war, sorgt für adäquate und virtuose Begleitung. Aber auch der Popstar selbst ließ seine markante (Kopf-)Stimme an der bedeutenden Basler Schola Cantorum im elisabethanischen Gesang ausbilden - freilich ohne dadurch auch nur in die Nähe des feinziselierten, stets etwas artifiziell wirkenden Klangbildes heutiger Countertenöre zu kommen. Sting bleibt, bei aller neu erlernten Differenzierungskunst, dem herben, hauchig-rauchigen Charme seiner Stimme treu, und genau das verleiht seinem Dowland eine überzeugende, geerdete Authentizität.

Unterbrochen wird das Album von sechs kurzen Lesungen aus Briefen Dowlands, die interessante Einblicke in dessen bewegtes Leben geben. Und an zwei Stellen ist sogar zu hören, wie sich Sting persönlich wacker an der Laute schlägt. Nur eines stört an dieser Platte, die ansonsten als eine der besten des Jahres gelten kann: Anstatt den Aufnahmen jenen intimen Klangraum zu geben, in dem diese höfische Musik einst aufgeführt wurde, wurde ein halliges Klangbild gewählt, das allzu verdächtig an Popplatten erinnert.

Carsten Fastner in FALTER 44/2006



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