Lemonheads

The Lemonheads


Comeback des Jahres?

Der einstige Indierock-Posterboy Evan Dando tritt wieder unter dem Namen The Lemonheads auf - demnächst auch in Wien.

Ich kann es nicht erwarten, wieder in Wien zu spielen", sagte Evan Dando vor dreieinhalb Jahren im Falter-Interview zur Veröffentlichung seines Soloalbums "Baby I'm Bored". "Wien ist eine meiner Lieblingsstädte überhaupt." Der Anlass des Gesprächs war ein hübsches Stück countrygeschulter Indiepop, interessiert hat sich damals aber kaum jemand für die im Stillen glänzende Platte. Entsprechend wenig wurde aus einem konzertanten Wienbesuch des 39-jährigen US-Musikers.

Während Dando sein Soloalbum mit diversen von anderen Kapellen geborgten Begleitern eingespielt hat, stellte er sich jetzt für den zweiten Comebackversuch eine neue Gruppe zusammen. Als The Lemonheads hört sie kurzerhand auf den Namen jener vor zehn Jahren stillgelegten Band, die ihn einst zum omnipräsenten Posterboy der amerikanischen College-Rock-Szene gemacht hatte. Personell ist der lange Zeit als strafverschärfter Drogenschlucker bekannt gewesene Evan Dando zwar der einzige echte Zitronenkopf im neuen Line-up. Da die 1986 gegründeten Lemonheads aber immer schon ein von großer personeller Fluktuation geprägtes Vehikel für ihren Sänger, Gitarristen und Songwriter und keine konstant arbeitende Band waren, hat das schon seine Richtigkeit so.

Ebenso passend war die Entscheidung, die neue Platte schlicht mit dem Bandnamen zu betiteln. Ohne je nostalgisch oder gar verstaubt zu klingen, enthält "The Lemonheads" in elf ökonomisch knapp gehaltenen Songs die Essenz jenes Sounds, der Dando in den frühen Neunzigern zum fröhlich-hedonistischen Gegenstück der düsteren Grunge-Ikone Kurt Cobain machte - Modelfreundinnen, Filmauftritte und Klatschpressendauerpräsenz inklusive.

Unverhohlen dem Pop zugeneigte Gesangsharmonien werden von einer dezent angepunkten, gleichzeitig aber auch dem Folk verpflichteten Gitarre begleitet, darunter pulsiert eine fokussierte Rhythmusabteilung, für die mit dem Schlagzeuger Bill Stevenson und dem Bassisten Karl Alvarez zwei alte Hasen der amerikanischen Punkszene verantwortlich zeichnen. J. Mascis, Kopf der Indierocklegende Dinosaur Jr., steuert ein paar Gitarrenläufe bei, und Garth Hudson von der Siebzigerjahregröße The Band greift bei zwei der elf gefühlvollen Powerpopsongs in die Tasten; kennen gelernt hatte ihn Dando bei einer Edgar-Allan-Poe-Lesung in einer Brooklyner Kirche, bei der Hudson als Organist mitwirkte.

Die durchwegs positiven Reaktionen auf die Platte sorgen jetzt dafür, dass es im Rahmen einer umfangreichen Tournee doch klappt mit einem weiteren Wienbesuch Dandos. "Sorry, Take That, aber das ist das Comeback des Jahres", jubelte etwa die britische Boulevardzeitung The Sun über "The Lemonheads". Das deutsche Musikmagazin Spex lässt Dando derweil vom Cover lachen, bezeichnet ihn als Brian Wilson des Grunge und als Pete Doherty der Neunziger und feiert das neue Album als "die vielleicht beste und wichtigste Gitarrenplatte des Jahres, weil sie das Genre des Gitarrenpunkpop, das in toter Folklore zu erstarren droht, lässig an seine Möglichkeiten erinnert".

Tatsächlich wischt Evan Dandos geschickte Mischung aus Leidenschaft und Abgeklärtheit all das emotional rockende Elend mit einem sanften Lächeln weg, das dieser Tage bei jungen Menschen unter Decknamen wie Panic! At The Disco so große Erfolge feiert. Ein eventuelles Neunzigerjahre-Revival muss also gar nicht so wehtun, wie man das immer befürchtet hatte.

Gerhard Stöger in FALTER 44/2006



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