Born in the UK

Badly Drawn Boy


Unter der Haube

Auf seinem neuen Album "Born in the UK" gibt sich Damon Gough alias Badly Drawn Boy als die unterernährte, britische Version von Bruce Springsteen. Der "Falter" traf den Songwriter im Londoner Grouch Club.

Es ist schön, hier in Soho zu spielen", meint der Mann mit der Wollmütze, "London ist immer ein bisschen schwierig, also nenn ich es lieber meinen Gig in Soho." Sagt's und pflückt einen Evergreen nach dem anderen aus seiner Gitarre und dem zu seiner Linken bereitstehenden Klavier, von "Something to Talk About" über "The Shining", "Pissing in the Wind" und "Once around the Block" bis "Silent Sigh".

Damon Gough alias Badly Drawn Boy ist ein schamloser Großmeister des Understatement. Seit er Ende der Neunzigerjahre mit ein paar auf seinem eigenen Label Twisted Nerve veröffentlichten Singles dem damals reichlich unmodernen Format akustischer Songschreiberei zu einem unverhofften Revival verhalf, hat er mit seinen im Jahresrhythmus erschienenen Alben "The Hour of Bewilderbeast", "About a Boy" (dem Soundtrack zum gleichnamigen Film), "Have You Fed the Fish?" und "One Plus One Is One" innerhalb kurzer Zeit einen beachtlichen Katalog subtiler Seelenwärmer angelegt.

Nach einer für seine Maßstäbe längeren Schaffenspause von zwei Jahren findet sein Comebackauftritt im bescheidenen Rahmen eines bestuhlten kleinen Theaters statt. Die aus unauffälligen Herren im reiferen Alter bestehende Band zeigt keine Ambitionen, Goughs von Manierismen aller Art befreite Bühnenpräsenz zu überbieten. Er besingt seine Beziehungskisten mit der sanften Bestimmtheit eines guten Freunds, der einem um zwei Uhr früh endlich erklärt, was er immer schon loswerden wollte. Gelegentlich können in dieser ebenso eindringlichen wie unanstrengenden Konversation auch gewisse Themen wiederkehren. So kopiert etwa ein neuer Song namens "The Time of Times" einfach die Akkordfolge und den Basslauf von "The Shining" und versieht sie mit einer neuen Melodie.

Ein paar Wochen später, ein paar Häuserecken weiter im Groucho Club in der Dean Street. In der Bar im Erdgeschoß dieser nur für Mitglieder (und deren Gäste) zugänglichen Networking-Zentrale des Londoner Showbusiness-und Medienklüngels herrscht die übliche Atmosphäre vorgetäuschter Formlosigkeit. In Wahrheit schielen natürlich alle verstohlen über die Schulter ihres Gegenübers, wenn Jude Law im Pete-Doherty-Hut langen Schritts durch die Flügeltüren fegt. Und die Art, wie er fegt, verrät, dass er das auch weiß.

Hinter der Lehne eines der Chesterfield-Ledersofas lugt eine Wollmütze hervor, sofort erkennbar als das Badly-Drawn-Boy-Accessoire der Saison. Als Connaisseur origineller Strickmuster hat sich Gough heuer für eine stufige Spirale in dunklem Rotbraun und Beige entschieden. Nach Umrundung des Sofas zeigt sich darunter seine ins durchgesessene Polsterwerk versunkene Gestalt. Unter dem strähnigen Haar und der tief ins Gesicht gezogenen Kopfbedeckung scheinen sich der Mund und die großen, glasigen Augen fast selbstständig zu bewegen. Der Mann unter der Mütze will noch ein Cola, dann beginnt er über sein neues Album zu sprechen, das den augenzwinkernden Titel "Born in the UK" trägt und dessen Titelsong ausgerechnet mit einem Zitat aus der altkolonialistischen Hymne "Land of Hope and Glory" beginnt.

Die Ironie ist zwar kaum zu überhören, aber Gough verspürt das Bedürfnis, sich wirklich ganz genau zu erklären: "Dieser Song war eigentlich ein Unfall. Ich hatte ein Demo davon aufgenommen, und der einzige Satz, den man von meinem Gemurmel verstehen konnte, war ,I was born in the UK'. Ich mochte diese Zeile, aber es war ein einziger Alptraum, einen ganzen Text drumherum zu schreiben. Es ist ein dämlicher, seltsamer Song. Der Titel ist einerseits humorig, andererseits von Springsteen geklaut. Es gibt keinen hymnischen Refrain dazu, sondern nur eine durchgehende Erzählung. Mir kommt die Nummer ein bisschen so wie der unterernährte, kleinere Cousin der amerikanischen Version vor, was wiederum unserem Status als Nation entspricht. Andererseits ist da auch eine zumindest für meine Verhältnisse punkige Energie, und ich komme im Text mit der Anspielung an ,Vicious and his brothers' direkt darauf zu sprechen, wie ich als Kind die Sex Pistols nicht verstand. Das setzt den Titel wieder in Verbindung zu ,Anarchy in the UK'. Was wiederum die Produktion anlangt, wollte ich mich an diesen von Phil Spector inspirierten Sound annähern, den Bruce Springsteen in seiner klassischen Periode von ,Born to Run' hatte. Und all diese Zugänge fügten sich in ,Born in the UK' auf eine Weise natürlich zusammen, die ich auf dem Papier nie erfinden hätte können."

Der Weg zum neuen Album verlief allerdings nicht ohne Hindernisse. Nach seinem Wechsel vom Indie-Label XL Recordings zum Major Emi hatte Gough eigentlich seinen Schnitt halten und schon letztes Jahr ein neues Album herausbringen wollen. Seine Studiosessions mit Smiths-und Blur-Produzent Stephen Street gestalteten sich zunächst auch äußerst vielversprechend. Nach zwei Wochen warteten die Songs nur mehr auf ein paar Overdubs und Texte, aber an diesem Punkt verlor der Songwriter plötzlich das Interesse am eigenen Material. "Stilistisch gesehen ging das nicht in die richtige Richtung. Es gab keinen Brennpunkt und kein verbindendes Thema, nur ein Haufen introvertierter Songs." Damon Gough zog die Notbremse, entschuldigte sich bei Street und fing wieder ganz von vorne an.

Wenn er nicht ein Album pro Jahr fertigstellen könne, dann würde er eben einen Song pro Tag schreiben. "Das war nur meine natürliche Reaktion auf mein Versagen. Ich wollte ein bisschen angeben und mich beweisen."

Zusammen mit Nick Franglen von Lemon Jelly, der unter anderem schon an John Cales Album "Hobosapiens" gearbeitet hat, wühlte sich Gough schließlich durch die nach dem neuen Anlauf entstandenen 300 Songfragmente und konnte dabei einen roten Faden aufgreifen, der direkt zu den Wurzeln seiner musikalischen Existenz zurückführte.

Neben dem Springsteen-Zitat in "Born in the UK" bezieht sich auch die letzte Zeile des Albums auf sein großes amerikanisches Idol: "You're my woman, I'm your man / And if we still don't have a plan / We'll listen to Thunder Road."

Der Song war zu Weihnachten 1984 ins Leben des damals 15-jährigen Damon Gough getreten. "Im Fernsehen lief eine Springsteen-Doku, und als ich dieses Intro von ,Thunder Road' hörte, das Klavier und die Mundharmonika, schnappte ich eine Videokassette und stopfte sie in den Rekorder. Ab da hörte ich mir tagelang und pausenlos nur diesen Song an. Dieses Lied machte mir klar, dass ich aus meinem Leben etwas Besonderes machen musste. Ich wusste damals noch nicht, dass es Musik sein würde. Wenn ich diesen Song nicht gehört hätte, würde ich heute wahrscheinlich nicht hier sitzen."

Robert Rotifer in FALTER 42/2006



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