Friendly Fire

Sean Lennon


All You Need Is Love

Sean Lennon verdeutlicht mit seinem zweiten Album "Friendly Fire", dass auch ein prominentes Herz schmerzt, wenn es gebrochen wird. ,

Es gibt junge Menschen mit bekannten Namen, deren peinlichkeitsresistente Omnipräsenz dazu führt, dass ihr Partyverhalten irgendwann ebenso zum Allgemeingut wird wie ihr Beziehungsleben, ihre Sanges-und Schauspielversuche, ihre Schoßhündchen und ihre per Selfmadevideo ins Netz gestellte Bettakrobatik. Sean Lennon ist da ganz anders, fast könnte man ihn als Gegenteil der Paris Hiltons dieser Welt bezeichnen. Sein relevantester Klatschspaltenauftritt der letzten Jahre galt einer angeblichen Liaison mit Mick Jaggers Tochter Elizabeth; über deren Wahrheitsgehalt verrät ein Google-Check aber ähnlich wenig wie über das sonstige Leben und Schaffen des einzigen gemeinsamen Kindes von John Lennon und Yoko Ono.

Am 9. Oktober 1975 - dem 35. Geburtstag seines Vaters - geboren, war Sean Tara Ono Lennon fünf, als der Ex-Beatle erschossen wurde. Auf Onos Trauerarbeitsplatte "Season of Glass" hatte er 1981 seinen ersten öffentlichen Auftritt, zehn Jahre und eine Schweizer Internatsausbildung später tauchte er dann als Pianist und Co-Songwriter des Songs "All I Ever Wanted" auf Lenny Kravitz' zweiter Platte "Mama Said" auf. 1995 überredete der Multiinstrumentalist seine Mutter, noch einmal ins Studio zu gehen, und gründete mit dem Noiserocktrio IMA gleich die passende Backingband für ihr Album "Rising"; drei Jahre später veröffentlichte der große Beach-Boys-Fan auf dem inzwischen verblichenen Grand-Royal-Label der Beastie Boys sein Solodebüt "Into the Sun". Lennons spielerischer Streifzug durch die Musikgeschichte bekam einiges Kritikerlob, wirklich viele Hörer fand er nicht. Der junge Mann mit dem berühmten Namen schien dennoch gut aufgehoben in der hippen Alternative-Pop-Szene New Yorks, trat in den folgenden Jahren aber lediglich als Nebendarsteller in Erscheinung.

Mit seinem entzückenden zweiten Album "Friendly Fire" ist Sean Lennon jetzt plötzlich wieder aufgetaucht. Obwohl er seine charmante Naivität bewahrt hat, ist für infantile Spielchen kein Platz mehr in den zehn Songs, die durchwegs zwischen harmonischem Sixtiesgitarrenpop und der gepflegten Zuckergusssanftmut der frühen Siebziger angesiedelt sind. "Love is such a dangerous game", lautet der zentrale Satz des Songs "Spectacle", im tiefmelancholischen "Parachute" vergleicht er die Liebe mit einem Flugzeug: "You jump in than you pray / lucky ones remain / in the clouds for days". "Schuld" an der Platte ist eine in die Brüche gegangene Beziehung, nachdem Lennons Lebensgefährtin ihn mit seinem besten Freund betrogen hatte.

Eine Bonus-DVD setzt das Thema "Liebe und ihre Fallstricke" in einem ebenso einfallsreichen wie unterhaltsamen Episodenfilm rund um die zehn Lieder auch optisch um. Produziert hat ihn - wie auch die Musik - Lennon selbst, Regie führte Michele Civetta. Gleich im eröffnenden "Dead Meat" stirbt der tragische Held bei einem klassischen Schwertkampf, später küsst er eine verführerische Wassernixe, um gleich darauf mit einem toten Fisch in der Hand aufzuwachen ("Wait for Me"). Er erkennt den Betrug durch eine Twin-Peaks-artige Traum-Tanzsequenz ("Tomorrow") und endet schließlich in der bedrückenden Einsamkeit des gebrochenen Herzens ("Falling Out of Love").

Eine Tour zur Platte gilt als möglich, weitere Zukunftspläne des Künstlers sind nicht bekannt. Wahrscheinlich ist das aber ohnedies besser so. Schließlich kündigte Lennon zur Veröffentlichung seines Debüts einst vollmundig an, "demnächst" eine HipHop-und eine Jazzplatte machen zu wollen. Geworden ist daraus letztlich nie etwas.

Gerhard Stöger in FALTER 42/2006



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