To Find Me Gone

Vetiver


Fackel des Folk

Hand aufs Herz: Die Sixties waren schon okay. Dabei spreche ich nicht von den erfreulichen Zeitgenossen, die damals das Licht der Welt erblickten, sondern von Popmusik. 85 Prozent der hörbaren Popmusik stammen aus den Sechzigern bzw. den frühen Siebzigern oder knüpfen dort an. Der Produzent und seinerzeitige Leiter des legendären Londoner UFO-Club, Joe Boyd, der damals wirklich dabei war, hat seine Erinnerungen in dem Buch "White Bicycles: Making Music in the 1960s" niedergelegt. Die parallel dazu erschienene CD (Import) gibt einen schönen Überblick über die Musik "Way Back in the 1960s" (so ein Titel der Incredible String Band), in der traditioneller Folk und Psychedelic Tür an Tür wohnten. Neben Zelebritäten wie Pink Floyd (deren erste Single "Arnold Layne" Boyd produzierte), Fairport Convention, Soft Machine, Nike Drake oder Nico gibt es auch schöne Beispiele britischer Verschrobenheit, die es nicht ganz ins kollektive Gedächtnis geschafft haben. Oder kann sich noch jemand an die Purple Gang erinnern?

Nicht auf der Kompilation vertreten ist die Folk-Supergroup Pentangle. Über Gründungsmitglied Bert Jansch meinte Neil Young einmal, er habe in den Sechzigern für die akustische Gitarre dasselbe geleistet wie Jimi Hendrix für die elektrische. Dass der Mann eine saubere Saite zupft, beweist er auch auf seinem 23. Soloalbum "The Black Swan" (Sanctuary/edel). Dass die Fackel des Folk weitergetragen wird, zeigt Janschs Kooperation mit jungen Kräften wie Beth Orton oder dem ubiquitären Devendra Banhart, die u.a. in wackeligem "Unisono" das Traditional "Katie Cruel" anstimmen.

Gastauftritte auf diesem wunderbar unaufgeregten Album absolvieren auch einige Mitglieder der Band Vetiver, an deren jüngstem Album "To Find Me Gone" (Fatcat) insgesamt 22 Leute beteiligt waren. Wunderbare Refrains und ein postrockistisch definierter Folk finden sich hier zum überzeugenden Oxymoron depressiven Jubilierens zusammen, die von dem Quintett Midlake auf "The Trials of Van Occupanther" (Bella Union) noch um ein, zwei Drehungen weitergeschraubt wird. Dank der unglaublich anrührenden, an einen heterosexuellen Rufus Wainwright erinnernden und auch viele Worte mit großer Leichtigkeit bewältigenden Stimme von Tim Smith und einer gewissen Zügigkeit gewinnt diese fagottbewehrte folkrockistische Frauenverstehermusik über karge Landschaften und nicht zustande gekommene Hochzeiten eine Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. Ein Herzensalbum des Jahres!Gastauftritte auf diesem wunderbar unaufgeregten Album absolvieren auch einige Mitglieder der Band Vetiver, an deren jüngstem Album "To Find Me Gone" (Fatcat) insgesamt 22 Leute beteiligt waren. Wunderbare Refrains und ein postrockistisch definierter Folk finden sich hier zum überzeugenden Oxymoron depressiven Jubilierens zusammen, die von dem Quintett Midlake auf "The Trials of Van Occupanther" (Bella Union) noch um ein, zwei Drehungen weitergeschraubt wird. Dank der unglaublich anrührenden, an einen heterosexuellen Rufus Wainwright erinnernden und auch viele Worte mit großer Leichtigkeit bewältigenden Stimme von Tim Smith und einer gewissen Zügigkeit gewinnt diese fagottbewehrte folkrockistische Frauenverstehermusik über karge Landschaften und nicht zustande gekommene Hochzeiten eine Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. Ein Herzensalbum des Jahres!

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2006



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