I'm Your Man (L.Cohen)

Original Soundtrack


Und führe uns in Versuchung

Das erste Konzert war innerhalb von zwei Tagen ausverkauft. Und beim daraufhin angesetzten Wiederholungskonzert dauerte es auch nicht viel länger, bis der Große Saal des Wiener Konzerthauses bis auf den letzten Platz ausgebucht war. Leonard Cohen kommt. Und keiner will's versäumen.
Es ist die erste Tour seit 15 Jahren. Und wahrscheinlich die letzte. Am 21. September, kurz vor seinen Wien-Konzerten, wird Leonard Cohen 74 Jahre alt. "Ich dachte, wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es mit 75, 77 oder 80 vermutlich auch nicht mehr machen", erklärt er in einem Interview mit dem Rolling Stone, warum er überhaupt wieder auf Tour ist. Abgesehen davon, kann er das Geld aber schon auch brauchen. Vor ein paar Jahren musste Cohen feststellen, dass seine Managerin sein Vermögen veruntreut hatte. Er wäre zwar wohl auch so über die Runden gekommen, doch diese Tournee ist wahrscheinlich seine letzte Chance, noch einmal das Konto aufzufüllen.
Seine Fans sind enthusiastisch und liquide genug, um sich auch von 200-Euro-Tickets nicht abschrecken zu lassen. Dafür bekommen sie aber auch, was sie wollen: einen charmanten, bestens disponierten Künstler, der sich rund drei Stunden lang (inklusive Pause) durch sein Repertoire spielt. "Er erzeugt in kürzester Zeit einen Grundton der Sympathie und Vertrautheit zwischen dem Publikum, seinen Musikern und sich selbst, der in wunderbar leichter Schwebe den Abend mitträgt", schwärmt der Pianist Markus Hinterhäuser, der für die Salzburger Nachrichten vom Auftakt der Europatournee Mitte Juni in Dublin berichtete.
Die Comeback-Tour, die im September nach einer siebenwöchigen Pause fortgesetzt wird und den Sänger bis Ende November durch ganz Europa führt, ist ein Triumphzug. Und das, obwohl Leonard Cohen den Gutteil der vergangenen 15 Jahre in einem kalifornischen Zen-Kloster verbracht und nur zwei Alben veröffentlicht hat, die auf nicht sonderlich viel Resonanz stießen (ein neues Album ist für Ende des Jahres angekündigt).
Doch Leonard Cohen steht längst über solchen Dingen. Unabhängig von Trends oder Verkaufszahlen ist er eine Instanz, auf die sich in der Musikwelt fast alle einigen können. Martin Gore, der Kopf der Elektropopband Depeche Mode, zählt ebenso zu Cohens Bewunderern wie der Punk-Barde Nick Cave oder eben ein E-Musiker wie Markus Hinterhäuser, der Cohen inzwischen übrigens auch nach Montreux nachgereist ist. Frauen liegen dem Charmeur zu Füßen, Männer können sich mit ihm identifizieren. Leonard Cohen ist ein Solitär, ein Phänomen, das sich mit dem Modell "Rockstar" nur unzureichend erklären lässt. Er rockt ja gar nicht. Warum also fasziniert uns dieser Mann bloß so?
Ein cooler Alter Das Erste, was Leonard Cohen den meisten anderen Stars voraus hat, ist das Geburtsdatum. "The last time I was on stage, I was nearly 60, a kid with a crazy dream", pflegt er bei seinen Comeback-Konzerten schelmisch anzumerken. Mit seinem fortgeschrittenen Alter hat er schon vor 20 Jahren, in dem Lied "Tower of Song", kokettiert: "Well my friends are gone and my hair is grey / I ache in places where­ I used to play".
Von wegen forever young: Leonard Cohen war schon immer der Klassenälteste. Als er seine erste Platte veröffentlichte, war er immerhin bereits 33. Heute ist das für einen Rockmusiker kein Alter, aber damals zögerte die Plattenfirma mit der Vertragsunterzeichnung, weil man daran zweifelte, dass das Debütalbum eines Thirty­something Erfolg haben könnte. Als Cohen sich seinerzeit an die Sängerin Nico heranmachte, erlebte er eine der seltenen Abfuhren seiner erotischen Karriere. "Ich bin ihr durch ganz New York nachgelaufen", erinnerte er sich später. "Irgendwann hat sie dann gesagt: ,Hör mal zu, ich steh auf junge Männer.'"
Cohens Alter ist aber auch eines seiner besonderen Kennzeichen. Wer zehn Jahre älter ist als die anderen, verfügt auch über entsprechend mehr Lebenserfahrung. Wenn ein Mann, der schon was erlebt hat, von Liebe und Schmerz erzählt, hat das einfach mehr Gewicht als bei einem 20-Jährigen. Altern in Würde, das vielen Rockstars so schwer fällt, ist für Leonard Cohen kein Problem. Er war immer schon ein cooler Alter.

Hier singt der Dichter Als Cohen zur Gitarre griff, hatte er schon eine durchaus ernsthafte Karriere als Schriftsteller hinter sich. Er hatte vier Gedichtbände und zwei Romane veröffentlicht, wurde in Nordamerika als aufstrebender Dichter wahrgenommen. Aber Lyrik verkaufte sich schon damals nicht gut, und auch seine Romane waren von Bestsellern weit entfernt. Der Wechsel ins Singer/Songwriter-Fach war zunächst also finanziell motiviert, und im Grunde seines Herzens ist Cohen Dichter geblieben. Viele seiner Songs waren ursprünglich Gedichte, und er hat nie aufgehört, Lyrik zu schreiben (die deutsche Übersetzung seines jüngsten Gedichtbands "Buch der Sehnsüchte" erscheint Anfang Oktober im Blumenbar Verlag). Aber schon 1969 hatte Cohen erkannt: "Alles, was ich schreibe, hat Gitarren hinter sich, sogar die Romane."
Als der Produzent John Hammond von Columbia Records Cohen zum ersten Mal singen sah, erinnerte ihn der Quereinsteiger an einen aufstrebenden jungen Künstler, den er damals unter Vertrag hatte: "Wenn aus einem Sänger wie Bob Dylan ein Dichter werden kann, warum soll aus einem Dichter wie Leonard Cohen kein Sänger werden können?" Dylan und Cohen, die einander übrigens kennen und schätzen, werden oft miteinander verglichen. Neben biografischen Parallelen haben die beiden Künstler auch dies gemeinsam: Sie haben die Rockmusik literarisch satisfaktionsfähig gemacht. Dylan gilt seit Jahren als seriöser Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Und auch Cohen ist ein Literat, dessen Hauptwerk seine Songs ausmachen: In jedem Vers spürt man, dass es die Songs eines Dichters sind.

Einer von uns Der Kanadier Leonard Cohen ist ein "europäischer" Künstler. "Europa ist für mich kein fremdes Land", sagte er 2001 in einem Falter-Interview. "Meine Mutter war Russin, mein Vater kam aus Polen." Cohens erstes literarisches Vorbild war der spanische Dichter Federico García Lorca (der Song "Take This ­Waltz" basiert auf einem Lorca-Text), und große Teile der 60er-Jahre verbrachte er in der Tradition des armen Poeten auf der griechischen Insel Hydra, auf der es damals weder Strom noch fließendes Wasser gab. (Als auf Hydra dann die ersten Strommasten aufgestellt wurden, inspirierten ihn die Vögel auf den Leitungen zu dem Klassiker "Bird on a Wire".)
Cohens Liebe zum Alten Kontinent blieb nicht unerwidert. In den 80ern war seine Karriere in den USA dermaßen ins Stocken geraten, dass das Album "Various Positions" dort zunächst gar nicht veröffentlicht wurde. In Europa hingegen war von einer Krise keine Spur. Die Platte verkaufte sich gut, die Konzerte wurden gestürmt. "Europäer schätzen Leute, die nicht singen können, deren Stimme aber mit dem Herzen verbunden ist", sagte Cohen damals in einem Interview. Stimmt.

Diese Stimme! Niemand klingt wie Leonard Cohen. Seine dunkle, brüchige, traurige Stimme ist sein Markenzeichen, sie hat etwas Magisches. Er spricht mehr, als er singt, und die Musik scheint bei ihm hauptsächlich dazu da zu sein, diese Stimme möglichst gut zur Geltung zu bringen. Auf den frühen Platten bettete er sie auf dicht gewobene Gitarrenteppiche, später legte er synthetische Sounds darunter, die manchmal ziemlich billig klangen. Aber Cohens Stimme geht so tief, dass flache Arrangements kaum ins Gewicht fallen.
"Es ist eine Stimme, die in Kirschwasser, Schwefel, Moschus und Schnee gebadet und in Sackleinen aus einem zerstörten Kloster eingewickelt ist. Sie wird von der glühenden Asche gewärmt, die die Zigeuner am Fluss zurückgelassen haben", schwärmt der Schriftsteller Tom Robbins im Booklet zur Tribute-CD "Tower of Song" von 1995. "Es ist eine Stimme, die dazu da ist, Frauennamen auszusprechen – und ihre manchmal gefährlichen Reize aufzuzählen. Niemand kann das Wort ,nackt' so nackt sagen wie Cohen."

A Ladies' Man Was die Anzahl seiner Frauenbekanntschaften betrifft, kann es Leonard Cohen wahrscheinlich locker mit den führenden Vertretern der Abteilung Sex & Drugs & Rock 'n' Roll aufnehmen. Es dürften viele gewesen sein, sehr viele. "Es gab mal eine Phase in meinem Leben, wo ich wie besessen davon war, die Herzen der Frauen zu erobern", resümierte er mit Mitte 50. "Ich habe in jener Zeit einige sehr interessante Erfahrungen gemacht, und wahrscheinlich stammt das meiste, was ich über mich und andere gelernt habe, aus jener Zeit der Besessenheit."
Zu Cohens Geliebten zählten unter anderem die Kolleginnen Janis Joplin, Joni Mitchell und die Schauspielerin Rebecca De Mornay. Joplin habe er im Aufzug des New Yorker Chelsea Hotels getroffen, erzählte Cohen; sie habe nach Kris Kristofferson gefragt, er habe schlagfertig geantwortet: "Sie haben Glück, meine Kleine, ich bin Kris Kristofferson!" Der Dialog ist vermutlich erfunden, die Affäre mit Joplin ist es nicht; nach ihrem Tod widmete Cohen ihr den Song "Chelsea Hotel #2".
Wie viele Künstler hat auch Cohen überhaupt erst zu schreiben begonnen, um sich bei Frauen interessant zu machen. Es ist ihm gelungen wie nur wenigen. Seine melancholischen Songs und seine magische Stimme wirkten Wunder. Sogar die unverblümte Erwähnung von Oralverkehr ("giving me head on the unmade bed") oder einer Erektion ("don't go home with your hard-on") klang bei Cohen nicht peinlich, sondern sexy. Und der Mann war sich seiner Wirkung sehr bewusst. Schon 1964 hatte Cohen ein schlicht "Poem" betiteltes Gedicht geschrieben, das er auf Konzerten später gern rezitierte: "Es gibt da einen Mann, der Worte so schön sagen kann, dass Frauen sich ihm hingeben, wenn er nur ihren Namen ausspricht."
Deutlich demütiger klingt es, wenn Cohen auf seinem bisher letzten Album "Dear Heather" auf sein Liebesleben zurückblickt: "Wegen ein paar Songs, in denen ich von ihrem Geheimnis sprach, waren Frauen zu einem alten Mann wie mir immer sehr freundlich."
Leonard Cohen ist einer der großen Verführer der Rockgeschichte; ein sensibler Macho, wie ihn die Frauen lieben und die Männer respektieren. Der paarweise Besuch eines Cohen-Konzerts dürfte selten zu Beziehungskrisen führen. Eher im Gegenteil.

Der arme Sünder Frauen benutzte Cohen
oft nur, um seine Dämonen zu verscheuchen. Im Kampf gegen die Depressionen wurden auch Alkohol, Tabletten und alle möglichen Drogen gern genommen. Die frühen Konzerte müssen zum Teil niederschmetternd gewesen sein. Ein kanadischer Kritiker fand 1970, Cohen trage "gewinnende Selbsterniedrigung" zur Schau und hinterlasse den Eindruck eines "traurigen und gequälten Wüstenlandes". 1972 in Israel ging's ihm während eines Konzerts psychisch so schlecht, dass er abbrechen musste; nachdem Cohen und seine Musiker in der Garderobe LSD genommen hatten, kamen sie wieder auf die Bühne – und brachen in Tränen aus. Das begeisterte Publikum sah nur die Intensität und nicht die Verzweiflung, die dahintersteckte.
Feste Beziehungen waren generell nie Cohens Stärke; es war bestimmt nicht immer lustig, mit ihm zusammen zu sein. Nach der gescheiterten Ehe mit Suzanne (die Mutter seiner zwei Kinder hat mit dem gleichnamigen Song übrigens nichts zu tun) zog er diesbezüglich die Konsequenzen: In den letzten 30 Jahren hat er nie wieder richtig mit einer Frau zusammengelebt. Was natürlich nicht heißt, dass Frauen keine Rolle mehr spielen würden. Als Cohen vor ein paar Jahren gefragt wurde, ob es eine Frau in seinem Leben gebe, antwortete er ausweichend: "Es gibt immer eine Frau, die ich liebe." Zurzeit ist er mit der Sängerin Anjani Thomas liiert, die auch an seinen letzten Platten mitgewirkt hat.
Leonard Cohen ist ein hoffnungsloser Liebender. Und er wird auch deshalb geliebt, weil er Fehler hat.
Der heilige Leo Cohen ist, wie der Name schon verrät, Jude. Sein Großvater mütterlicherseits war Rabbi, Cohen hat seine Wurzeln nie verleugnet. Sein Werk ist voller religiöser Anspielungen ("Story of Isaac", "Hallelujah", "Who by Fire"), nach der Scheidung suchte er unter anderem im Talmudstudium Trost.
Sein Judentum hat Cohen jedoch nicht davon abgehalten, auch mit anderen Religionen zu experimentieren; 1968 war er sogar Mitglied von Scientology – allerdings nur für ein paar Monate. Wenig später lernte Cohen den Zen-Buddhismus kennen. Ein Freund machte ihn mit dem (inzwischen 101 Jahre alten) Zen-Meister Roshi bekannt, der auf Mount Baldy bei Los Angeles ein Kloster aufgebaut hat. Dorthin hat sich Cohen immer wieder zurückgezogen, um zur Ruhe zu kommen; die Zeit zwischen 1994 und 1999 hat er durchgehend auf Mount Baldy verbracht.
Das scheint gewirkt zu haben. Bei der letzten Tournee 1993 brauchte er vor jedem Auftritt noch bis zu drei Flaschen Rotwein gegen die Angst. Jetzt trinkt er kaum noch. Auch die Zigaretten, denen Cohens Stimme einiges zu verdanken hat, schmecken ihm nicht mehr. "Früher waren Tourneen für mich keine musikalischen Ereignisse", sagt er im Rolling Stone. "Es war einfach life on the road: zusammen trinken, zusammen feiern, wie in einer Motorradgang. Dieser Aspekt hat mittlerweile überhaupt keine Bedeutung mehr. Was zählt, ist die Musik."
Leonard Cohen führte ein Leben, in dem Spiritualität und Spirituosen einander nicht unbedingt ausgeschlossen haben. Auf seiner lebenslangen Suche nach Erlösung ist er viele Wege gegangen. Er hat uns offen und ehrlich davon erzählt, ohne jemals ins Predigen zu verfallen. Auch dafür lieben wir ihn.

Wolfgang Kralicek in FALTER 38/2008



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