Keepin' Me

Stereotyp


Soul im Eigenbau

Auf dem Album "Keepin Me'" setzt der Wiener Produzent Stereotyp seine Basswaffen ein, um die Seele zu massieren.

Die Rezeption elektronischer Musik setzt gern das Bild vom Soundforscher ein. Als Kritiker macht man es sich damit einfach, erspart man sich durch diesen Begriff doch eine nähere Beschreibung davon, wie ein Laptop-und Studioartist konkret Musik macht. So ist über die Jahre ein Mythos in sich versunkener junger Genies entstanden, von denen viele in Wahrheit jedoch - von wegen Forschung - auf vorgefertigte Klänge zurückgreifen.

Wir wissen nicht, wie Stefan Mörth alias Stereotyp in seinem gemütlichen Studio im 18. Bezirk am lebenden Klang operiert. Sein zweites Album "Keepin' Me" legt allerdings nahe, dass der international geschätzte Produzent futuristischer Roots-Musik selber baut. Derart fortgeschrittene Studien in Basswissenschaft und Beatprogrammierung, wie sie bereits sein Debüt "My Sound" (2002) kennzeichneten, entstehen nur durch Hingabe. Seinem Umkreis zufolge soll Stereotyp denn auch bis zu neunzig Prozent seiner wachen Stunden im Studio zubringen.

Stereotyps Debüt war geprägt von einer technoiden Klangästhetik, die der gepflegte Dancehall-Liebhaber vielleicht als ein wenig harsch empfunden haben mag. Dafür darf auf dem neuen Werk manchmal die Sonne durchlugen. Seine auf einer einigermaßen funktionierenden Anlage mächtigen Bässe lässt Mörth diesmal auf weichere Art vibrieren. Die Veränderung ist einem schleichenden Stilwechsel geschuldet: War "My Sound" moderner Dancehall mit Spurenelementen von Soul, verlegt "Keepin' Me" den Fokus auf Soul.

Soul meint hier nicht einen räuberischen Streifzug kreuz und quer durch die Archive der großen Labels Motown oder Stax, wie es im US-R'n'B seit vielen Jahren Usus ist. Das samplefreie "Keepin' Me" wartet mit Stereotyps eigener Version von Soul auf, die irgendwo zwischen der - natürlich auch ihn nicht unbeeinflusst lassenden - Vergangenheit (Marvin Gaye, D'Angelo) und einer ungewissen Zukunft aufbaut. Obwohl viele Stücke von Liebe erzählen, ist die Grundstimmung eher melancholisch.

Stereotyp hat für jedes einzelne Stück von Grund auf einen neuen Sound kreiert. Man hört dem Material an, dass es aus Intuition und Liebe zum Detail entstanden ist. Damit der Produzent in den langen Sessions mit sich selbst nicht im eigenen Saft zu köcheln begann, holte er sich Freunde zum Singen und Rappen ins Studio. Sie machen das Album von einer beeindruckenden Produzentenleistung zu einer berührenden Angelegenheit.

Mit den Stimmen von Sandra Kurzweil (die österreichische Lauryn Hill?), Hubert Tubbs, Cesar Sampson, Cappadonna oder RQM hat sich Stereotyp etwas Besonderes einfallen lassen. Sie finden sich teils zu Duetten zusammengeschnipselt oder in mehreren Lagen übereinandergeschichtet. Immer steht dabei die Wirkung im Vordergrund. Überhaupt dürfte nicht innovatorischer Spieltrieb, sondern die Suche nach größtmöglicher Intensität im Ausdruck als Motor für "Keepin' Me" gedient haben.

Zu guter Letzt erzählen die 14 Stücke eine Geschichte, wie es heute im Albumformat nur mehr selten der Fall ist. Eingerahmt von den Schleichern "Keepin' Me" und "Fool for You", auf denen Hubert Tubbs zeigt, warum er in den Siebzigerjahren die Stimme der Funkheroen Tower Of Power war, spannt das Album von hiphoppigen Stücken über clubbigere Tracks bis zum schwülen Schlussblock einen schönen Bogen. Forschung zahlt sich aus, aber hier ist an einigen Stellen auch Magie am Wirken.

Sebastian Fasthuber in FALTER 40/2006



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