Antidepressant

Lloyd Cole


Big in Portugal

Vor zwanzig Jahren war Lloyd Cole ein Star. Jetzt ist er keiner mehr, obwohl seine Platten um nichts schlechter sind als damals. Porträt eines verkannten Gitarrenpopgenies.

Vor zwei Jahren hat Lloyd Cole die alte Band noch einmal zusammengebracht. Zum zwanzigjährigen Jubiläum des Debütalbums "Rattlesnakes" (1984) absolvierten Lloyd Cole and the Commotions eine sehr erfolgreiche Reunion-Tour durch Großbritannien. Sie spielten ausschließlich Songs der drei Commotions-Alben aus den Achtzigern, und die in Scharen gekommenen alten Fans waren glücklich. Auch Lloyd Cole hat die Konzerte genossen. "Ich bin froh, dass wir es gemacht haben. Nostalgie ist okay, solange sie nicht zum Fulltimejob wird." Aber obwohl zum Reunion-Konzert in London achtmal so viele Leute kamen wie zu Coles Soloauftritten, möchte er nicht mehr tauschen. "Mir ist damals klar geworden, dass ich glücklicher bin mit dem, was ich jetzt mache."

Das Komische daran ist, das sich das, was Lloyd Cole jetzt macht, gar nicht so sehr von dem unterscheidet, was er damals mit den Commotions gemacht hat. Er singt immer noch diese zartbitteren, ironischen und manchmal auch etwas blasierten Songs mit den klugen Texten und den schwerelosen Melodien. Es interessieren sich bloß wesentlich weniger Leute dafür. Als 1985 kurz vor Weihnachten das zweite Album der Commotions, "Easy Pieces", in den Handel kam, wurden innerhalb eines Monats allein in Europa 500.000 Stück davon abgesetzt; heute ist "Easy Pieces" nicht mehr lieferbar, und Coles letztes Album "Music in a Foreign Language" (2003) verkaufte sich insgesamt nur 50.000-mal. Das ist zwar immer noch eine Zahl, die viele Musiker stolz machen würde. Für einen Mann aber, der schon einmal so groß war wie Lloyd Cole, ist es "nichts". Obwohl er auch nach der Auflösung der Commotions 1989 einige exzellente Platten (und keine einzige schlechte) gemacht hat, gingen die Verkaufszahlen stetig zurück. Majorvertrag hat Cole schon lange keinen mehr, die Homepage wird vom Künstler höchstpersönlich (und entsprechend unregelmäßig) betreut.

Das wunderschöne "Music in a Foreign Language" hatte Cole nur mit Gitarre eingespielt. Die neue, insgesamt zehnte Platte heißt "Antidepressant", und obwohl eine Band darauf zu hören ist, handelt es sich wieder um ein Soloalbum. Neunzig Prozent der Musik spielte Cole selber ein, sogar ans Schlagzeug hat er sich geklemmt. "Der Vorteil daran ist, dass ich mir die Zeit nehmen kann, die ich brauche. Und ich brauche Zeit, weil ich kein klassisch ausgebildeter Musiker bin. Ich weiß nur, wie eine Platte klingen soll und wie nicht." Bei "Music in a Foreign Language" hatte er das Gefühl, genau die Platte gemacht zu haben, die er machen wollte. Aber was heißt das schon? "Ich sehe keinerlei Korrelation zwischen der Qualität meiner Alben und dem Erfolg, den sie hatten", sagt Cole selbstbewusst.

Ob er sich vom Schicksal ungerecht behandelt fühlt? "Das kommt darauf an, an welchem Tag Sie mich das fragen. Einerseits finde ich schon, dass es in der Musiklandschaft einen Platz für mich geben sollte, an dem man mich besser hören kann. Aber andererseits bin ich immer noch sehr glücklich, dass ich überhaupt noch gehört werde." Am populärsten ist Cole, relativ gesehen, übrigens in Portugal und Schweden. "Das sind die einzigen Länder, in denen ich sozusagen auf dem Cover der Sunday Times war, nicht nur auf dem Cover von Musikmagazinen."

Mehr als ein Jahr lang arbeitete Cole an "Antidepressant". Obwohl das Ergebnis nicht zu Coles allerbesten Werken gehört, ist es natürlich wieder ein feines Album geworden - abgesehen davon, dass eine Platte, auf der Scarlett Johansson und "Six Feet Under" erwähnt werden, grundsätzlich nicht schlecht sein kann. Der Titel ist allerdings etwas irreführend: Als Antidepressivum kann das Album nur bedingt empfohlen werden; auf den meisten Stücken klingt Cole so melancholisch wie eh und je.

"Ich glaube nicht, dass es insgesamt ein melancholisches Album ist", widerspricht Cole. "Die Songs handeln einfach von einer bestimmten Unentschlossenheit, die man in der Mitte des Lebens verspürt. Da ist es manchmal etwas schwierig, Werte zu finden, die nichts mit deiner Karriere oder deinen Kindern zu tun haben, sondern mit dir selbst. Ich liebe meine Kinder, aber ich möchte nicht, dass sich mein ganzes Leben nur um sie dreht. Ich möchte auch nicht, dass meine Frau ihr Leben für sie opfert. Wir sind nicht Jesus!"

Seit 1990 lebt der heute 45-jährige Cole in den USA. Nach der Auflösung der Commotions und dem Ende einer Beziehung ("Ich war 27 und ein grantiger alter Mann!") flüchtete er aus London nach New York, wo er eigentlich nur ein halbes Jahr bleiben wollte. Aber dann lernte er seine spätere Frau kennen und blieb. Mittlerweile sind die Coles aufs Land gezogen; nicht weit von zu Hause hat sich Cole ein Büro und ein Studio eingerichtet, und auch zum Golfplatz sind es nur zehn Minuten. Weil seine Eltern auf einem Golfplatz arbeiteten, spielt Cole seit seiner Jugend Golf. Heute geht er auf den Platz wie andere zur Meditationsstunde: "Golf ist eines der wenigen Dinge, bei denen ich nicht an meine Arbeit, meine Familie oder den Krieg im Irak denke. Da denke ich nur daran, den Ball ins Loch zu kriegen."

Ganz ohne sportlichen Ehrgeiz ist Cole aber auch im Golf nicht bei der Sache. Mit seinem Handicap 5,3 hat er sich voriges Jahr immerhin für die Landesmeisterschaften von Massachusetts in der Klasse der über 26-Jährigen qualifiziert - "ich wurde dann 99. oder so". Und wie hoch würde Lloyd Cole sein Handicap im Leben einschätzen? "Hm. In Amerika geht das Handicap von 0 bis 24. Ich weiß nicht, 15? Vielleicht auch 10, jedenfalls nicht einstellig. Aber ich arbeite daran! Und vielleicht qualifiziere ich mich ja auch im Leben eines Tages für die Über-26-Meisterschaft."

Wolfgang Kralicek in FALTER 40/2006



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