Von der Skyline zum Bordstein zurück

Bushido


Monotone Monologe

Der deutsche HipHop geht am Zahnfleisch, doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Eine Krankenakte zu neuen Platten von Bushido, Blumentopf und Dendemann.

Kollektivurteile sind gefährlich. Deshalb: Nein, deutscher HipHop ist nicht tot. Aber wann war noch mal die letzte wirklich gute Platte, die einem mehr als ein "Klingt okay" abgerungen hätte? "Blast Action Heroes" von den Hamburger Beginnern fiele einem noch ein, aber das ist auch schon wieder gut drei Jahre her. Danach: großes Schweigen, was die Qualität des Gebotenen angeht, während Aggro Berlin mit Dumpfreimen den großen Reibach machten.

Von einer Krise im deutschen Rap wird schon seit Jahren gesprochen, sogar das Krisengerede selbst sorgt schon für Gähnen. Am stärksten ist das Genre inzwischen von der Gleichgültigkeit bedroht, die ihm entgegengebracht wird. Außerhalb eingefleischter Zirkel interessiert sich kaum noch jemand für Beats, Cuts und Raps aus "Germoney". HipHop, die potenziell kreativste musikalische Ausdrucksform der letzten Jahrzehnte, ist den Leuten ziemlich egal geworden.

Auch viele Aktive scheinen ihrer einstigen Leidenschaft nur mehr aus Gewohnheit und wirtschaftlicher Notwendigkeit nachzugehen. Die Folge ist Dienst nach Vorschrift. Schlagendstes Beispiel: "Von der Skyline zum Bordstein zurück", das neue Album von Bushido. Diesen kennt die deutsch sprechende Welt an sich als Gesellen, der nicht lang fackelt und bei der jugendlichen Hörerschaft nicht zuletzt deshalb so bekannt ist, weil er vergangenes Jahr in Linz einen Fan von einem Bodyguard halb tot prügeln ließ. Der als Kinderverderber zu einigem Ruhm gekommene Deutsch-Tunesier aus den sogenannten Ghettos von Berlin ist nun aber müde geworden. Er hat alle Provokationen durchgespielt und sämtliche Elternvereine gegen sich aufgebracht. Jetzt schürft er zu gewohnt schlechten Beats tiefer, was sich in auf nachdenklich getrimmten Suaden wie "Hast du was bist du was" (eine Lektion fürs Leben) oder "Wenn ein Gangster weint" (Erbarmen!) ausdrückt.

Am unappetitlichen Charakter des Ganzen hat die etwas zahmere Grundstimmung nichts geändert. Besonders Bushidos Darstellung des bei Pubertierenden immer beliebten Themas Ficken stößt übel auf, wird hier doch der Eindruck erweckt, weibliche Teenager würden sich nach nichts mehr sehnen als nach brutaler Gruppenpenetration. "Es wirkt, als wolle man das begehrte Objekt dafür peinigen, dass es eben jenes Begehren in einem selbst auslöst", merkt dazu ein namenloser HipHop-Gelehrter im Internet an. Damit genug von dem Mist.

Die andere Seite der Medaille glänzt auch nicht viel heller. Unter dem Gegenteil von böse Buben versteht man im deutschen HipHop Studenten-Rap. Der Terminus wird leicht abschätzig für jene Exponenten gebraucht, die nicht koksen, sondern nur kiffen und dazu ab und zu ein gutes Buch lesen. Vielen aus dieser Gruppe ist HipHop allein mittlerweile nicht mehr genug. Beim Stuttgarter Trio Blumentopf schlägt sich das auf "Musikmaschine" in einem bunten Stilmix nieder, der Elektro, Techno und Pop einiges verdankt. Das Ergebnis ist zwar ungleich sympathischer als Bushidos monotone Bordsteinmonologe, deshalb aber auch noch nicht zwingend. Während die Soundexperimente ganz putzig klingen, hapert es entschieden am Lyrischen. Man hat eigentlich kein Thema. Da bleibt neben Selbstbespiegelungen nur Trio-beeinflusster Dadastoff ("Horst"), wie ihn die Fantastischen Vier schon vor Jahren in "MfG" stimmiger umgesetzt haben.

Ganz totzukriegen ist Onkel HipHop indes nicht. Obwohl es sich um einen Einzelfall handelt, macht "Die Pfütze des Eisbergs", das Solodebüt von Dendemann, wenigstens für die Spieldauer eines Albums wieder etwas Hoffnung. Hier wird ein Feuerwerk an unverbrauchten Reimen, bewusst schiefen Vergleichen und hellem Wortwitz ("Ich bin kein Rapper / nur ein Bluessänger auf Abwegen / Bin kein Rebell / nur ein Fußgänger auf Radwegen") abgeschossen, wie es seit dem Ende von Dendemanns Duo Eins, Zwo nicht mehr zu erleben war.

Ganze fünf Jahre hat sich die Krächzstimme für das Werk Zeit genommen und - abgesehen von einer sinnigerweise "DasSchweigenDilemma" betitelten EP - nichts veröffentlicht. Ein Rapper, der so lang stumm bleibt, macht sich irgendwie verdächtig. Vielleicht ist er aber auch nur abgetaucht, um in Ruhe über sein Verhältnis zu HipHop nachzudenken. Seine Platte würde es nahelegen. Dendemann kommt keineswegs abgeklärt, sondern mit einer Euphorie zurück, wie sie sonst nur frisch Verliebte an den Tag legen.

Alles, was man tut, soll man so tun, als wäre es das erste Mal, erklärt er seinen Überschwang. Das Rad lässt sich zwar nicht neu erfinden, aber man kann zumindest so tun, als würde man gerade wieder Radfahren lernen. Merkwürdige Logik, doch so macht das Gerappe auf einmal wieder Spaß.

Sebastian Fasthuber in FALTER 39/2006



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