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Comets of Fire


Wahnsinn walte!!!

Mitunter passiert es, dass man die mit Konsensmusik von Calexico geschmackvoll ausstaffierte Bobo-Welt auch ein bisschen satt hat. Hey, Rockmusik ist für ewige Pubertät da - Transzendenz im Turnsaal, Luftgitarre auf der Liegewiese, Megalomanie im Mädchenzimmer! Im Falle von Leuten mit okkulten und anderweitig obskuren Neigungen bietet sich das jüngste Album der schon seit über 20 Jahren unter Leitung von David Tibor amtierenden Musiksekte Current 93, "Black Ships Ate the Sky" (Dutro Jnana), an. Schwarze Schiffe haben den Himmel gefressen, die Apokalypse steht vor der Haustür, aber das kann ja auch sein Gutes haben: "Waked by the trumpet's sound / I from my grave shall rise / And see the Judge with glory crowned / And see the flaming skies", heißt es auf dem leitmotivisch wiederholten "Idumæa", das auf dem 21 Stücke umfassenden Epos sechsmal (in Zahlen: 6) zu Gehör gebracht wird: u.a. von den Gastvokalisten Marc Almond, Bonnie "Prince" Billy und Antony (Antony and the Johnsons). Ein verstörend ruhiges und von Tibors eindringlichem (Sprech-)Gesang gespenstisch grundiertes Album: Armageddon für die Autoanlage.

Zu "Amputechture" (Universal), dem dritten Opus von The Mars Volta, sollten nur sehr routinierte und emotional gefestigte Autofahrer greifen. Die Band von Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-Lopez hat - schon die Namen! - wieder auf Autopiloten geschalten: ein 76 Minuten dauernder Flug durch die musikalischen Exzesse der letzten vier Jahrzehnte, mit zahlreichen Zwischennotlandungen in einem Ozean durchgeknallter Selbstgenügsamkeit. Spandexhosengitarrenwahnsinn, Latinorhythmen, gequälte Saxofone, hysterische Bubenchöre. Sag ja zur 16-minütigen Prog-Rock-Suite mit 72 Tempowechseln!!

Namensgemäß krachen lassen können es auch die Comets of Fire. Auf "Blue Cathedral" (2004) haben sie mit dem Stück "Brothers of Harvest" Pink Floyd zitiert und dem Prog-Rock ihre Reverenz erwiesen. Auf "Avatar" (Sub Pop) finden die fünf formidablen Burschen aus San Francisco aber auch abseits von erhaben glissandierenden Gitarren und durch den Teilchenbeschleuniger geschickten Cream-Riffs zu ganz großen Momenten: "Sour Smoke" ist ein neunminütiger Ritt durchs Monument Valley, und "Jaybird" klingt, als hätten sich The Grateful Dead in einem ihrer fokussierteren Momente über Frank Zappas "Willie the Pimp" hergemacht und es ins All exportiert. Die "Marsianer beim Zahnarzt"-Geräusche könnten freilich etwas dosierter eingesetzt werden.

Klaus Nüchtern in FALTER 38/2006



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