Infinito particular

Marisa Monte


Psychedelischer Samba

Marisa Monte ist einer der großen Stars der brasilianischen Popmusik. Dieser Tage kommt sie mit zwei neuen Platten im Gepäck nach Wien. Porträt einer notorischen Frohnatur.

Für eine einzige Person klingt das alles recht unvereinbar. Aber es gibt sie, die Musikerin, die einerseits vor mehr als 100.000 Leuten auftritt und mit der Freejazz-Avantgarde New Yorks spielt. Die mit Ex-Talking-Head David Byrne im Duo singt und ein eigenes Label betreibt, mit dem sie auch die Sambatradition aus Rio bewahren will. Die sich vom Minimalkomponisten Philip Glass Arrangements schreiben lässt, rund sechs Millionen CDs unter eigenem Namen verkauft hat und kürzlich Ukulele gelernt hat.

Diese Frau heißt Marisa Monte (was wie "Monschi" ausgesprochen wird) und ist einer der Superstars der Música popular brasileira, also der brasilianischen Popmusik. Ganz entgegen ihrer üblichen Praxis, sich mit CD-Veröffentlichungen viel Zeit zu lassen, hat die Sängerin, Komponistin und Produzentin in diesem Jahr gleich zwei Platten parallel veröffentlicht. Und mit ihrem neuen Programm kommt sie dieser Tage auch ins Wiener Konzerthaus, nachdem sie kürzlich in Rio mehr als zehn ausverkaufte Auftritte hintereinander vor je 3500 Leuten hatte. Mit ihrer Ukulele, versteht sich.

"Das direkte Verhältnis zum Publikum hat mein Leben als Musikerin bestimmt", erzählt die 39-jährige Brasilianerin mit Wohnsitz Rio im Falter-Interview. Und: "Meine Karriere hat bis jetzt hauptsächlich auf der Bühne stattgefunden." Diese Karriere begann bereits recht früh: Als Kind lernte Monte neben Gesang noch Schlagzeug und Klavier, ging mit 18 für ein Jahr nach Rom, um dort auf den Spuren ihres Vorbilds Maria Callas klassischen Gesang zu studieren. Nach ihrer Rückkehr wurde sie durch Clubkonzerte schnell bekannt: Ihr Plattendebüt "MM" (1989), das live aufgenommen wurde, ging mehr als eine halbe Million Mal über den Ladentisch.

Bestand Montes erstes Album noch ausschließlich aus Coverversionen von populären Sambas und alten und neuen Klassikern des American Songbook, so änderte sich das bald. Durch die Bekanntschaft mit dem New Yorker Avantgardegitarristen Arto Lindsay (Lounge Lizards, Golden Palominos), der viele Jahre in Brasilien verbracht hatte, lernte sie nicht nur die Downtown-Jazzszene rund um John Zorn & Co kennen, sondern besann sich auch stärker ihrer brasilianischen Wurzeln und ihrer Fähigkeiten als Songschreiberin.

Lindsay war auch der Produzent ihrer nächsten vier Platten, die durch jene ebenso mitreißende wie eklektische Mischung aus brasilianischen Einflüssen, Rock, Jazz und Funk begeisterten, die zu Montes Personalstil werden sollte. Entsprechend bunt ist auch die Liste der musikalischen Begleiter auf den Platten "Mais" (1991), "Rose & Charcoal" (1994), "A Great Noise" (1996) und "Chronicles and Declarations of Love" (2000): Neben brasilianischen Topstars wie Gilberto Gil finden sich zum Beispiel auch der Saxofonist John Zorn, Laurie Anderson oder Melvin Gibbs unter den Mitmusikern.

Dass Monte zwischen den Alben so viel Zeit verstreichen ließ, hatte einen einfachen Grund: "Ich bin dazwischen einfach mit dem Programm getourt, jeweils zumindest zwei Jahre lang mit 200 Konzerten pro Jahr." Weil ihr das, wie es scheint, auch noch zu wenig war, gründete sie 1999 auch gleich noch ihr eigenes Label Phonomotor, auf dem nicht nur ihre eigenen Platten erscheinen, sondern auch solche mit ganz traditionellen Sambas alteingesessener Gruppen aus Rio, die sie so vor dem Vergessen bewahren will.

Nach ihrer bislang letzten großen, 2001 beendeten Tournee machte Marisa Monte dann mit einem Projekt namens Tribalistas international Furore. Gemeinsam mit ihren langjährigen Weggefährten Carlinos Brown und Arnaldo Antunes ging sie mit einem ziemlich einfach klingenden Konzept ins Studio: "Wir wollten nicht arbeiten, sondern einfach nur Spaß an der Musik haben und die Sache genießen. Also taten wir nur das, was uns glücklich macht." Das Ergebnis war ein Album ("Tribalistas"), das sich mit seiner ansteckenden Fröhlichkeit als Stimmungsaufheller in allen Lebenslagen mindestens ebenso bewährt wie der eine oder andere Caipirinha. Die Singleauskopplung "Já Sei Namorar" (zu Deutsch in etwa: "Ich weiß, wie man Liebe macht") stürmte nicht nur in Brasilien, sondern auch in Italien die Charts und war einer der globalen Sommerhits des Jahres 2002.

Passend zu diesem Song wurde Monte während der Produktion der Platte schwanger. Genau zur Veröffentlichung des Albums bekam sie einen Sohn, der in den letzten Jahren zum Lebensmittelpunkt wurde. So viel Zeit zu Hause zu verbringen erinnerte sie zwar ein bisschen "ans Gefängnis", es gab ihr aber auch die Möglichkeit, viel zu komponieren und zu recherchieren. "Im Vorjahr hatte ich dann dreißig neue Songs, zum Teil von mir, zum Teil von den Tribalistas-Kollegen, aber auch Sambas aus den 1940er-und 1950er-Jahren, auf die ich durch Interviews mit alten Sambistas aus Rio gestoßen war." Und weil das Material so umfangreich war, nahm Monte damit gleich zwei Alben auf: zuerst "Universo ao meu Redor" (in etwa: "Das Universum um mich herum") und danach "Infinito particular" ("Private Unendlichkeit"). Im Doppelpack sind die beiden - auch rein optisch - eine Art komplementäres Zwillingspaar geworden.

Anders als ihre bisherigen Veröffentlichungen kommen die beiden neuen CDs musikalisch recht homogen daher, was auch an den ausgeklügelten Klangkonzepten liegt. Für die erste Platte, die traditionelle Sambas zur Grundlage hat, verpflichtete die Sängerin Mario Caldato als Koproduzenten, der unter anderem bei Björk und den Beastie Boys die Finger mit im Spiel hatte. "Das sollte eine Art psychedelische Sambaplatte werden", meint Monte, und das trifft es gar nicht schlecht.

Bewusstseinserweiternd ist auch das ungewöhnliche Instrumentarium, das unter anderem aus Harfe, Fagott, Fender Rhodes und eben der Ukulele besteht, die den gleichen portugiesischen Ursprung hat wie die traditionelle brasilianische Gitarre namens Cavaquinho. Nur dass die Ukulele Darm-und nicht Stahlsaiten hat und anders gestimmt ist, wie Monte erklärt, die auch live mit ihrem neuen Lieblingsinstrument auftritt. "Universo ao meu Redor" ist im Grunde ebenso eleganter, nur eben leicht brasilianisch eingefärbter Pop wie das stärker elektronisch orientierte "Infinito particular", auf der Philip Glass und Deodato mit Arrangements vertreten sind.

Letzte Frage an die notorische Frohnatur: Hat es eigentlich geschmerzt, Brasilien bei der Fußball-WM verlieren zu sehen? "Naja, auch wir können nicht immer Weltmeister werden. Dafür war es schön, Italien gewinnen zu sehen. Wenn ich Menschen sehe, die glücklich sind, dann macht mich das auch glücklich."

Klaus Taschwer in FALTER 38/2006



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