Träumer

Georg Danzer


"Ich war lange unpolitisch"

Demnächst feiert Georg Danzer seinen sechzigsten Geburtstag. Ein Gespräch über Sex als Kommunikationsform, das Legomännchen Karl-Heinz Grasser und Lieder, die die Welt verändern.

Georg Danzer ist, neben Wolfgang Ambros, der Grandseigneur des sogenannten Austropop. Seit "Der Tschik" (1972) hat er mehr als dreißig Alben aufgenommen und an die 500 Lieder geschrieben. Der Wiener, der in seiner Heimatstadt als "Nackerter im Hawelka" berühmt ist und in Deutschland als kritischer Liedermacher erfolgreich war, wird am 7. Oktober sechzig Jahre alt. Auf seinem überdurchschnittlich gelungenen neuen Album "Träumer" blickt er zurück auf verschiedene Phasen seines Lebens. Als die Platte im Juni aufgenommen wurde, wusste Danzer noch nichts von seiner Lungenkrebserkrankung, die Ende Juli diagnostiziert wurde.

Falter: Wir haben ausgemacht, kein Interview über Ihre Krankheit zu führen. Eines müssen wir aber ansprechen: Gleich in mehreren Stücken der neuen Platte geht's um den Tod. War der herannahende sechzigste Geburtstag für solche Gedanken verantwortlich?

Georg Danzer: Wahrscheinlich, aber ein Lied wie zum Beispiel "Mei Aschen" hätte ich vor drei, vier Jahren genauso schreiben können. Ich hab auch schon ein Lied übers Raucherbein oder eine Anleitung zum Selbstmord geschrieben, übers Sterben hab ich mich immer lustig gemacht. Und ich möchte wirklich verbrannt werden; die Vorstellung, in der Erde zu vermodern, finde ich unappetitlich. Aber das Lied bedeutet in keiner Weise, dass ich die Vorausahnung einer möglicherweise tödlichen Bedrohung hatte.

Insgesamt ist Ihre Karriere von zwei verschiedenen Danzers geprägt: dem ernsten, persönlichen Liedermacher Georg und dem spaßigen Schurli. Auf den Platten haben diese beiden Typen abwechselnd die Oberhand. Zufall oder Absicht?

Teils, teils. Das eine ist der Vorstädter, der mit dem Dialekt aufgewachsen ist und das Hochdeutsche als Fremdsprache nachgereicht bekommen hat. Der andere versucht, seinen intellektuellen Ansprüchen in hochdeutscher Sprache Ausdruck zu verleihen.

"Träumer" ist eher nachdenklich und retrospektiv ausgefallen.

Ich habe zu Beginn der Arbeit an dem Album ein Zeit-Interview mit Ray Davies von den Kinks gelesen, das fast kongruent war mit den Empfindungen über meine eigene Vergangenheit: dieses Erwachen in der Zeit der Hippieära, dieser Glaube, durch Lieder die Welt verändern zu können. Heute glaube ich eher, dass man immer nur Einzelne erreichen kann. Es ist zwar gut gemeint, aber naiv zu glauben, dass ein Lied wie "Gebt uns endlich Frieden" wirklich Frieden schafft auf der Welt.

Haben Sie das je geglaubt?

Manchmal glaubt man etwas ein bisschen, weil man es gerne glauben möchte. Wenn man bei einem dieser großen Liedermacher-Open-Airs vor 30.000 Leuten spielt, denkt man wirklich, dass die Leute durch die Musik etwas mit nach Hause nehmen.

Haben Sie in den friedensbewegten Liedern auch deshalb so dick aufgetragen, um die eigenen Zweifel zu überspielen?

Natürlich. Diese brachiale, plakative, barocke Ausdrucksform wäre heute undenkbar, und ich würde auch diese alten Lieder nicht mehr singen. Nicht, weil ich mich dafür geniere, sondern weil ich das Gefühl habe, dass sie nur mehr nostalgischen Wert haben.

Das aktuelle politische Lied ist kein Thema für Sie?

Ich habe 1999 ein Lied über Omofuma geschrieben, "Erstickter Schrei". So etwas schreibst du aber nicht mehr aus dem Glauben, dadurch etwas zu verbessern, da geht es schlicht darum, die eigene Wut abzulassen. Beim Lichtermeer am Heldenplatz habe ich "Der alte Wessely" gesungen und mir dabei die ganze Zeit gedacht: Passt das Lied überhaupt hierher? Gibt es diese alten Nazis noch, die im muffigen Vorstadtwirtshaus Judenwitze erzählen? Sind das heute nicht junge Typen, die fesch und schick daherkommen und ähnliche Transportmittel für ihre Parolen benutzen wie ihre Gegner? Ist das nicht ein bisschen zu einfach, was du da singst?

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Dass dieses Lied in der heutigen Zeit keinen Platz mehr hat. Lieder, die immer passen, sind meistens nicht mit politischen Inhalten befrachtet. Der springende Punkt ist die künstlerische Qualität. Wenn du etwas nur aus einem sozialkritischen oder politischen Aspekt heraus schreibst und die Form schlechter als der Inhalt ist, überdauert das keine langen Zeiträume.

Die Welt hat sich verändert. Sie selbst haben sich aber auch verändert, oder?

Ganz richtig. Man ist älter geworden, nimmt sich manches selber nicht mehr ab, verzeiht sich gewisse Dinge auch nicht mehr. Als junger Mensch ballert man mit dem Schrotgewehr gern in alle Richtungen. Aber wenn die Munition kostbarer wird, überlegst du dir sehr genau, ob sich das auszahlt. Die Leute legen sich ja auch mörderisch selber eine auf. Westenthalers Halbmondgeschichte etwa - das kann man gar nicht besser machen.

Wäre der junge Karl-Heinz Grasser kein Typus, an dem man sich als kritischer Liedermacher so abarbeiten könnte wie früher am alten Wessely?

Grasser ist ein neuer Politikertyp. Das ist kein reaktionärer Mensch, sondern ein Opportunist, der so kompatibel ist wie ein Legomännchen, das in jedes beliebige Legospiel reinpasst, weil überall dieselben Steckkontakte vorhanden sind. Er ist ein intelligenter Bursche, der die Zeichen der Zeit genau erkennt und aalglatt seinen Weg geht. Aber was willst du über den ernsthaft schreiben, wenn du schaust, was da - jetzt ganz bewusst versprochen - die ganze Zeit zum Vorschwein kommt?

Wie sehen Sie als ehemaliger Obmann von SOS Mitmensch rückblickend das "Wendejahr" 2000?

Ich kann mich noch erinnern, dass mir bei der Regierungsbildung zu Hause vorm Fernseher die Tränen runtergeronnen sind, weil ich mich so geschämt habe. Meine Frau hat in ihrer norddeutschen Art gemeint: "Stell dich nicht so an - tu lieber was!" Dann bin ich eben Vorsitzender von SOS Mitmensch geworden, aber der Bringer war das nicht, weil man als Promi in so einer Organisation nicht wirklich hilfreich ist. Über lange Zeiträume nutzt es nur etwas, wenn eine NGO wirklich akribisch arbeitet. Der entsetzliche Alltag hinter den Kulissen ist uns allen ja nicht bewusst.

Warum wurde Schüssel ein zweites Mal gewählt?

Man wollte es nicht anders. Die Primärtugenden der Österreicher sind offenbar immer noch Sparsamkeit, Sauberkeit und Gehorsam, die Primärangst ist die Angst vor dem Fremden: "Wir sind alle leiwande Burschen, weil unsere Schas riechen alle gleich", lautet das Motto. Und wenn einer anders riecht, ist er verdächtig. Im eigenen Gestank fühlt man sich am wohlsten.

Welchen Einfluss hatte Ihr kommunistischer Vater auf Sie?

Er ist 1956 wegen der Ungarngeschichten aus der Partei ausgetreten und hat mir ab dem Zeitpunkt gesagt: "Schau, dass du was lernst, dann bist du in jedem System gefragt, aber lass dich ja nicht auf Politik ein!" Ich bin sowohl von meinen katholischen als auch von meinen kommunistischen Großeltern beeinflusst und entsprechend auch immunisiert worden, weil mich das eine genauso wenig interessiert hat wie das andere. Ich war lange Zeit ein unpolitischer Mensch.

Waren Sie ein Hippie?

Ich habe enge, bunt gemusterte Hemden und Hosen mit Schlag getragen, lange Haare gehabt und ausgesehen wie George Harrison. Du konntest damals nicht mit kurzen Haaren antreten, wenn du leiwande Musik machen wolltest, da gab es einen absoluten Zwang zur Uniformierung.

Die politischen Aspekte der Hippiekultur waren kein Thema?

Politisch bin ich erst durch meine deutschen Musiker und die Atmosphäre in Deutschland geworden. Ich war ab 1978 mehr in Deutschland als in Österreich und dort auch sehr viel auf Tournee. Das Spektrum der Leute bei meinen Konzerten reichte vom ganz linken Rand der RAF-Sympathisanten bis zu Linksliberalen, und das hat mich extrem politisiert. Wobei in meinem Publikum schon auch viele hübsche Mädchen waren.

Und für die haben Sie sich gar nicht interessiert?

Doch, sie haben mich weitaus mehr interessiert als das meiste andere. Ich war zwar nie sexbesessen, aber an Erotik war ich sehr interessiert. Wahllos Frauen abzuschleppen und eine Kerbe für jedes "umgelegte" Groupie in den Kolben zu schnitzen, war kein Thema. Ich wollte Leute kennen lernen und war der Meinung, dass Sexualität eine Möglichkeit ist, an einen Menschen auch innerhalb kurzer Zeit sehr nahe heranzukommen. Und ich habe in der Zeit wirklich enorm viele interessante Leute kennen gelernt - in erster Linie Frauen, weil ich heterosexuell bin.

Das Individuum hat Sie mehr interessiert als die Masse?

Wenn 10.000 Leute ihr Feuerzeug angezündet haben, weil es halt alle machten, hat mich das nie besonders euphorisiert. Mir war auch 1979 schon bewusst, dass eines Tages ein Lied wie "Da Da Da" kommen wird und alle Liedermacher mit ihren bombastischen Wortgeflechten damit der Vergangenheit angehören würden.

Konnten Sie Trio etwas abgewinnen?

Absolut! Als ich "Da Da Da" zum ersten Mal im Radio hörte, dachte ich mir: Das ist etwas ganz Eigenartiges - das ist ja total geil!

Die New-Wave-Kultur war von einer distanzierten Coolness geprägt. Hat Ihre Musik damals in einer Parallelwelt weiterexistiert?

Ungerechterweise sieht das aus eigener Sicht immer anders aus als für den Rest der Welt. Mir hat das unheimlich gut gefallen, und ich wollte dieses Minimalistische, Ironische der Neuen Deutschen Welle unbedingt auch für mich in Anspruch nehmen, ich hab mir sogar einen Schlagzeugcomputer gekauft! Irgendwann stellte ich aber fest, dass ich mir das selber nicht glaube. Ich kehrte wieder zu meinen Wurzeln zurück, aber auch das zu spät - weil inzwischen fernab der Neuen Deutschen Welle etwas Neues entstanden war: Herbert Grönemeyer. Das waren exorbitant gute Texte, großartige Musik, mit sehr viel Druck gesungen. Und ich hab mir gedacht: Wieso bin ich jetzt ein Liedermacher und der Grönemeyer ein Rocksänger? Ich hab doch eigentlich auch immer genau das wollen, was der jetzt macht! Wieso komme ich aus meiner Schublade nicht raus?

In Wien fand 1968 erst 1976 statt, als die Arena besetzt war. Hatten Sie damit etwas zu tun?

Ja, ich habe dort gespielt. Der Rudi Dolezal hat unlängst einen Arena-Mitschnitt gefunden, wo ich sagte: "Man kann vielen Leuten kurze Zeit und wenigen Leuten lange Zeit am Kopf scheißen, aber nicht allen Leuten für alle Ewigkeit." Was natürlich mit gewissen Sympathiekundgebungen im Publikum einherging. Aber ich hab dann auch gesagt: "Sobald der Winter kommt und die Besetzer an den warmen Ofen zurückgekehrt sind, werden die Bulldozer alles niederreißen." Dann haben sie mich ausgepfiffen. Der Ambros ist neben mir gesessen, hat den Kopf geschüttelt und gesagt: "Heast Oida, halt die Gosch'n!" Wir waren an dem Tag aber ohnehin nicht wichtig, weil Leonard Cohen im Konzerthaus spielte und es geheißen hat: "Cohen kommt!" Das war ungefähr wie "Heute spricht der Führer" oder so.

In Ihrem neuen Lied "Es tuat ma lad" entschuldigen Sie sich bei den Frauen Ihres Lebens. Sind Sie ein Macho oder ein Frauenversteher?

Weder noch. Ich kann Frauen nicht verstehen. Das ist so, wie wenn man von Frauen erwarten würde, dass sie Männer verstehen! Aber es geht ja nicht darum, immer alles zu verstehen. Und Machos sind Männer, die Frauen keine eigene Persönlichkeit zugestehen, ihnen keine Chance zur Selbstverwirklichung geben. Das fällt bei mir völlig weg, weil ich nur mit einer Partnerin leben möchte, die emanzipiert ist und sich selbst verwirklichen will. Ich bin auch bereit, das zu unterstützen - bis zu dem Punkt, wo ich das Gefühl habe, zu kurz zu kommen. Man muss natürlich schon auch aufpassen, dass man nicht zum Weh wird. Dass man immer "Eh, Schatzi" sagt, und eigentlich denkt sie sich: "Wann sagt der einmal nein?"

Die Pointe des Songs ist ja, dass Sie am Ende doch nichts bereuen.

Diese Koketterie des Bereuens! Schuld, die man auf sich genommen hat, kann man nicht einfach dadurch loswerden, dass man sagt: "Es tuat ma lad." Das muss man aufarbeiten. Bereuen bringt nix, wenn man daraus nicht gelernt hat, dass man es in Zukunft sein lässt, anderen Menschen weh zu tun.

Mit Macho meinen wir vor allem alte Lieder wie etwa "Ruaf ma a Taxi", in denen Sie eine gewisse Härte an den Tag legen.

Ich war einmal sehr hart drauf, habe mir unliebsame Situationen oder Menschen vom Hals geschafft und stur meinen Weg verfolgt. Das hat sich im Lauf der Zeit abgeschliffen, und ich habe durch eigenes Leid, durch eigene Niederlagen, durch eigene Demütigungen erfahren, wie weh es tut, wenn so mit dir umgegangen wird. Dann gewöhnt man sich das ab. Es verflüchtigt sich wie das Bedürfnis zu rauchen. Oder der Wunsch, möglichst viele sexuelle Beziehungen zu haben. Irgendwann sagt man sich: Die eine genügt. Das ist ein Kapitel in meinem Leben, das abgeschlossen ist.

Wolfgang Kralicek in FALTER 38/2006



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