Rosen für die Arbeitslosen

Christian Wirlitsch


Austrosongwriting

Was sich Wolfgang Ambros wohl denkt, wenn der die neue Dylan-Platte hört? Ein ehrliches "hätte ich es doch bleiben lassen, nachdem der letzte Tanz getanzt war" vielleicht? Oder tröstet er sich damit, dass er selbst 35 Jahre nach "Da Hofa" noch lang keine 65 ist, das große Alterswerk also weiterhin warten kann? "Steh grod" (Ariola/Sony BMG), Ambros erstes reguläres Album seit "Namenlos" (2003), ist ein Problembär. In der Intention, Beziehungsprobleme und die eigene Vergänglichkeit liedhaft zu fassen, ist es aufrichtig und schlüssig und hat durchaus gelungene Momente. "I geh" etwa ist ein in seiner intimen Instrumentierung stimmungsvolles Trennungslied. Musikalisch freilich bedeutet "Steh grod" einen Rückfall ins altbackene Einerlei des Austropop. Und die Texte vermitteln mitunter den Eindruck, als wüsste Ambros nicht wirklich, was er erzählen will und wie er dafür unverbrauchte Worte finden soll. Insgesamt ist das dann zwar immer noch um Hausecken besser als die aktuelle Fendrich-Platte, aber was heißt das schon?

Christian Wirlitsch ist auch schon eine Weile mit dabei, wirkte mit Bands wie The Passengers oder Lassiter aber stets an den Rändern des heimischen Popgeschehens. "Rosen für die Arbeitslosen" (CW/Hoanzl; erscheint am 22.9.) präsentiert ihn als klassischen Liedermacher, reduziert auf Gesang, Akustikgitarre und fallweise eingesetzte Mundharmonika. Seine Songs handeln von zwischenmenschlichen Glücksmomenten und Problemlagen ebenso wie von der neoliberalen Arbeitswelt. Sie heißen "Arbeitslos weil ich es mir wert bin", "Meinen sie gar Arbeit macht frei" oder "Arbeitsamt ich bete dich an", kombinieren Ernsthaftigkeit auf ansprechende Weise mit Selbstironie und kleiden Schlagertexte schon einmal in ein Folkprotestliedoutfit ("Deine Sternenaugen").

Ein knappes Jahr nach seinem bemerkenswerten Debüt "The Pink Beast of Love" legt der ehemalige Musikmanager Chris Gelbmann mit "Milos and More" (Buntspecht/Hoanzl) nach. Die Popharmonien hat er zurückgeschraubt, im Zentrum steht oft nur von der akustischen Gitarre begleitetes klassisches englischsprachiges Singer/Songwritertum. Nicht zuletzt dank seiner tollen Stimme hört man Gelbmann aber auch in arrangementtechnisch abgespeckter Form gerne zu, ist diese Platte doch, wovon der Pressetext zur neuen Ambros-Platte träumt: eine schasfreie Zone.

Gerhard Stöger in FALTER 37/2006



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