Futuresex/Lovesounds

Justin Timberlake


Einsame Spitze

Justin Timberlake ist der neue King of Pop. Anlässlich seines Auftritts in der Stadthalle stellt sich die Frage: Warum können sich alle Musikfraktionen auf den Dancepop dieses braven Ex-Boygroup-Bubis einigen? Gilt er zu Recht als Michael Jackson der Nullerjahre?

Wenn es um Justin Timberlake geht, muss als Erstes die Tee-Anekdote erzählt werden. Überliefert hat sie der deutsche Musikjournalist Tobias Thomas, der den Sänger zu Beginn von dessen Solokarriere vor fünf Jahren für die Popkulturzeitschrift Spex traf. Weil Timberlake gerade ein wenig verkühlt war, wollte er seiner Stimme etwas Gutes tun und bereitete sich in seiner Hotelsuite eine Tasse Tee zu. Er wusste jedoch nicht, dass es dafür eines Filters bedarf - und schmiss einfach einen Löffel Tee in eine Tasse heißes Wasser. Willkommen in der wirklichen Welt.

Dabei heißt es von Justin Timberlake, er sei ein ungewöhnlich normaler Superstar. Ohne Allüren, höflich - nachdem er die korrekte Teezubereitung erklärt bekommen hatte, bedankte er sich artig - und einer, der im Gespräch nicht gelangweilt im Sofa versinkt, sondern dem Interviewer interessiert in die Augen blickt. Von Kindesbeinen an im Showgeschäft, ist der heute 26-Jährige aus der US-Blues-und-Soul-Metropole Memphis, Tennessee, aber auch ein großer Junge vom anderen Stern, der ohne die Bewachung durch mehrere Bodyguards nicht einmal aufs Klo gehen kann.

Justin Timberlake weiß dafür umso genauer, wie ein Hit funktioniert. Er hat zwar erst zwei Soloalben gemacht, verkaufte aber von "Justified" (2002) und dem letztjährigen "FutureSex / LoveSounds" insgesamt 13 Millionen Exemplare und bekam dafür vier Grammys. Den Titel King of Pop darf das Exmitglied der Boygroup 'N Sync mit Fug und Recht von Michael Jackson übernehmen. Mit ihm wird Timberlake gern verglichen, neben Prince und den Soulsängern Donny Hathaway und Al Green zählt er Jackson auch zu seinen Vorbildern. Heute kennt man Jacko ja nur mehr als bizarren Perversen, aber in den frühen Achtzigern war er der weltgrößte Entertainer und sein Schritt der Mittelpunkt des Universums.

Zwischenzeitlich war der Popthron einige Jahre verwaist. Außer Robbie Williams hat ihn angesichts einer in viele kleine Szenen zerfallenen Musikwelt zuletzt auch niemand ernsthaft für sich beansprucht. Wo kein Reich mehr, schien es, da brauchte es keinen König. Warum nun Timberlake die Massen noch einmal vereint, lässt sich nicht in einem Satz erklären. Denn - um bei den großen Tagen des Mainstreampop zu bleiben - er ist kein so spektakulärer Performer wie Jackson, hat keine Stimme wie George Michael und ist nicht so sexy wie Prince.

Timberlake ist sehr vielseitig und ein geschickter Verschmelzer von musikalischen Genres. Besonders auf seinem aktuellen Album "FutureSex / LoveSounds" gelingt ihm eine perfekte Fusion aus altbekannten Dancepopmustern, Soulandeutungen und elektronischen Sounds am Puls der Zeit. Das als Einheit wunderbar funktionierende Paket lässt sich aber auch aufschnüren und ist immer noch äußerst reizvoll. Er hat für jeden etwas dabei, deshalb geht Timberlake alle an. Der Indiepopper findet ihn - leicht verschämt - irgendwie cool. Der Technofritze erfreut sich an den abgefahrenen Sounds, die er zusammen mit dem Produzentenguru Timbaland (siehe auch den Kasten auf der nächsten Seite) ausheckt. Der Baggy-Pants-Träger nickt die Erdung seiner Musik im HipHop/R'n'B ab und muss zugeben, dass er nicht einfach Black Music ausbeutet, sondern tief in sie verstrickt ist. Die Kids finden ihren Justin einfach geil.

Auch aus anderen Musiklagern kommt Lob. "Am spannendsten ist für mich im Pop momentan die Achse Timberlake/Timbaland", findet zum Beispiel Oliver Welter, der selbst ganz anders geprägte Sänger der Rockband Naked Lunch. Er ist nicht allein. Mit wem man auch spricht, ob Rocktypen oder DJs wie Wolfram "marfloW" Eckert - fast jeder findet Justin cool. Tanzen müssen sowieso alle. Timberlake hat in seiner Musik eine Weisheit von Kylie Minogue verinnerlicht, vielleicht just in jenem Moment, als er ihr bei einem gemeinsamen Auftritt auf den Hintern griff, und zwar: Deine Disco braucht dich! Das Ding muss knallen. Es ist eine oft verleugnete Wahrheit, aber auch dreißig Jahre nach dem Bee-Gees-Album "Saturday Night Fever" und 25 Jahre nach Michael Jacksons "Thriller"-Album entscheidet immer noch die Disco darüber, wer der König des Pop ist. Gute Musik? Gut. Gute Musik, zu der man tanzen kann, nein, muss? Besser.

Obwohl es die Disco als den einen, alle Nachtschwärmer in sich aufsaugenden Tempel von Verheißung und Ausschweifung schon lang nicht mehr gibt, ist Timberlake mit Tracks wie "SexyBack" doch in ihr zu Hause. Er wird im kleinen Undergroundschuppen wie in der Großraumdisco gespielt, läuft beim HipHop-Clubbing und in der Gay-Bar. Wo andere Stars Horden von Remixern beschäftigen müssen, um in den entsprechenden Subkulturen anzukommen, werden in seinem Fall von DJs bezeichnenderweise am liebsten die Originalversionen aufgelegt. Die Bearbeitungen seiner Singles durch Techno/House-Produzenten klingen im Vergleich dazu nämlich bieder.

Timberlake riskiert etwas. Er könnte es sich einfach machen und musikalisch auf der sicheren Seite fahren. So praktiziert es sein weibliches R'n'B-Star-Pendant Beyoncé, die nach einem vielversprechenden Debütalbum ein ziemlich fades Zweitwerk veröffentlicht hat. Gut verkauft hat es sich trotzdem. In dieser Liga muss eine Platte nur halbwegs grooven und tüchtig mit dem berühmten Namen des Interpreten beworben werden, dann kann nicht viel schiefgehen.

Anders Timberlake, ihm geht es um die Musik. Als singende Hüpfdohle bei 'N Sync hat er zögerlich begonnen, erste Songs zu schreiben und diese später auch zu arrangieren. Jetzt will er mehr. In einer Zeit, in der HipHop/R'n'B-Sounds zumindest in den USA längst der neue Pop sind, möchte er sie mit dem guten, alten Popsong zusammenführen. So ernsthaft wie er ist diese Fusion bislang komischerweise noch niemand angegangen. Weil er einmal Mitglied einer Boygroup war, muss er sich doppelt anstrengen, um ernstgenommen zu werden. An seinem ersten Album, "Justified", entzündete sich eine heftige Debatte darüber, ob derart massenkompatible Musik überhaupt gut sein kann - oder ob Timberlake nicht doch nur ein oberflächlicher Faserschmeichler ist.

Würde er tatsächlich Kaugummi-Pop machen, wie ihm bisweilen immer noch vorgeworfen wird, würden seine Songs schneller ins Ohr gehen. Sie benötigen oft aber fünf, sechs Durchgänge, bis man auf sie reinkippt. "SexyBack" brauchte neun Wochen Anlaufzeit bis zur Nummer eins in den sonst schnelllebigen US-Billboard-Charts. Auch "My Love", das vom einflussreichen Pitchfork-Magazine zum Song des Jahres 2006 gewählt wurde, oder der herrliche Rachesong "What Goes Around ... Comes Around" offenbaren ihre Qualitäten erst nach und nach, lassen sich dafür fast nicht zu Tode spielen. Unermüdlich pumpt der Beat, immer wieder entdeckt man in den Arrangements aufregende neue Details.

Timberlake ist ein Perfektionist. "FutureSex / LoveSounds" klingt wie aus einem Guss, transportiert aber auch erfreulich spontane Energie. Auf die Platte trifft das zu, was ihr Macher an seiner liebsten Michael-Jackson-Platte "Off the Wall" lobt: "Man könnte sagen, sie klingt, als ob sie gleichzeitig eingespielt und geschrieben wurde - und das ist cool." Cool ist auch, dass Timberlake nicht einfach Jacko nachmacht. Er und Timbaland legen vielmehr das Discopopverständnis von Jackson und seinem damaligen Produzenten Quincy Jones auf heutige Verhältnisse um. Der Himmel hängt nicht mehr voller Geigen. Die Musik klingt härter, repetitiver und paranoider, als es zu Jacksons Zeiten denkbar gewesen wäre.

Unter der glitzernden Oberfläche von "FutureSex / LoveSounds" versteckt sich Substanz, so vor allem ein für einen White Boy grandioses Rhythmusgefühl. Timberlake hat hörbar die Wurzeln des R'n'B studiert - Blues, Gospel, Soul. Im Verbund mit Beatbruder Timbaland potenziert sich sein Funk, woraus die derzeit mitreißendste und undogmatischste Musik für Millionen resultiert. Bei all dem ist Justin Timberlake natürlich auch ein ausgebuffter Showprofi, ein Zirkuspferd der Entertainmentbranche. Gelernt ist gelernt. Als Elfjährigen stellte ihn seine Mutter bei Gesangswettbewerben erstmals auf die Bühne, ließ ihn Countrysongs trällern. Mit zwölf sang und tanzte er in der TV-Show "Mickey Mouse Club". Diese Talentschmiede brachte neben ihm noch Christina Aguilera und Britney Spears hervor, mit der er auch privat verbandelt war. In der zweiten Hälfte der Neunziger ging er dann mit 'N Sync durch die Schule des gefürchteten Boygroup-Managers Lou Perlman, der auch die Backstreet Boys zum Erfolg drillte.

Auch heute noch werden Timberlakes Projekte - dazu zählen neben der Musik eine Modelinie, Restaurants und Filme, etwa der demnächst im Kino anlaufende "Black Snake Moan" - von einem Beraterheer begleitet. Sie sollen dafür sorgen, dass die Produkte effektiv inszeniert werden. Im Zuge der Vermarktung von "FutureSex / LoveSounds" scheiterten sie allerdings bei dem Versuch, einen rauen, bösen Justin zu verkaufen. Es ist schon etwas affig, wenn ein Sänger am CD-Cover eine Discokugel kaputttreten muss, um gefährlich sexy zu wirken.

Trotz aller Beteuerungen von Dirtyness hat Justin Timberlake noch genau diese eine Schwachstelle: Es fehlt ihm an echtem Sex. Seiner wirkt trotz kratzigem Dreitagesbart zu glatt und gespielt. Ein König, der sich selbstständig Tee zubereiten kann, sollte aber auch das noch hinkriegen. Hetzen muss er sich ja nicht. Ein Konkurrent um den Popthron, der ihn fordern und musikalisch weiter anspornen könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. Das musste schon Michael Jackson in seinem verwunschenen Schloss Neverland feststellen: Ganz oben ist es einsam.

Sebastian Fasthuber in FALTER 21/2007



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