Pieces Of The People We Love

The Rapture


Whoo! Alright! Yeah!

Einladung zum Durchdrehen: The Rapture bescheren der ausklingenden Punk-Funk-Party mit ihrem zweiten Album ein spätes Highlight.

Nicht, dass diese beiden Ereignisse in New York City des September 2001 etwas miteinander zu tun hätten, interessant ist ihr Zusammentreffen aber schon. Während der Terroranschlag aufs World Trade Center vor fünf Jahren nämlich zu einem Schlüsselmoment für die weltpolitische Entwicklung zu Beginn des neuen Jahrtausends werden sollte, erschien mit dem Debütalbum der New Yorker Band The Strokes just zeitgleich das erste echte Popmanifest der Nullerjahre.

Das angeblich obsolete Bandformat wurde damit wiederbelebt, Stromgitarren als cool rehabilitiert, und ganz generell war Rock 'n' Roll plötzlich auch wieder zum Tanzen da. Als wichtigste Referenzmodelle fungierten der Punk und die New-Wave-Kultur der Siebziger; New York City wurde dabei zum ersten Mal seit den frühen HipHop-Tagen wieder zum globalen Nabel der Popwelt und brachte Bands wie Yeah Yeah Yeahs oder The Rapture hervor.

Letztere gingen mit ihrem Debütalbum "Echoes" 2003 den entscheidenden Schritt weiter und verwischten die Grenzen zwischen Club-und Rockmusik gleich gänzlich. "Wir sind Ende der Neunziger definitiv nicht wegen der Musikszene hierher gezogen", erinnert sich Schlagzeuger Vito Roccoforte, der The Rapture einst in San Francisco mitbegründete. "Gerade im Rockbereich ging damals rein gar nichts weiter, die eindrucksvolle Geschichte der Stadt wirkte auf uns aber anziehend genug." Vor allem New Yorks No-Wave-Szene der ausgehenden Siebziger reizte The Rapture; ihr dogmenfreies Gebräu aus der ungestümen Energie des Punk und der rhythmischen Eleganz der Discokultur beeinflusste das Quartett nachhaltig. "Uns fasziniert die grundlegende Idee, mit der man damals an Musik heranging", so Roccoforte. "Bands aus der Punkszene wollten Dance-und Reggaemusik machen - und haben das auch auf ihre ganz eigene Art und Weise umgesetzt. Ich verstehe mich selbst ja auch ebenso sehr als Punk-wie als R-'n'-B-Musiker."

Während die historischen Originale ein Undergroundphänomen blieben, hatten The Rapture mehr Glück: Ihre Single "House of Jealous Lovers" galt 2002 in Club-wie in Rockkreisen als Sensation und entwickelte sich zum Schlüsselstück einer neuen Dance-Punk-Bewegung. "Der Song hatte genau jenes Neuartige und Frische, das man damals unbedingt hören wollte - gerade auch in der Dance-Community, wo er begeistert aufgenommen wurde. Es war einfach perfektes Timing."

Ein breiteres Publikum zu erreichen sei in Europa aber deutlich einfacher als zu Hause, meint der Schlagzeuger: "In den USA geht alles sehr langsam; die Presse ist behäbig, Touren dauern unendlich lange, und Radio und Fernsehen folgen derart strengen Vorgaben und Konzepten, dass du praktisch keine Chance hast, sobald du einen Fußbreit vom Mainstream abweichst." Die Wahrnehmung seiner Band sei exemplarisch für den Unterschied zwischen den USA und England, dem zweitgrößten Popmarkt der Welt: "Das ungleich vielfältigere Medienangebot führt dazu, dass die breite Masse dort auch weit mehr unterschiedliche Musik hört."

Für ihr zweites Album "Pieces of the People We Love" haben sich The Rapture ungewöhnlich lange Zeit gelassen, der große Punk-Funk-Boom ist inzwischen merklich abgeklungen. Die popkonjunkturelle Großwetterlage trübt die Qualität der Platte aber kein bisschen. Den zehn Songs gelingt der Balanceakt, einen Neuaufguss des Debüts zu vermeiden und doch unverkennbar an dessen signifikanten Sound anzuknüpfen. "Pieces of the People We Love" ist eine Einladung zu einer ausgelassenen Party ohne arrogante Türsteher, spießige Dresscodes, elitäres Gehabe und hüftsteife Besserwisser und beeindruckt durch seine Hitdichte - allen voran die lässige erste Single "Get Myself into It", die Adrenalinbombe "Whoo! Alright - Yeah ... Uh Huh" und "The Sound" als herzliche Einladung zum sofortigen Durchdrehen.

"Gerade in letzter Zeit hatte ich bei vielen Bands das Gefühl, ihre zweiten Alben seien zu überstürzt entstanden", so Roccoforte. "Nach einem erfolgreichen Debüt willst du natürlich sofort zurück ins Rampenlicht, wenn die Aufregung abflaut. Es ist aber der größte Fehler, in dieser Situation etwas erzwingen zu wollen. In fünf Jahren wird niemand fragen, wie viel Zeit zwischen den beiden Platten vergangen ist, sondern es wird einzig und alleine darum gehen, ob das zweite Album so gut war wie das erste."

Auf ihrer Website haben The Rapture kürzlich eine Rubrik namens "Record Nerd" eröffnet, in der sie persönliche Lieblingsplatten vorstellen. Der allererste Eintrag ist Roxy Musics Debüt gewidmet, das mit dem Sound der New Yorker vordergründig nur wenig gemein hat. "Diese Platte vereint verschiedenste unterschiedliche Stile, ohne dabei zerrissen oder zusammengebastelt zu wirken, und war damit ein großer Einfluss auf ,Echoes' und uns als Band generell", erklärt Roccoforte. "Roxy Music spielen all diese unterschiedlichen Sachen mit ihrem ganz speziellen Roxy-Music-Filter, dadurch passt alles zusammen. Und ,Re-Make/ Re-Model' ist sowieso eines meiner ewigen Lieblingslieder. Jeder hat darin ein Solo, trotzdem ist es noch immer ein guter Song. Unglaublich!"

Gerhard Stöger in FALTER 37/2006



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