Not Fade Away

David Kitt


Alles, was knarzt

Juana Molina, Psapp und David Kitt - drei verschiedene Herangehensweisen an die Verschmelzung von akustischer Songschreiberei und elektronischem Gerät.

Es herrscht respektvolle Stille im Ritzy-Kino in Brixton. Alle Augen sind auf jene Frau gerichtet, die mit ihrem plissierten Kleid und ihren klobigen Schnallenschuhen vor dem dunkelroten Samtvorhang wie ein vorzeitig gealterter Kinderstar aus einer Zwischenkriegszeitrevue aussieht. In Griffweite neben ihr steht ein Turm aus Keyboards und Effektgeräten, um ihren Hals hängt eine akustische Gitarre, und auf dem Boden vor ihr liegen Fußpedale, mit denen sie mehrtaktige Loops ein-und sofort wieder abspielen kann.

Doch während andere Songwriter sich desselben technischen Tricks bedienen, um damit Begleitungen zu ihren Songs zu basteln, vertauscht Juana Molina in ihrem Umgang mit dem Gerät ständig die Rollenverteilung zwischen Loops und Hauptstimme. Kurz angespielte Gitarrenlinien verwandeln sich zu repetitiven Figuren und kommunizieren geisterhaft mit dicht ineinander verflochtenen Klangschleifen aus ätherischen Harmoniegesängen und Keyboardmelodien, die dann teils überraschend in verändertem harmonischem Kontext wieder auftauchen und einen völlig neuen Sinn ergeben.

Als dann zwischen zwei Blöcken ineinander übergehender Songs freche Zwischenrufe durchs dunkle Auditorium schallen, schüttelt Juana Molina nur lächelnd den Kopf. "Das sind Psapp, eine sehr ungezogene Band, mit der ich kürzlich auf Tour war", sagt sie in spanisch gefärbtem Englisch, "Aber sie machen alles, was ich ihnen anschaffe. Kommt auf die Bühne, Psapp! Nackt! Jetzt!"

In Juana Molinas gewitzter Reaktion blitzt eine Ahnung ihrer früheren Karriere als eine der populärsten Fernsehkomikerinnen Argentiniens durch. Dass ihr viertes Album "Son" so wie die beiden letzten bei einem britischen Label erscheint, liegt vor allem am Desinteresse, auf das Molinas Musik in ihrer Heimat stößt. "Die Leute wollen nur, dass ich sie zum Lachen bringe. Am Anfang hat mich das wütend gemacht, aber dann hab ich verstanden: Wenn man fürs Kuchenbacken berühmt ist und dann Kleider schneidert, werden die Leute immer noch Kuchen verlangen. Ihre Kleider können sie woanders kaufen."

Ihre Labelkollegen von Psapp haben ebenfalls eine Art TV-Karriere hinter sich. Als Sängerin und Violinistin Galia Durant vor vier Jahren begann, mit dem aus Köln stammenden Studiobetreiber und Allroundmusiker Carim Glasmann Songs zu schreiben, diente ein junger Hansdampf sich ihnen beharrlich als Manager an. Durant und Glasmann wiesen ihm die kalte Schulter, doch der energetische Kerl ging nach Los Angeles und vermittelte ihre Musik dort an allerhand wichtige Menschen beim Fernsehen. Plötzlich kamen Psapp-Nummern in populären US-Serien wie "CSI", "Nip/Tuck", "The OC" oder "Grey's Anatomy" vor - eine lukrative Verdienstquelle, aus der Psapp das nötige Taschengeld für ihre Bandkarriere bezogen. "Wir könnten reich sein", meint Galia Durant, "wenn wir nicht Konzerte spielen und unseren Livemusikern so viel Geld zahlen würden." Aber Grund zur Beschwerde sei das sicher keiner.

Psapp verleihen dem Wort Homerecording einen neuen Sinn, indem sie ihr ganzes Heim zum Instrument erklären. Alles, was knarzt, klappert und klopft, wird als Klangmaterial für perkussive Zwecke eingesetzt - "aber nur, solange es dem Song dient", erklärt Glasmann, der in seinem früheren Leben als Tontechniker in Deutschland unter anderem mit den weit radikaleren Geräuschfetischisten Einstürzende Neubauten arbeitete. "Wir sind keine Konzeptkünstler", betont Durant. Die Entstehung des Songs "Upstairs" in ihrem Schlafzimmer verrät aber zumindest einen hohen Grad kreativer Verschrobenheit: "Wir positionierten überall Mikrofone, klopften synchron zum Song auf Schränke und Kissen und knarrten mit den Bodenbrettern. Im Stereomix sind alle Geräusche analog dazu platziert, wo im Zimmer die Geräuschquellen lagen."

Insofern ist das zweite Psapp-Album "The Only Thing I Ever Wanted" auch eine Art klingender Tribut an ihr halb verfallenes Haus mit seinem bröckelnden Verputz und seinen durchgefaulten Holzstiegen. Im Zuge der Gentrifizierung des schäbigen Bahnhofsviertels King's Cross soll das Gebäude saniert werden. Durant und Glasmann sind bereits auf der Suche nach der nächsten Bruchbude mit akustischem Charisma.

So wie Psapp und Juana Molina beschäftigt sich auch der Ire David Kitt mit der Verbindung von akustischem Songwriting und elektronischem Instrumentarium. Sein jüngstes Album "Not Fade Away" ist vergleichsweise geradlinig und e-gitarrenlastig ausgefallen, aber der Kernsong "Don't Fuck With Me" sticht dank seines ruppigen Grooves umso klarer hervor. Die Nummer entstand aus dem Arrangement einer verworfenen Coverversion jenes Buddy-Holly-Klassikers, dessen Titel Kitt sich schließlich zur talismanischen Benennung des Albums borgte.

In dieser Hinsicht ist er nämlich aus Erfahrung abergläubisch: Nach seinem kommerziell enttäuschenden Major-Label-Ausflug "Square One" hatte der Dubliner sich prompt auf dem ersten Feld des Mensch-Ärgere-dich-nicht-Spiels seiner Popkarriere wiedergefunden, während auf "A Big Romance" unerwartete Turbulenzen in seinem Liebesleben folgten. "Not Fade Away" soll nun seine etwas ins Stocken geratene Laufbahn am Leben halten. Eine zufällige Begegnung mit den derzeit ziemlich angesagten Magic Numbers beim letztjährigen Glastonbury-Festival sollte sich dabei als nützlich erweisen. Jene deklarierten sich nicht nur als obsessive David-Kitt-Fans, sondern bewiesen diese Behauptung auch prompt mit einem David-Kitt-Liederabend in ihrem Bandbus, einem Vorgruppenengagement für Kitt auf ihrer nächsten Tournee und reichlich musikalischer Assistenz auf seinem neuen Album.

"Am Ende der Tour fuhren wir zu einem Freund von mir, der in Woodstock wohnt", erzählt David Kitt. "Wir landeten schließlich bei einer der Midnight-Ramble-Sessions, die The-Band-Schlagzeuger Levon Helm dort in seinem Studio abhält. Da glüht das Holzfeuer, es gibt hausgemachtes Essen, und dazu spielt Levon mit seiner Band. An jenem Abend war sogar Emmylou Harris mit dabei. Es war un-glaub-lich." Mag ja alles sein - aber wie Kitt feststellen wird, ist der Club Ost am Wiener Schwarzenbergplatz, wo er demnächst auftreten wird, auch nicht so unlegendär.

Robert Rotifer in FALTER 36/2006



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