singt Heinrich Heine

m.a. Numminen


Heinrich Heine ist seit ziemlich genau 150 Jahren tot. Das war einem findigen deutschen Literaturfunktionär Grund genug, Mauri Antero Numminen für eine musikalische Adaption von Heines romantisch-revolutionärer Poesie zu engagieren. "M.A. Numminen singt Heinrich Heine" (Trikont/Hoanzl) betitelt sich das entsprechende Werk, wobei das Verb "singt" eindeutig einen Euphemismus darstellt. Denn am stimmlichen Unvermögen des akademisch gebildeten Multitalents (Numminen schreibt auch Romane und komponierte zuletzt ein mehrstündiges Oratorium) hat sich in den letzten vier Jahrzehnten nur wenig geändert. Neu ist, dass der Gründervater des neorustikalen Jazz den Techno entdeckt hat, den er liebevoll "maschinelle Musik" nennt. Und so erklingen zwölf ausgesuchte und haarsträubend intonierte Heine-Gedichte in erstaunlich groovigen Arrangements für Streichquartett, Klavier, Vibrafon und Drumcomputer.

Didi Bruckmayr wiederum, österreichischer Extremsänger mit WU-Doktorat, beschränkt sich bei seiner jüngsten Veröffentlichung ganz auf die Begleitung durch eine akustische Gitarre. "Dr. Didi Songs" (Extraplatte) hat dennoch kaum etwas mit klassischem Singer/Songwritertum zu tun, denn was der Ober-Fuckhead mit dem kongenialen Gitarristen Peter Androsch da an einem Herbstnachmittag unplugged aufgenommen hat, ist in erster Linie ein ziemlich erstaunliches Dokument stimmlichen Ausdrucksvermögens: Bruckmayr singt, besser: schreit, krächzt, jault, gurgelt, winselt und kreischt sich ohne Rücksicht auf seine Stimmbänder durch selbst Komponiertes, mitunter im zarten Falsett, dann wieder in der tiefsten Basslage, immer wieder aber auch mehrstimmig mittels Obertongesang.

Klaus Taschwer in FALTER 36/2006



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