5.55

Charlotte Gainsbourg


Reise ans Ende der Nacht

Unterstützt von britischer und französischer Pop-Prominenz hat Charlotte Gainsbourg die Platte für den allzu früh angebrochenen Herbst gemacht. Charlotte Gainsbourg hat das Interesse an der Musik wiedergefunden, das sie 1991 mit ihrem Vater begraben hatte. Zwanzig Jahre nach dem einst noch von ihm selbst inszenierten Sangesdebüt "Charlotte For Ever" veröffentlicht die Tochter des französischen Chansonniers Serge Gainsbourg und der britischen Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin mit "5:55" ihre zweite Platte. Dem Zufall will sie darauf rein gar nichts überlassen, wie ein Blick aufs Team an ihrer Seite zeigt.

Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel, die beiden Popconnaisseure des Pariser Duos Air, fungieren als musikalische Direktoren, die Texte steuern mit Jarvis Cocker (Pulp) und Neil Hannon (The Divine Comedy) zwei Vertreter aus der Chefetage des Britpop bei. An den Reglern sitzt der britische Produzent Nigel Godrich, der nicht nur Radioheads komplexe Klangvorstellungen in kompakte Tonträger zu bündeln versteht, sondern auch einen Sir Paul McCartney noch einmal einigermaßen flottmachen kann. Die Streichersätze wiederum arrangiert der ansonsten unter anderem für Elton John und Leonard Cohen tätige kanadische Komponist David Campbell, und am Schlagzeug sitzt für alle Fälle die Afrobeat-Ikone Tony Allen.

All das mag auf den ersten Blick wie der allzu schlaue Reißbrettentwurf einer Popplatte für den Bobo von Welt wirken; tatsächlich klingt "5:55" in seiner geschickten Mischung aus Trübsal und Träumerei aber ganz ausgezeichnet. Die elf Songs - nur einer davon französisch gesungen, der Rest englisch - wirken wie das in unterschiedlichen Grautönen gehaltene Gegenstück zum knallbunten Glitzerpop der Scissor Sisters. Anstatt in den Club zu gehen, sucht Gainsbourg die Isolation der eigenen vier Wände, verbringt den Samstagabend mit einem schweren Rotwein und wird davon doch nicht betrunken, sondern in all ihrer Melancholie nur noch klarsichtiger.

Am Ende der Platte schließt die seit ihrer Jugend als Schauspielerin erfolgreiche 35-Jährige die Augen, um den Geist noch einmal zu sehen, der ihr die Nacht davor erschienen war: "Guilty were all pleasures / nameless were our crimes / come back my forbidden ghost / one more time", heißt es da im "Morning Song". Ein Schlüsselsatz des als Reise durch eine schlaflose Nacht konzipierten Albums beendet ihn: "In the morning / everything will be alright / but to get to the morning / first you have to get through the night."

Musikalisch ist die Handschrift von Air unverkennbar, jener Air allerdings, die zuletzt nur mehr als Erinnerung existierten. Denn seit ihrem Debüt "Moon Safari" und dem Soundtrack zu Sofia Coppolas Teenagerdrama "The Virgin Suicides" klangen Godin und Dunckel nicht mehr so schwelgerisch und so dick wattiert wie hier. Das Piano fungiert als Schlüsselinstrument der weniger durch einzelne Hits als vielmehr in ihrer Gesamtheit strahlenden Platte; dazu werden die einzelnen Lieder variationsreich ausgefärbt, zugekleistert wirkt kein einziges. Ihr Tempo ist dem Vortrag der introvertierten Künstlerin meist angepasst, noch stärker als bei ihrer berühmten Mutter beschränkt sich dieser auf ein nicht selten knapp vorm Verschwinden stehendes Hauchen.

In "Nocturnal Intermission", dem in seiner flächigen Bauart eher einem Elektroniktrack als einem Popsong entsprechenden kürzesten Stück der Platte, ändert sich dieser spezielle Gesang einmal in selbstvergessenes Plaudern. Gleich darauf erhebt Gainsbourg im dramaturgisch durchkonzipierten Sechsminüter "Everything I Cannot See" bisweilen tatsächlich die Stimme, um so zu zeigen, dass sich ihr Ausdrucksspektrum nicht ausschließlich auf sanftes Hauchen beschränkt. Gleichzeitig demonstriert der zumindest zum Tänzeln einladende Song "The Operation" als flottestes Stück auf "5:55", dass Gainsbourgs ätherischer Gesang auch jenseits des Midtempos funktionieren kann.

Ein echter Glücksfall also, dass sich die nicht eben mit einem Übermaß an Selbstvertrauen ausgestattete Französin doch noch dazu durchringen konnte, ihre Stimme auf einem eigenen Album zu verewigen. Davor waren es nur einige wenige kleine Nebenrollen, mit denen sie die Popwelt der letzten Jahre beehrte: als Backgroundsängerin auf zwei Stücken von Badly Drawn Boys "Have You Fed the Fish?" etwa, oder über ein Stimmensample aus dem Film "The Cement Garden", der vor sechs Jahren Madonnas Hit "What It feels Like for a Girl" eröffnete.

Nach jenem Saubartelfaktor, der das überlebensgroße Werk ihres Vaters prägte und die junge Gainsbourg einst schon 13-jährig zur Duettpartnerin seines Skandalsongs "Lemon Incest" machte, sucht man bei alledem übrigens vergeblich. Ihrem schwergewichtigen Namen macht Charlotte Gainsbourg mit "5:55" aber auch ohne jede Schlüpfrigkeit alle Ehre.

Gerhard Stöger in FALTER 36/2006



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