MODERN TIMES

Bob Dylan


Zahnschmerz in der Ferse

Mit "Modern Times" hat Bob Dylan nach fünf Jahren wieder ein Album gemacht. Angeblich ist es ein Meisterwerk.

Keine Frage, die Welt geht den Bach hinunter, das hat gerade Bob Dylan immer schon gewusst: "The World Gone Wrong" oder "Time Out of Mind" hießen zwei Alben aus den Neunzigerjahren, und auch auf dem soeben erschienenen "Modern Times" verfinstert sie sich verlässlich: "The world has gone black before my eyes", heißt es in dem Song "Nettie More", in dem Dylan mit brüchiger, an Waits'scher Weinerlichkeit entlangschrammender Stimme von der Liebe in Zeiten der universalen Unbehaustheit und des generellen Gagaseins singt und "world gone berserk" auf "too much paper work" reimt. Das Böse, wir haben's immer schon geahnt, kommt aus den Büros. Apokalypse in der Rundablage!

Gaaanz schlecht kann die Welt aber nicht sein, auch wenn der Mann mit den säuerlich geschürzten Lippen nicht viel auf sie gibt. Immerhin kann sich Dylan auch nach seinem 44. Album (wir glauben hier einfach mal den spärlichen Informationen der Plattenfirma) darauf verlassen, die böse Welt mit dem neuen Tonträger in Aufregung zu versetzen. Vom "heißest ersehnten Album seit ,Blood on the Tracks'" konnte man lesen, und jetzt, da das Sehnen erfüllt ward, natürlich vom "Meisterwerk"; dem größten Meisterwerk seit "Blood on the Tracks" (1975), dem größten seit "Time Out of Mind" (1997) oder dem größten seit "Love and Theft" (2001), das ja auch schon ein Meisterwerk war.

Das glaube, wer da wolle. Wahr jedenfalls ist, dass "Modern Times" ästhetisch an seinen Vorgänger anschließt und damit den Titel Lügen straft: Schon das Coverfoto mit seiner chromblitzenden Großstadtszene evoziert eine Modernität, die eher aus einem Schwarzweißfilm der Fünfziger denn aus der Gegenwart zu kommen scheint, und musikalisch geht Dylan noch viel weiter zurück: zum Blues natürlich ("Rollin' and Tumblin'"), der den ewig Rastlosen umtreibt, weil die Weiber nicht alle Tassen im Schrank haben, zu ziemlich basalem Rockabilly im Hottehü-Tempo, oder zu Balladen aus der guten alten Zeit von Radiodays und Music Hall. Das klingt dann doch etwas kandiert und zahnschmelzgefährdend - etwa, wenn Dylan davon singt, dass die Liebe auf ewig wartet, aber halt jenseits des Horizonts: "Beyond the Horizon", Transzendenz für die Tanzkapelle.

Modern Times", die Dylan unter dem Pseudonym Jack Frost selber produziert hat, leidet mitunter an einem Zuviel an Berechenbarkeit, wenn Strophe auf Strophe folgt und die Arrangements an eine schmerzhaft gut eingerichtete Wohnung erinnern. Dabei ist es eigentlich ein Album der harten Kontraste: Fast jeder Song widerlegt den vorhergegangenen, auf unerwartete Bindungsfreudigkeit und das Lob nachsichtiger Loyalität folgen wieder Gekeife und Sesshaftigkeitspanik. Mitunter sind diese Gegensätze in einem einzigen Song präsent, nennen wir es das Auseinanderklaffen von Form und Inhalt: Der herausragende "Workingman's Blues 2" handelt von Ausbeutung der Arbeiterklasse und hört sich an wie Dylans Version von "Bringt's meine Ross in Stall".

Und dann gibt es da noch "Ain't Talkin'", in dem kühle kristallene Kaskaden sich in einen menschenleeren Garten ergießen, während Gitarrenmotive wie Sternschnuppen herniedergehen - eine Szene, so furchteinflößend und tröstlich, so fremd und wundersam, als wandelte man durch die Landschaft von Charles Laughtons "The Night of the Hunter" - "with a toothache in my heel". Wer solche Sätze und solche Songs schreibt, der braucht keine Meisterwerke in die Welt zu setzen. Bob Dylan hat wieder eine Platte gemacht. Das muss reichen.

Klaus Nüchtern in FALTER 35/2006



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