Exiles

Judith Kopecky, Julia Tinhof


Lieder weit weg

Der Patron und die Zierde der unsittlichsten Häuser am Platze soll er gewesen sein, jener überaus elegante, herrisch auftretende compradito, von dessen tragischem Ende der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seinem Gedicht "El títere" ("Die Marionette") berichtet: "Man verwöhnte ihn im Bordell. Die dienstbaren Mulattinnen verschmähten durchaus nicht die Liebe dieses unerschrockenen Mannes."

Astor Piazzolla, in Europa vor allem als Virtuose auf dem Bandoneon bekannt, hat das Gedicht seines Landsmannes überaus elegant vertont, und so tangoselig argentinisch, wie sich Borges' Geschichte liest, klingt auch Piazzollas Musik. Einzig die Besetzung für klassische Frauenstimme und Klavier erinnert daran, dass sich der Erfinder des Tango nuevo damit in die Tradition einer älteren argentinischen Erneuerungsbewegung stellte, die um 1900 sehr erfolgreich Einflüsse europäischer Kunstmusik (vor allem des deutschen Liedes) mit nationalen Musikstilen und Inhalten verband.

Das Ergebnis nennt sich Canción de cámera. Bernarda Fink (Mezzosopran), ihr Bruder Marcos Fink (Bassbariton) und Pianistin Carmen Piazzini haben unter dem Titel "Canciones Argentinas" (Harmonia Mundi) 26 Beispiele dafür zusammengestellt: ein musikalisch toll gemachtes und inhaltlich gut aufbereitetes Album über Liebe, Tod und Teufel in Südamerika - inklusive jeder Menge Sehnsucht nach der Ferne. Auch bei "Mediterranean Melodies" (Gramola) kann Fernweh aufkommen. Im Kern ist diese Platte der maltesischen Sopranistin Lydia Caruana und des Wiener Pianisten Paul Gulda ein Porträt des maltesischen Komponisten Charles Camilleri (geboren 1931), der sehr konventionell, aber stimmungsvoll mit den südeuropäischen und nordafrikanischen Einflüssen seiner Heimat spielt. Ergänzt wird das Programm durch Lieder, in denen Manuel de Falla, Gioacchino Rossini, Vincenzo Bellini und Maurice Ravel musikalisch ans Mittelmeer reisen. Unfreiwillig sind die österreichischen Komponisten Alexander Zemlinsky und Erich W. Korngold, Egon Wellesz und Franz Mittler sowie Viktor Urbancic 1938 in die USA, nach England bzw. nach Island gereist. Die Wiener Sopranistin Judith Kopecky und Pianistin Julia Tinhof erinnern auf "Exiles" (Extraplatte) mit Liedern aus der Zeit vor deren Exil an eine untergegangene Welt. Interpretatorisch ist diese Platte leider weniger interessant als historisch.

Carsten Fastner in FALTER 34/2006



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