Live at Tonic

Christian McBride


Round Midnight

Veranstalter von Festivals stehen nicht nur vor der Frage, welche Bands und Musiker sie auftreten lassen, ja welche sie sich überhaupt leisten können, sondern auch vor dem Problem, in welcher Abfolge die Auftritte zu organisieren seien. Grob gesagt ist die Soloharfe (selbst im Falle ihrer elektrischen Verstärkung) für ein Uhr früh nicht so geeignet, die 25-Mann-Metal-Bigband um 15 Uhr ein bisschen verschenkt. Steve Coleman & Five Elements etwa sind nicht ganz unkompliziert zu programmieren. Seit Jahrzehnten strickt der Altsaxofonist auf seinem eigenen, von esoterischen Nebeln umwallten Planeten in unterschiedlicher Besetzung an seinen Symbolwelten. Auf der Doppel-CD "Weaving Symbolics" (Label Bleu/Lotus) tut er das in der Stärke von ein bis zehn Mann wahlweise zu kleinen Kontemplationsdeckchen oder großflächig groovenden Gespinsten, die ein wenig nach Stanley Kubrick im Dschungel tönen, die spinnerte Intensität von Sun Ra aber nicht erreichen. In Saalfelden, wo Coleman im Sextett aufspielen wird, tritt er am Sonntag um 19 Uhr an. Geht in Ordnung. Das Quartett des Bassisten Christian McBride ist fraglos die richtige Truppe für Freitag, 23.30 Uhr. Wie sie auf dem Dreifachalbum "Live at Tonic" (Ropeadope/Lotus) - unter Zuziehung zahlreicher Gäste - beweisen, wird hier vor allem eines hergestellt: Druck. Rein von der physischen Power her kann es McBride mit Charles Mingus aufnehmen, obgleich es ihm dann doch an Subtilität, emotionaler Tiefe und kompositorischer Raffinesse gebricht. Den 23.30-Uhr-Termin für Samstag haben Bobby Previte & The Coalition Of The Willing ausgefasst. Klare Sache! Die jüngste Formation des Konzeptschlagzeugers befasst sich auf dem titellosen Album (Ropeadope/Lotus) irgendwie mit George Orwell, und angesichts der wüsten, aber effektiven Melange aus Rock 'n' Roll, Reggae, saftigen Orgelschwaden (Jamie Saft!), Mundharmonikagemetzel und "In-A-Gadda-Davida"-Getrommel muss man von der hysterischen Verfasstheit totalitärer Regime ausgehen. So ziemlich das genaue Gegenteil bietet das Tomasz StanŽko Quartet auf "Lontano" (ECM/Lotus): hochkonzentrierte, poetische Klangrede, bei der der polnische Trompeter seiner ebenso jungen wie fantastischen Rhythmusgruppe viel Raum lässt (den sie ruhig dazu nutzen könnte, hin und wieder ein bisschen mehr aufs Gas zu steigen). In jedem Falle verdienen sie am Sonntag um 14.30 Uhr (Jazzfestival Saalfelden: vom 25. bis 27.8.06)ein gut ausgeruhtes und hochkonzentriertes Publikum.

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2006



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