MARKET RASEN

Nagl / Wenger / Pirker


"Das kann man nicht singen"

Der Jazzer Max Nagl interpretiert Songs des britischen Popavantgardisten Robert Wyatt. Demnächst ist das Projekt erstmals live zu hören.

Besucht man Max Nagl in seinem Studio im dritten Bezirk, erlebt man eine kleine Überraschung: Das High-Tech-Programm beschränkt sich auf zwei Computer (nein, kein Laptop), der chaotische Rest wirkt eher wie eine Mischung aus dem unaufgeräumten Teil einer Studenten-WG und dem Depot eines Altwarenhändlers. Hier ein paar Platten, da ein Ornette-Coleman-Tape, dazwischen Papier - und massenhaft Musikinstrumente. Trotzdem entstehen in dieser Altbauwohnung veröffentlichungsreife Soloaufnahmen - und mit etwas gutem Willen findet sich sogar ein Eck für ein Gespräch.

Nagl zählt nicht nur zu den großen Aktivposten im heimischen Jazz, der 1960 geborene Oberösterreicher ist auch einer der wandlungsfähigsten Musiker dieser Szene. Neben rastlosen Plattenproduktionen in den unterschiedlichsten Konstellationen komponierte er in den letzten Jahren etwa die Musik für ein französisches Varieteeprogramm und eine Kinderoper und realisierte die Operette "Der Siebte Himmel in Vierteln" (Libretto: Franzobel). Im Trio mit dem Keyboarder Clemens Wenger und dem Schlagzeuger Herbert Pirker - beide entstammen der produktiven Schule der Wiener Jazzwerkstatt - hat der vor allem als Saxofonist und Klarinettist tätige Nagl soeben eine Hommage an die britische Artpopikone Robert Wyatt aufgenommen. Nach einer Madonna-Coverversion Anfang der Neunziger ist "Market Rasen" sein zweiter Ausflug in die Welt des Pop.

"Ich hoffe, dass ihm die Platte gut gefallen wird", sagt Nagl. "Vorstellen könnte ich es mir, denn er erzählt in Interviews ja, dass er vor allem Jazz hört und ihn nur aus Respekt vor der Musik nicht selbst spielt." Gehört hat Wyatt die Aufnahmen bislang noch nicht, besorgt muss Nagl aber kaum sein, zeigte sich Wyatt doch bereits im Vorfeld erfreut. "Es ist eine Ehre für mich, dass Max Nagl und seine Gefährten einige meiner Stücke interpretieren möchten", faxte er handschriftlich an Nagls Plattenfirma.

Die Idee zu "Market Rasen" - der Titel ist die Wyatts Wohnort in der englischen Provinz nächstgelegene Bahnstation - hatte ursprünglich Falter-Kulturchef Klaus Nüchtern, auf dessen Label Handsemmel Records das Album erscheint; Besetzung, Songauswahl und Umsetzung stammen von Nagl, der das Werk des seit einem Unfall vor mehr als dreißig Jahren im Rollstuhl sitzenden Wyatt erst durch dieses Projekt näher kennen lernte. Dass mit dem Gesang das markanteste Element an Wyatts Songs wegfallen müsse - die Zeit attestierte Wyatt völlig zu Recht "eine Stimme wie aus einem Traum" -, war Nagl von Beginn an klar.

"Diese Stimme ist derart markant, das kann man praktisch nicht nachsingen." Solcherart vom Pop entkleidet, bleiben Melodie und Akkorde der Originale übrig, werden vielfach aber großzügig umgemodelt. Auch der Sound macht Wyatts Harmonieseligkeit bisweilen einen Strich durch die Rechnung, ohne die Schönheit der Musik deshalb aber gleich zu sabotieren. "Man muss die Form der Stücke ändern, wenn man sie instrumental spielt", erklärt Nagl. "Wenn du eine Strophe dreimal mit einem anderen Text singst, ist das interessant, aber wenn du sie instrumental dreimal gleich bringst, wird es ein bisschen fad."

Neben sechs Wyatt-Titeln sowie einem Stück seiner ehemaligen Band Soft Machine enthält "Market Rasen" auch fünf Nagl-Kompositionen. Abgesehen vom ungemein druckvollen Eröffnungsstück "Fatty" zeigen sich diese durchaus ein Stück weit von Wyatt inspiriert; über das von New Yorker Alltagsgeräuschen geprägte und im Alleingang realisierte "A Saturday in NY" bringt Nagl sogar die politische Komponente des britischen Kommunisten ins Spiel. "Ich bin bei einem New-York-Aufenthalt zufällig in eine Demo gegen den Irakkrieg geraten, und gleich darauf fand in Chinatown eine Kundgebung mit einer hundertköpfigen Blasmusikkapelle statt - beides habe ich mitgeschnitten und mit anderen Sounds aus New York gemischt."

Seine Samples findet Nagl aber auch zu Hause - so taucht auf "Market Rasen" tönendes Kochgeschirr ebenso auf wie das Quietschen eines Heurigentisches im Wuk oder die Klänge jener Orgelpfeifen, die in einer Ecke seines Studios herumstehen. "Gute Sounds fallen mir überall auf. Mit dem Rad bin ich heute bei einem Mischwagen vorbeigekommen, der irrsinnig gut geklungen hat - nur hatte ich dummerweise kein Aufnahmegerät dabei."

Wie die Liveumsetzung von "Market Rasen" klingen wird, steht kurz vor dem Konzertdebüt übrigens noch nicht fest. "Wir haben einen winzigen Kellerproberaum, in dem wir sehr laut spielen, da hat es schon einmal ganz anders geklungen als bei den Aufnahmen", sagt Nagl. "Einiges müssen wir aus technischen Gründen ohnehin anders spielen, und vermutlich werden auch noch ein paar Stücke dazukommen. Es wird schon anders klingen, aber im Trio lässt sich das ganz leicht umsetzen. Da sagst du vorm Spielen einfach: Gehen wir es so an - oder gehen wir es so an."

Gerhard Stöger in FALTER 33/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×