Yell Fire!

Michael & Spearhead Franti


Beats mit Botschaft

Das Eröffnungsstück dauert noch keine dreißig Sekunden, und schon fällt das erste Four-Letter-Word. Lily Allen rechnet auf "Alright, Still" (Regal/EMI) lustvoll mit dem Exlover ab, lässt aufdringliche Verehrer abblitzen und verwandelt sonstige Alltagsgeschichten zu Songtexten - mal sanft-säuselnd, dann wieder mit bestimmtem Rap vorgetragen. Das Debüt der 21-jährigen Londonerin beeindruckt aber nicht nur durch die Klarheit der Sprache. Eine glückliche Kombination aus der rotzigen Frühphase der längst allzu brav gewordenen Girlgroup Sugababes und dem ureigenen Kosmos des britischen Rapstars Mike Skinner alias The Streets machen "Alright, Still" zu einer formidablen Sommerplatte, deren facettenreiche Musik um HipHop und Reggae Bescheid weiß, vor allem aber Pop immer in drei leuchtenden Großbuchstaben schreibt. Ein echter kleiner Freudenspender. Immer noch und immer wieder großartig ist die New Yorker Band ESG. In den späten Siebzigern von einer alleinerziehenden Mutter als Beschäftigungstherapie gegründet, um die pubertierenden Töchter von der Straße fernzuhalten, faszinieren die inzwischen durch jüngere Verwandte unterstützten Scroggins-Schwestern auf "Keep On Moving" (Soul Jazz/Soul Seduction) erneut mit ihrem ganz eigenen Funkentwurf, der skelettierte Rhythmen und vokale Coolness zu einer in dieser Form nirgendwo sonst zu habenden Musik voll zeitlosem Glanz und unwiderstehlichem Groove kombiniert. Einige Gewichtsklassen darunter angesiedelt, dort aber durchaus bemerkenswert ist "Antarktis" (!Records/Goalgetter), das Debüt des betont klischeefrei agierenden Wiener HipHop-Duos Mieze Medusa & Tenderboy. Zur entspannten, vor falscher Effekthascherei gefeiten Musik Tenderboys präsentiert die aus der Poetry-Slam-Szene kommende Vokalistin Lyrics, die Poesie und Klartext einen - selbst das Wort "ficken" kann Mieze Medusa aussprechen, ohne dabei peinlich zu wirken.Michael Franti and Spearhead vertonen auf "Yell Fire!" (Anti/Edel) die Reisen des einst für die amerikanische Politrapband Disposable Heroes of Hiphoprisy tätigen und nunmehr seelenvollem Pop verpflichteten Franti durch Irak, Israel und Palästina. Das ergibt mehr als eine Stunde sanftmütigen Afro-Reggae-HipHop-Groove-Pop, der positiv denkt, die Liebe predigt und globalen Frieden für möglich hält, bisweilen aber leider in Banalitäten der Marke "Schunkeln für das Gute" verfällt.

Gerhard Stöger in FALTER 32/2006



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