BACK TO BASICS

Christina Aguilera


Back to Billie

Christina Aguilera will die guten alten Zeiten der Big Bands und des Blues ins Starmania-Zeitalter verpflanzen.

Schau mal, wer da singt: Ist das nicht Marilyn Monroe? Veronica Lake? Eine blonde Betty Page? Pop-Superstar Christina Aguilera hat sich im Booklet von "Back To Basics" in klassische Pin-up-Posen geworfen. Es sind nicht die einzigen Retrorollen, die die 25-jährige auf ihrem neuen Album mit vollem Einsatz spielt.

Die als positives Gegenbeispiel zu Britney Spears gehandelte Soulpopstimme Aguilera hat die guten alten Zeiten entdeckt und zollt 2006 den Stars ihrer Großmütter Tribut. Irgendwo verständlich: Wenn es seit dem Karrierebeginn in den ausgehenden Neunzigerjahren keine signifikanten Veränderungen gegeben hat - Linda Perry schreibt die Songs, für die grobmotorische Abstimmung werden R-'n'-B-Produzenten engagiert -, bleibt auf der Suche nach Innovationen nur der Blick zurück nach vorn.

Mit den Dekaden nimmt es Aguilera auf ihrer Zeitreise allerdings nichts so genau. Zur Aufmachung der blonden Bombshell gesellt sich musikalisch erklärtermaßen der Versuch, den Gospel und Blues von Dinah Washington und Billie Holiday ins Hier und Heute zu transferieren. Oder so ähnlich. Im Zweifelsfall tut es nämlich auch ein bisschen Big-Band-Feeling und Vinylknistern aus dem Computer.

Die Ahnungslosigkeit, mit der Aguilera frohgemut durch die Vergangenheit pflügt, mehr oder weniger wahllos Zitate aneinanderreiht und mit lockerer Hand Stile mischt, wirkt beinahe charmant. Gut: Sie wird nicht unbedingt dazu führen, dass Teenager von heute zwischen den Dreißiger-und den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts unterscheiden können; aber immerhin könnte ja hängen bleiben, dass es auch zu Uromas Zeiten nicht nur Märsche, sondern auch schon ursoulige Groovemusik gegeben hat.

Man muss Aguilera zugestehen, dass sie es mit "Back To Basics" gut meint; dass sie keine Neuauflagen zu Tode gedudelter Hits wie "Beautiful" liefert, sondern etwas in ihrem Metier gegenwärtig Neues versucht. Leider sind Stücke wie die aktuelle, mit HipHop-Kapazunder DJ Premier entstandene Single "Ain't No Other Man" aber nur schlagende Beweise dafür, dass gut gemeint auch im Unterhaltungsgeschäft das Gegenteil von gut ist.

Zugegeben: Das Sounddesign des Albums hätte einen Grammy verdient. Besonders die Mischung aus Vintageklängen (Bläsersätze, akustische Bässe et cetera) und HipHop-Beats auf der ersten CD des Doppelpacks - Nummer zwei enthält grelle Showtunes in "Moulin Rouge"-Manier - klingt ziemlich beeindruckend. Leider wurde vor lauter Atmosphäre aber auf das Wichtigste vergessen: auf die Songs. Mutig hantelt sich die Sängerin von Vers zu Vers; aber dort, wo an sich der Refrain hingehören würde, klafft ein großes Loch. So werden die Stücke trotz aller Entertainmentbemühungen nach eineinhalb Minuten recht langweilig.

Handelt es sich bei Christina Aguilera nun um ein Popchamäleon oder nur eine nach Method-Acting-Grundsätzen verfahrende Kostümkünstlerin? Wohl eher um Letzteres, was am Ende aber auch egal ist: So oder so hat man eine Mogelpackung gekauft. An die Ursprünge zurückzukehren, das müsste auch bedeuten, sich selbst beim Singen ein wenig zurückzunehmen, statt massenweise phrasierenden Zierrat anzuhäufen. So aber erweckt "Back To Basics" mehr Erinnerungen an die Zeit von Whitney Houston als an die von Billie Holiday.

Sebastian Fasthuber in FALTER 32/2006



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