Robots apres tout

Katerine


Le Dandy

Hierzulande kennt den Sänger Katerine fast niemand. Nun kommt der Star der französischen "Nouvelle Scène" zu Impulstanz nach Wien - als Tänzer.

Platten von Katerine sind stets auch visuell ein Ereignis. Auf dem Cover des aktuellen Albums "Robots après tout" sieht man den Franzosen, der erst Fleischhauergehilfe war, dann Sportlehrer und vor ein paar Jahren noch ein echter Beau, im rosa Rollkragenpulli und weißer Unterhose. Beides ist ihm eine Spur zu eng. Um ihn herum gruppieren sich hübsche Damen mit weißblonden Andy-Warhol-Perücken und im gleichen Outfit wie der Musiker. Die Rückseite der CD-Hülle gibt Preis, welches groteske Schuhwerk man zu Rosarolli und Ripstrick trägt: silberne High Heels. Im Video zur äußerst hysterischen Single "Louxor j'adore" kommt's dann noch bizarrer: Der Clip zeigt Monsieur Katerine und die Damen im Coverlook, wie sie auf einem Love-Parade-artigen Truck über ein französisches Kaff herfallen, vorbei am Friedhof, die Hauptstraße hinunter. Hunderte Bewohner laufen zusammen, vom Bürgermeister bis zum Teenager. Jubel, Stagediving, Konfettiregen: Katerine kennt man - allerdings nur in Frankreich. Diese Woche kommt er zum ersten Mal nach Wien. Als Tänzer.

Außerhalb Frankreichs ist es nicht leicht, an die CDs von Katerine heranzukommen. Dabei zählt der 37-jährige Sänger, der seinen Vornamen Philippe der Karriere opferte, zu den wichtigsten Begründern der sogenannten Nouvelle Scène Française, jener Gruppe von Musikern aus der Bretagne-Metropole Nantes, die dem französischen Pop nach dem Tod von Chansonidol Serge Gainsbourg 1991 einen Erneuerungsschub verpasste. Ähnlich wie es die "Hamburger Schule" mit dem Deutschpop machte. Man besann sich auf die Muttersprache und sang französisch - was damals nicht selbstverständlich war.

Wie seine Musikerkollegen pflegt Katerine ein entspanntes Verhältnis zur Chansontradition seines Landes. Er respektiert die Großväter und-mütter des französischen Liedguts, macht jedoch sein eigenes Ding. Waren die ersten Katerine-Platten noch voll mit ironisch gemeinten Zitaten, viel Bossa nova und Sechzigerjahresounds, ließ er mit den SSurs Winchester zwei junge Engländerinnen akzentreich auf Französisch hauchen - wie es einst Gainsbourg mit Jane Birkin vorgemacht hatte -, wirken seine späteren Alben stärker konzeptuell und auch eigenwilliger: weniger Easy Listening, mehr chanson éléctro; Daft Punk in der Achtzigerjahredisco.

Katerine gibt sich gerne als Dandy oder als verschrobener Sonderling, mal ist er obszön-lasziv, mal fürchterlich banal. Genau so sind auch seine Liedtexte. Zu leichten Melodien singt er oft voll bitterböser Ironie über Tod und Teufel und wurde in Frankreich rasch so populär, dass er sogar für die Godard-Actrice und-Muse Anna Karina Chansons schreiben durfte ("Une histoire d'amour"). Manchmal bestehen Katerines Texte auch nur aus kindischen Abzählreimen voller Belanglosigkeiten. Ein Song auf dem aktuellen Album ist aus Zahlenkolonnen zusammengesetzt. Wer kein Französisch versteht, merkt vielleicht gar nicht, dass es in dem Chanson nicht um große Gefühle geht, sondern um Sozialversicherungsnummern. "Man sagte von Frank Sinatra, dass er sogar das Telefonbuch hätte singen können", sagt Katerine im Interview mit dem Webzine Chronic'art. "Das Telefonbuch ist großartig. Es gibt Zahlen und Buchstaben, und sie haben auch noch eine Bedeutung. Name, Vorname und gleich dahinter Zahlen. Das ist doch eine äußerst bereichernde Lektüre."

Katerine hat nicht nur für zahlreiche Kinofilme Musik gemacht, er betätigt sich auch selbst als Filmemacher. Das Selbstporträt "Un km à pied" lief auf dem Kulturkanal Arte, das filmische Tagebuch "Peau de Cochon" auf Festivals in Frankreich. Seit neuestem engagiert sich das Multitalent auch im Tanztheater. Mathilde Monnier, Leiterin des Choreografischen Zentrums in Montpellier, hat um das aktuelle Katerine-Album ein Stück gebaut, das diese Woche beim Festival Impulstanz im Akademietheater auf dem Programm steht. Im von der französischen Presse gefeierten, witzigen Bühnenspektakel "2008 vallée" sind die Rollen vertauscht: Sieben Tänzerinnen und Tänzer singen, der Sänger tanzt. Der Kampf ums Mikrofon ist eröffnet, und angeblich macht Katerine seine Sache selbst hier richtig gut.

Auf dem Cover zum Album "Les Créatures" von 1999 sieht man Katerine nackt mit Zigarette. Der Glimmstängel sei mehr als nur ein Accessoire, meint der Musiker: "Rauchen ist das, was uns verbindet. Der Qualm, der aus deinem Mund herauskommt, landet in der Nase deiner Nachbarin, die du nicht kennst. Es ist eine gigantische soziale Beziehung, die man nun abschaffen will, indem man das Rauchen an öffentlichen Orten verbietet. Dabei sichert Rauchen das soziale Überleben." Zumindest sieht Monsieur Katerine das so.

Christopher Wurmdobler in FALTER 31/2006



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