At WBAIŽS Free Music Store

Joe Mc Phee & Survival Unit II


Swingen wie Zizou

The programm we are listening to is free jazz", lautet die Ansage. Das hätten wir auch so gemerkt, macht aber nix. Es waren wilde Zeiten damals, im Oktober 1971, als Joe McPhee & Survival Unit II in New York "At WBAI'S Free Music Store" (hatOLOGY) auftrat und im Radio übertragen wurde: Der Vietnamkrieg tobte, und die blutige Niederschlagung der mit Geiselnahmen einhergehenden Unruhen im Attica State Prison hatte gerade 40 Menschenleben gekostet. Die (tontechnisch alles andere als astreinen) Aufnahmen sind denn auch ein Spiegel der Zeit: Ziemlich unorthodox besetzt (kein Bass, dafür Clifford Thornton am Baritonhorn), schrammt der Großteil der Stücke an der Viertelstundengrenze, selbst die Ballade "Song for Lauren" wird ziemlich hitzig und leidenschaftlich. McPhee hat am Tenorsaxofon, das auf "Black Magic Man" in vielerlei Zungen spricht, stark an John Coltrane erinnernde Momente: "Nation Time", das auch noch Assoziationen an Miles Davis' "So What" wachruft, ist aber ganz anders organisiert: kein kollektives Losdrängen, eher eine seltsam zerklüftete, brüchige Abfolge von Solos, Gesten und Stilen. Bezeichnenderweise hat man den Eindruck, Pianist Mike Kull würde gern mal einen auf Evans oder Hancock machen, traut sich aber nicht so ganz.Aus der Freejazztradition der Sechzigerjahre kommt auch Trio 3, das allerdings durch die Beteiligten, nämlich Oliver Lake am Alt-und Sopraninosaxofon, den Basshaudegen Reggie Workman und Drummer Andrew Cyrille, über 130 Jahre Erfahrung aufbringt und niemandem mehr was zu beweisen braucht, außer das Entscheidende: dass nämlich Altersweisheit keineswegs zu fader Abgeklärtheit führen muss. "Time Being" (Intakt) ist voller sonorer Sensationen und kann es sich leisten, den Groove mehr anzudeuten als gnadenlos durchzuziehen. Symptomatisch das aus Solopassagen gebaute "Equilateral": Durch Individualität gelangt man hier zum gelassenen Kollektivismus. Fast schon neoklassizistische Zurückhaltung übt der seit über 20 Jahren in den Niederlanden lebende und aus den USA stammende Michael Moore auf dem mit seinem Quintet eingespielten Album "Osiris" (auf Moores eigenem Label Ramboy). Zwischen zarter zirzensischer Zickigkeit und filigraner melodischer Einlegearbeit exekutieren die fünf wunderbar aufeinander eingespielten Herren einen schwebenden, phasenweise auch sehr zügigen Swing, der an Eleganz und Leichtfüßigkeit seinesgleichen sucht. Bill Evans hätte so Fußball gespielt, Zidane würde so das Sax behauchen.

Klaus Nüchtern in FALTER 31/2006



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