Die Tiere sind unruhig

Kante


"Etwas wird passieren"

Die Hamburger Diskurspopper Kante überraschen auf ihrem neuen Album "Die Tiere sind unruhig" mit lauten Stromgitarren. Sänger Peter Thiessen und Schlagzeuger Sebastian Vogel sprachen mit dem "Falter" über Bananen in der Unterhose, das Tier im deutschen Pop und besoffene Deutschlandfans.

This record should be played loud" steht groß im Booklet des neuen Kante-Albums "Die Tiere sind unruhig". Für Rockplatten ist das an sich nichts Ungewöhnliches, beim Hamburger Diskurspopquintett aber kommt der Hinweis doch überraschend: Seit ihrem von der Nachdenklichkeit des Postrock geprägten Debüt "Zwischen den Orten" (1997) stehen Kante für ebenso ausgefuchste wie spannende Musik; laute Stromgitarren waren kaum je ihre Sache. Stichwortgeber für ihre jeweils in mehrjähriger Arbeit entstandenen Alben "Zweilicht" (2001) und "Zombi" (2004) waren Jazzfreigeister wie Sun Ra, der große Avantgardepopeinzelgänger Robert Wyatt, die Popkonzeptualisten Talk Talk oder die Rhythmik afrikanischer Musik.

Vor diesem vielschichtigen Background offenbaren Kante mit "Die Tiere sind unruhig" nun eine neuartige Lust am Rocken, ohne deshalb gleich in rockistische Banalitäten abzugleiten. Vor einer FM4-Session der Band im Radiokulturhaus traf der Falter den Sänger und Gitarristen Peter Thiessen - er war auch jahrelang Bassist der Gruppe Blumfeld - und den Schlagzeuger Sebastian Vogel zum Gespräch.

Falter: Lange Zeit galt bei Kante die Devise "erst denken, dann rocken". Die neue Platte wirkt dagegen sehr unmittelbar. Wie kam es zu diesem Wandel?

Peter Thiessen: Ich hatte lange den Anspruch, Meisterwerke machen zu müssen, während mir dieses Denken inzwischen ganz schön auf den Sack geht. Mein ganzes Leben hat sich nur noch um die Band gedreht und darum, eine Platte fertig zu kriegen. Irgendwann war klar, dass ich einmal in der Klapse lande und alle anderen dorthin mitnehme, wenn ich das bei jeder Platte so betreibe. Ich hatte Angst davor, als komischer Typ in einem Turmzimmer zu enden, wo sich alles nur mehr um die Kunst dreht. Jeder von uns fünf hat beim Spielen seinen eigenen Style, und mittlerweile denke ich, dass sich mehr Kraft, Energie und auch Spaß entwickelt, wenn man ohne Wahnsinnsmaßstäbe versucht, daraus etwas zu machen.

Sebastian Vogel: Die Produktion des Vorgängeralbums "Zombi" war enorm zeitaufwendig, nervenaufreibend und teuer und hat uns an einen kritischen Punkt gebracht, weil wir letztlich zwar eine tolle Platte gemacht, als Band aber überhaupt kein Gefühl mehr füreinander hatten. Wieder freier drauflos zu spielen war der einzig mögliche Weg, überhaupt weiterzumachen.

Lassen sich Meisterwerke überhaupt "erarbeiten"?

Thiessen: Vermutlich ist das eine sehr europäische Herangehensweise. In der amerikanischen Musik gibt es eine viel stärkere Tradition charismatischer, besonderer Stimmen - egal, ob Sänger oder Instrumentalisten. Greil Marcus schreibt in seinem Buch über Bob Dylans "Like a Rolling Stone", dass die Band einen Tag lang im Studio war und es genau einmal hinbekommen hat, den Song zu spielen. Das ist die Aufnahme, die wir kennen - und noch heute denkst du beim Hören: "Das ist ja Wahnsinn!" Das Gegenstück zu diesem Einfangen magischer Momente wäre eine Band wie Talk Talk, deren Platten wie Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle wirken, wo man überall stets noch etwas entdecken kann.

Wie passt die Lust an lauten Stromgitarren zu den einstigen Postrockern Kante?

Thiessen: Wir sind da nie so theoretisch rangegangen, und auch den Begriff Postrock haben wir uns nicht selbst ausgedacht. Anfangs richteten wir uns tatsächlich gegen eine bestimmte Rockideologie, die von verschwitzten Männertypen handelt und eine Geschichtsschreibung verfolgt, die Dinge immer wieder einmal für tot erklärt, um sie danach ebenso regelmäßig wieder auferstehen zu lassen. Inzwischen existieren aber so viele verschiedene Spielarten, dass man sich nicht mehr breitbeinig auf die Bühne stellen und eine Banane in die Unterhose stopfen muss, wenn man Rockmusik macht.

Rockmusik ist heute ideologisch unbedenklicher?

Thiessen: Auf eine gewisse Art ja. Bands wie Sonic Youth, Wipers oder sogar die Rolling Stones fand ich aber immer super - nur weil man sich zwischendurch viel mit Free Jazz beschäftigt, lehnt man deshalb ja nicht alles andere ab.

Es fällt auf, dass Tiere im aktuellen Hamburger Pop omnipräsent sind. Tocotronic mögen "die Tiere nachts im Wald, wenn sie flüstern, dass es schallt", Blumfeld lassen gleich die ganze Arche Noah auflaufen, und Ihre neue Platte heißt "Die Tiere sind unruhig". Was hat es mit all der Fauna auf sich?

Thiessen: "Die Tiere sind unruhig" ist ein Satz von dem Autor Rolf Dieter Brinkmann, den ich als Stimmungsbeschreibung gut finde: Man geht durch die Straßen, es ist schwül, und irgendwie fühlt man, dass etwas passieren wird. Sei es, dass ein Gewitter losbricht oder dass in der nächsten U-Bahn-Station eine Bombe losgeht. Dieses Gefühl ist ein anderes als jenes, das ich auf "Zombi" zu beschreiben versuchte. Nach dem 11. September versuchte man, politisch wie im normalen alltäglichen Leben sich das Geschehen möglichst weit vom Leib zu halten: Man wollte den europäischen und gerade auch deutschen Status quo über eher paranoide Reaktionen wie verstärkte Überwachung aufrechterhalten. Es war offensichtlich, dass die wirtschaftliche Depression auch nach Deutschland kommt, man tat aber die ganze Zeit noch so, als könnte die Bude im Prinzip weiterlaufen. Da tobte ein unglaublicher Sturm von Ereignissen, während man selbst im Herzen dieses Wirbelsturms saß, wo scheinbar absolut nichts passiert.

Dieser Traum ist ausgeträumt?

Thiessen: Man realisiert, dass die deutschen Innenstädte keine Idyllen sind und auch die ganz normale kapitalistische Krise vor uns nicht Halt macht. Die Reaktionen sind eher zweifelhaft, aber zumindest der Blick ist heute realistischer: Man kann nicht mehr voraussagen, was auf einen zukommt, weil man es schlicht nicht weiß. Das wollte ich beschreiben und dafür passte dieser einfache, poppige Satz von Rolf Dieter Brinkmann ziemlich gut. Tiere tauchen auf der Platte aber nicht als Tiere an und für sich auf. Vielmehr geht es darum, dass Menschen an ihrem Verhalten etwas ablesen, wovon die Tiere selbst möglicherweise gar nichts wissen.

Zu Zeiten Ihres Debüts war die deutschsprachige Popszene klein und überschaubar. Inzwischen tummeln sich da die Massen, der Gitarrenpop von Wir Sind Helden, Tomte, Silbermond und Co wurde zum kommerziellen Erfolgsmodell. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Thiessen: Die Selbstverständlichkeit, deutsch zu singen, hat viel mit einem neuen Verhältnis zur eigenen Nation zu tun. Das ist keine subkulturelle Entwicklung, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Junge Menschen, die Musik machen, bilden da keine Ausnahme. Von den Tausenden jungen Bands ist die eine gut und die andere scheiße - die allermeisten sind scheiße oder haben mir zumindest nicht viel zu erzählen. Vor allem verbindet die Leute sehr wenig, inhaltlich ist kaum etwas da.

Warum halten Sie selbst so strikt an der Weigerung fest, unter dem Label "deutsch" vermarktet zu werden?

Thiessen: Mich hat vor allem amerikanische Musik interessiert, und das war nie die Musik einer Nation im europäischen Sinne, sondern geprägt durch eine Vielsprachigkeit ohne einheitliche Identität. Theoretisch gesprochen ist Popmusik eine Weiterentwicklung von Blues; Blues ist der große Knall, ohne den kein Pop vorstellbar ist. Und ich glaube, dass Blues sich - bedingt durch die besondere Situation von Afroamerikanern in den USA - immer durch eine musikalisch und textlich uneigentliche Sprache ausgezeichnet hat. Das kannst du heutzutage im HipHop finden - und eben auch in guter Popmusik; das ist ihr Herz und ihr Zentrum. Bezeichnet man eine bestimmte Musik als "deutsch", hat man dermaßen überhaupt nicht verstanden, worum es bei Pop geht, dass es nur absurd ist.

Vogel: Diese Zuschreibung ist eine Selbstbestätigung für Bands und ein Publikum, das geradezu dazu erzogen wird, Musik aus dem eigenen Land gut zu finden und zu hören. Da steckt eine Kampagne dahinter, die einfach nationalistisch ist. Diese Deutschpopzusammenstellungen tragen ja auch Titel wie "Neue Heimat". Ich finde Sampler zu bestimmten politischen Anlässen gut, zu einem Motto oder als ein spezifisches Benefiz. Aber "Musik aus Deutschland"? Wir haben doch mit den meisten auf derartigen Samplern vertretenen Bands viel weniger zu tun als mit Bands von anderswo her!

Die Berliner Band Mia hat sich vor einigen Jahren auch für ein unverkrampftes, neues deutsches Nationalbewusstsein ausgesprochen.

Vogel: Ja, die sind die Vorreiter dieser nationalen Welle.

Was ihnen auch heftige Kritik einbrachte. Aber wurde da nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen?

Vogel: Es ist ja nicht nur die Kritik, die mit Kanonen auf Spatzen schießt, sondern davor steht dieses unglaubliche mediale Interesse, eine Band als deutsche Band zu hypen. Und dass all diese schlechten Bands dann hochkommen und Gruppen wie Die Sterne, Blumfeld und Tocotronic überholen, obwohl sie den Erfolg letztlich doch denen zu verdanken haben, ist einfach auch ungerecht, da kann man sich schon mal gehörig darüber aufregen.

Thiessen: Die Fußball-WM war der Gipfel dieser Entwicklung. Du konntest keine Zeitung aufschlagen, ohne dass sich jemand freute, dass wir Deutsche uns zu unserer Fahne und zu unserem Land bekennen können - grauenhaft!

Eine zentrale Botschaft dieser WM lautete: "Deutsche können neuerdings Patrioten sein, ohne dass die Welt sich fürchten muss." Das ist doch schon mal was, oder?

Thiessen: Auf der einen Seite ist das ein Gipfel dieses Normalisierungsdiskurses, auf der anderen Seite war die Angst vor deutschen Hooligans tatsächlich unbegründet. Nationalismus offenbarte sich eher in Form von Typen in engen T-Shirts und kurzen Hosen mit zwei Dosenbier in der Hand und einer Deutschlandfahne um die Hüfte, die durch die Straßen wanken und "Tschland! Tschland!" bellen. In der Bild-Zeitung gab es Angebote, da hast du bei Aldi mit einem Gutschein zwei Fahnen, einen Sixpack Bier und eine Packung Erdnüsse bekommen. Ich glaube nicht, dass es das ist, wovon echte Nationalisten träumen.

Nicole Scheyerer in FALTER 30/2006



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