Beethoven-Etüden/Sinfonische Etüden

Ragna Schirmer, Robert Schumann


Im Schatten

Lang, kurz, kurz, lang, lang. Lang, kurz, kurz, lang. Mit ungeheurer Konsequenz baute Beethoven aus diesem einfachen rhythmischen Motiv den zweiten Satz seiner 7. Sinfonie. Der Beethoven-Bewunderer Robert Schumann griff es auf und skizzierte darüber 15 "Etüden in Form freier Variationen", WoO 31. Aus dem im Original meist ruhig insistierenden Rhythmus wurden bei ihm rauschende Tonkaskaden, verhuschte Arpeggi, perlende Läufe - ein brillantes Kaleidoskop romantischer Klavierkunst. Doch zu einer Veröffentlichung der zwischen 1831 und 1835 entstandenen Stücke konnte sich Schumann nie entschließen. Erst 1976 erschienen sie als Skizzen im Druck, bis heute werden sie kaum gespielt.

Die junge deutsche Pianistin Ragna Schirmer hat dem fragmentarischen Zyklus auf ihrer Einspielung (Berlin Classics/Edel) eine schlüssige Reihenfolge gegeben und kombiniert ihn passend mit den weit bekannteren "Sinfonischen Etüden", op. 13. Drei unterschiedliche Fassungen davon fertigte Schumann an (1834, 1837, 1852), Schirmer wollte sich für keine von ihnen entscheiden und hat (ebenfalls in gut argumentierter Abfolge) alle zwanzig Stücke aufgenommen, sodass sich mithilfe des informativen Beihefts alle drei Versionen auf dem CD-Player programmieren lassen.

Die aufschlussreiche Zusammenstellung der beiden verwandten Zyklen, vor allem aber Schirmers konzentrierte, fesselnde und gänzlich attitüdenfreie Interpretation machen diese CD zur bislang besten des Schumannjahres 2006. Wobei es wohl bezeichnend für Schumanns Schicksal im ewigen Schatten des Co-Jubilars Mozart ist, dass aus Anlass seines 150. Todestages am 29. Juli (siehe Seite 51) nur wenig erschienen ist. Bereits vor einigen Monaten kam ein Konzertmitschnitt von den Salzburger Festspielen 2002 heraus, auf dem der von András Schiff begleitete deutsche Tenor Peter Schreier wirklich "nicht grollt" und sich Schumanns "Dichterliebe" sowie den Liederkreisen nach Heine (op. 24) und Eichendorff (op. 39) mit sanft eindringlicher Altersmilde und -klarheit widmet. Interessant ist auch die Einspielung der beiden "Klavierquartette" Schumanns durch das Trio Parnassus und Bratschist Hariolf Schlichtig (MDG/Gramola). Mit dem bekannten op. 47 und einem selten gespielten Frühwerk von 1829 (WoO 32) machen sie klar, dass Schumann schon früh und musikalisch durchaus erfolgreich daran arbeitete, in dieser damals raren Gattung aus dem Schatten des Klavierquartetterfinders Mozart zu treten.

Carsten Fastner in FALTER 30/2006



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