Wien gŽspürn

Roland Neuwirth, Extremschrammeln


"Ich bin ein Zerrissener"

Mit seinen Extremschrammeln hat er in den letzten drei Jahrzehnten das Wienerlied revolutioniert. Im "Falter"-Gespräch erklärt Roland Neuwirth, warum er zurück zum Landler-Groove will, beklagt den Verlust des Wiener Dialekts und verrät, was für ihn die größte Auszeichnung ist.

Weltberühmt in Wien. Das trifft auf viele Wiener zu, aber selten so sehr wie auf Roland Neuwirth. Ein paar gemeinsam mit ihm verbrachte Minuten im öffentlichen Raum der U-Bahn machen klar: Dieser Mann kann es in der Frequenz des Gegrüßtwerdens ohne weiteres mit dem amtierenden Bürgermeister oder dessen Vorgänger aufnehmen. Was der Vollbart-und Hutträger neben seinen musikalischen Fähigkeiten auch seiner televisionären Präsenz verdankt: Bei der ORF-Fernsehserie "Kaisermühlen-Blues" war Neuwirth nicht nur für einen Teil der Musik verantwortlich, sondern trat auch immer wieder als Darsteller seiner selbst in Erscheinung.

"Mittlerweile bin ich halt eine Figur und hab den Inventarstempel am Arsch", meint er gelassen über seine lokale Berühmtheit als ungekrönter König des neuen Wienerlieds. Wie weit dieser Ruhm reicht, lässt sich auch daran ablesen, wer aller auf Neuwirths jüngster Platte mit eigens aufgenommenen Sprech-und Gesangsproben vertreten ist: der Bürgermeister ebenso wie der Kulturstadtrat, Ingrid Thurnher, Willi Resetarits, Monica Weinzettl oder Gerhard Bronner - Leute halt, die Neuwirth "auf eine bestimmte Art leiwand" findet.

Sie alle haben sich vom Musiker nicht lange bitten lassen und singen oder sprechen auf einer fast zehnminütigen Nummer mit dem schönen Titel "Zug fährt ab" U-Bahn-Gstanzln. Die Vierzeiler stammen nicht alle von Neuwirth selbst, sondern gehen auf seine Lehrtätigkeit im Rahmen der Schule für Dichtung zurück. Im Herbst werden sie auch als Buch erscheinen. Auf Neuwirths neuer Platte "Wien g'spürn" kann man schon jetzt Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny mit folgendem Gstanzl hören: "Åm Nestroy-Plåtz möcht i / de Gstanzn wem zeign / doch dem tan bedeutende / Zweifel aufsteigen."

Zu seiner Geburtsstadt, der Titelheldin seiner jüngsten Platte, scheint der 55-Jährige mittlerweile ein entspannteres Verhältnis zu haben als früher: "Für mich ist Heimat schon wichtig", meint Neuwirth, "und dass man die Wurzeln nicht vergisst. Und ich bin eben in Wien aufgewachsen, ich hab da meine ersten Watschen gekriegt, aber auch meine ersten Streicheleinheiten. Und das formt eben einen Menschen."

Mit der Musik ging es bei Roland Neuwirth erst relativ spät los. Der Sohn eines Bildhauers und einer Sonderschullehrerin brachte sich zunächst einmal das Gitarrespielen bei und trat ab 18 zudem als Kontrabassist auf. Angesagt war natürlich Musik aus den USA, der Jazz und der Blues. Auf das Wienerlied brachte ihn dann sein Vater, der unter anderem auch Chefrestaurator der Wagenburg in Schönbrunn war. Als Roland junior als spätpubertärer Bluesmusiker in eine veritable Identitätskrise schlitterte, machte Roland senior den Vorschlag, doch gleich ein Schrammelquartett zu gründen.

"Für mich als Hippie war das so absurd, dass es schon wieder hip war", erinnert sich Neuwirth. "Und wir waren damit schlagartig in allen Zeitungen." Das war vor mittlerweile 32 Jahren. 1983 erfolgte dann nur mehr eine kleine Namenskorrektur, als Neuwirths Schrammelquartett von einem Journalisten als "Extremschrammeln" bezeichnet wurden. Die sind seitdem der musikalische Lebensmittelpunkt von Neuwirth und werden es wohl auch bleiben. Selbst wenn gewisse Veränderungen nicht zu überhören sind.

Hatte Neuwirth noch lange vor der Weltmusikwelle das Wienerlied durch die Beigabe von Blues, Rock 'n' Roll, Jazz und Funk nachhaltig revitalisiert, so will er heute eher weg von den Amerikanismen und stattdessen den Landler-Groove ausbauen, weil der nämlich wie die Hölle swinge: "Der Dreivierteltakt ist viel interessanter als der Viervierteltakt. Der hat einen Sog und eine Ekstatik, mit der du einfach alles machen kannst." Deshalb halte er auch nicht viel von diesem Globalmusikgetue.

"Ich bin ein Zerrissener, ein halberter Amerikaner, keine Frage", sagt er. "Ich steh auf der einen Seite drauf, dass die Musik alle ihre Fenster weit aufmacht. Aber zugleich muss sie ihren Charakter und ihr Gesicht bewahren" - was bitte nicht als falsch verstandener Nationalismus aufzufassen sei. Denn schließlich sei das Wienerlied nun einmal unser Blues - und untrennbar mit unserer Sprache verbunden. "Jeder Sprachrhythmus hat nämlich seinen Duktus", erklärt der Philosoph des Wienerlieds, "und deshalb ist es kein Wunder, dass bei uns eben der Landler und der Walzer entstanden sind und nicht der Rap."

Wenn man mit dem Dozenten an der Schule für Dichtung auf die Sprache zu sprechen kommt, dann ist es urplötzlich vorbei mit seiner Altersmilde und seinem Verständnis für die Jugend: "Die reden heute ja wie aus dem Fernsehkistl. Dass bei uns immer mehr Pifkinesisch reden, das find ich widerlich und charakterlos." Die eigene Sprache und damit die eigene Identität zu vergessen komme für ihn einem kulturellen Suizid gleich, wogegen man ankämpfen müsse, "weil ich will ja kein Semperer sein".

Mit Entsetzen habe er kürzlich im Radio eine Werbung gehört, wo von Jungen statt von Buben die Rede war. Die Verantwortlichen dafür seien "einfach Schneebrunzer", entfährt es Neuwirth - nicht ohne sich unmittelbar an diesem Wort zu laben: "Schneebrunzer oder Arschkapplmuster, das sind doch wunderbare Ausdrücke!" Er wäre deshalb erstens sofort dafür, dass das österreichische Deutsch in seiner Vielfalt als sprachliche Einheit unter Artenschutz gestellt wird. Und zweitens fordert er, dass Dialektwörter im Autokorrekturprogramm von Word nicht ständig rot unterwellt werden.

Umso mehr verwundert es, dass Neuwirth einen deutschen Manager hat, noch dazu aus Münster. "Ich tu mir natürlich schwer damit. Wenigstens freut es mich, dass ich als Österreicher an Deutschen hab, der für mich arbeitet, und net umgekehrt." Auch in der Frage des deutschen Deutsch ist Neuwirth ein Zerrissener: "Rein phonetisch halt ich diesen Sprachklang ja nicht aus, und Quarktasche statt Golatsche ist eine echte Niederlage. Andererseits kommt mein Lieblingsdichter Peter Rühmkorf aus deutschen Landen. Die Deutschen sind ja eh Verwandte. Aber man kann sich die Verwandten halt nicht aussuchen."

Wenn es hingegen um Wien und Österreich geht, dann schlägt Neuwirth sowohl auf seiner neuen Platte wie auch im Gespräch durchaus versöhnliche Töne an. "Das Leben ist kein Schachbrettl, deshalb kann das Schwarzweißdenken nicht richtig sein." Und so nimmt er sogar das österreichische Steuersystem nolens volens in Kauf: "Als Künstler wäre ich in Italien oder in Irland ja von der Steuer ausgenommen. Für mich als Raucher wär das dort aber ein Fiasko. Da rauch ich lieber und zahl meine Steuern. Bei uns geht immer noch ein bissl was, das finde ich sehr menschlich."

Die Ambivalenz bleibt natürlich, auch und zumal politisch. Mitunter plagen Neuwirth sogar gewisse demokratiepolitische Zweifel: "Ich seh hier Monster herumlaufen, bei denen ich mir immer denken muss: ,Scheiße, der kann wählen gehen.' Und so kommt es natürlich auch zu einem HC Strache." Insofern habe die eingeschränkte Demokratie bei den alten Griechen schon auch ihre Vorteile gehabt.

Am liebsten spricht Neuwirth aber über die Musik und nichts als die Musik. Darüber zum Beispiel, warum der Fado im Vergleich zum Wienerlied harmonisch so fad ist: "Das Wienerlied steht immer in Dur, geht aber schon im zweiten Takt in Richtung Moll und wieder zurück." Oder welche Kraft die slawische Volksmusik hat: "Da kriegst du die Ganslhaut, wenn du das hörst! Da sind ja alle modernen Komponisten direkt lächerlich. Das meiste davon ist für mich impotent. Volksmusik hingegen ist potent. Wurscht, woher sie kommt."

Gleichwohl wurde Neuwirth in den vergangenen Jahren selbst immer mehr zum "klassischen" Tonsetzer: So hat er im Vorjahr ein abendfüllendes Programm für großes Orchester und Sprechstimme geschrieben. Zurzeit arbeitet er mit Peter Turrini an einer Art Operette, bei der ein unmittelbarer Zugang zu wahren ist: "Weil wenn ich vorher zehn Seiten lesen muss, damit ich weiß, was der Komponist gemeint hat, dann ist das schon Wissenschaft für mich und nimmer Kunst", sagt der Nestroy-Ring-Preisträger des Jahres 1993 und Wienerlied-Professor.

Obwohl - offiziell hat er den Professorentitel ja noch nicht erhalten. Und möchte ihn bitte auch gar nicht angetragen bekommen, weil er ihn nämlich ablehnen müsste. "In einem Land, wo der Karli Moik und der Udo Jürgens Professoren sind, da möchte ich nicht auch einer werden." Es gibt höhere Ehren. Schon mehrfach haben verstorbene Fans testamentarisch verfügt, dass er an ihrem Sarg spielen soll. "Das ist für mich die größte Auszeichnung, die man kriegen kann, und mehr wert als der Nestroy-Ring."

Klaus Taschwer in FALTER 29/2006



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