Multiple Additions

Jamie Lidell


Sommermusik

Ein altes Falter-Gesetz besagt, dass sich das Wetter schlagartig ändert, sobald wir darüber schreiben. Daher gleich die Entwarnung: Die nun folgende Musik taugt im Zweifelsfall auch bei regnerischen 17 Grad zur Wohnzimmerbeschallung. Cocktailschlürfend bei sonnigen 31 Grad im Schatten funktioniert eine Platte wie "Bande à part" (Peacefrog/Edel) von Nouvelle Vague freilich noch um einiges besser. Bereits zum zweiten Mal interpretieren die Franzosen hier mit der richtigen Balance aus Respekt und Humor ausgewählte New-Wave-Klassiker (diesmal u.a. von Joy Division, Visage, Blondie, Bauhaus und Grauzone) im Easy-Listening-Style, wobei man kaum weiß, was mehr überrascht: dass der Schmäh neuerlich so gut funktioniert oder dass man - dem prognostizierten kurzen Verfallsdatum zum Trotz - auch das 2004 erschienene Debüt noch immer gerne hört. Ähnliches gilt für Senor Coconut and his Orchestra, dem auf Latino-Coverversionen diverser Popklassiker spezialisierten Alter Ego des Frankfurter Elektronikers Uwe Schmidt. Auf "Yellow Fever" (Essay/Universal) nimmt er sich der japanischen Synthiepopikone Yellow Magic Orchestra an. Das Ausgangsmaterial ist hierzulande zwar unbekannter, die Ergebnisse sind aber kaum weniger unterhaltsam als die Kraftwerk-Interpretationen "El Baile Aleman", mit denen Herrn Coconut bereits einmal eine veritable Sommerplatte ausgekommen ist. Sich selbst variiert die kanadische Popchansonette Feist mit der Remix-und Kollaborationensammlung "Open Season" (Polydor/Universal), die trotz ihrer Stilvielfalt auch als ganzes Album sehr gut funktioniert und sich optimal dafür eignet, die Wartezeit auf den für Herbst angekündigten Nachfolger ihres großartigen Albums "Let It Die" zu überbrücken. Auch von Jamie Lidell gibt es ein außertourliches Album. "Multiply Additions" (Warp/Edel) enthält Remixe und Liveversionen des letztjährigen Elektronik-Soul-Überfliegers "Multiply", erreicht dessen Größe aber trotz einiger guter Momente nie wirklich. Sowohl bei Feist als auch bei Jamie Lidell ist Mocky als Remixer und Mitstreiter vertreten, im Gegenzug sind die beiden auf seinem neuen Album "Navy Brown Blues" (Four Music/Sony BMG) als Duettpartner mit dabei. Es vermag nicht ganz an "Are+Be" und dessen Prince-für-die-Nullerjahre-Sound anzuschließen, gerade bei erhöhtem Sonnenaufkommen ist dieser Faule-Willi-Funk aber keinesfalls zu verachten.

Gerhard Stöger in FALTER 26/2006



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