The Legendary Prestige Quintet Sessions

Miles Davis


Westernhelden

Dass auf die sechs CDs der "Complete Columbia Recordings" des Quintetts von Miles Davis und John Coltrane nun wieder eine Box des Miles Davis Quintet aus dieser Zeit erscheint, hängt mit einer schallplattenhistorischen Kuriosität zusammen: Nach seinem legendären Solo über Monks "Round Midnight" wurde Davis von Columbia verpflichtet, musste aber erst noch seinen bis 1956 laufenden Vertrag mit Prestige erfüllen und vier Alben einspielen, was er am 11. Mai und am 26. Oktober 1956 extrem zügig erledigte. "The Legendary Prestige Quintet Sessions" (Universal, 4 CDs) heißen völlig zu Recht so - was ihnen freilich nicht in die Wiege gelegt wurde. Der Papierform nach war die Band nämlich durchaus keine Weltmeistercombo und bestand, wie es die ursprünglichen liner notes in sarkastischer Mimesis an die Sichtweise vieler Hörer ausführten, aus "einem Trompeter, der nur in Mittellage spielen konnte, einem Tenorsaxofonisten, der falsche Noten spielte, einem Barpianisten, einem Schlagzeuger, der so laut spielte, das man niemand sonst hören konnte, und einem Teenager von Bassisten".

Auch der recht konfuse Steve Allen, Gastgeber der "Tonight Show", in der sich das Quintett im November 1955 mit drei (hier dokumentierten) radiogerecht kurzen Nummern vorstellte, fühlte sich bemüßigt, darauf hinzuweisen, dass dies eben "modern music" sei, jede Note aber dennoch "eine genaue, mathematisch nachweisbare Bedeutung" hätte.

Spannend an den Aufnahmen des Quintetts sind vor allem die Gegensätze; zum einen die zwischen den beboporientierten rasanten Stücken ("Salt Peanuts", "Half Nelson" ...) und jenen Balladen, bei denen Davis' gestopfte Trompete zu lyrischen Höhenflügen ansetzt (meisterhaft: "In Your Own Sweet Way"!); zum anderen zwischen den Musikern selbst. Coltranes resolute epische Eloquenz ist etwas ganz anderes als die hingetupften single line notes des minimalistischen Tastenstreichlers Red Garland - der freilich, mit resoluten Blockakkorden, auch anders kann.

Das scheint überhaupt das Geheinmnis dieser Aufnahmen: Alle können immer auch anders. Coltrane fällt mitunter ins Haus, wie ein Westernheld einen Saloon durch heftig aufgestoßene Schwingtüren betritt - und kommt das andere Mal wieder ganz artig durch den Seiteneingang. Und wie bei Westernhelden gilt auch hier: Man muss ihnen auf die Finger schauen - die hier zwar keine Schießeisen, sondern Instrumente bedienen, die aber dennoch ins Herz treffen können.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2006



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