Things Change While Helium Listen to Everyone

Your Ten Mofo


Mathematik und Melodie

Die österreichische Postrockneuentdeckung Your Ten Mofo stellt beim Daneben-Festival in der Szene Wien ihr erstes Album vor.

Dem Genre Postrock wird landläufig eine gewisse Kopflastigkeit nachgesagt. Nicht ganz zu Unrecht: Wo die Musik bisweilen wie ein mathematischer Algorithmus abgespult wird, kommen Bauch und Gefühl naturgemäß etwas kürzer. Fast eine Dekade nach der Blütezeit von Tortoise und Konsorten beweist nun eine junge österreichische Band, dass sich Tüfteleien und Emotionalität sehr gut in Einklang bringen lassen.

Das erste Album von Your Ten Mofo mit dem schwer zu memorierenden Titel "Things Change While Helium Listen to Everyone" ist im Feld Instrumental/Elektronik hierzulande das wohl erstaunlichste Debüt seit Radians ersten Schritten Ende der Neunzigerjahre. Obwohl sie an Traditionen wie eben Postrock, aber auch Krautrock und Indie-Shoegazertum anknüpft, hat die Band früh zu einem erstaunlich eigenständigen Sound gefunden.

Das zu Studienzwecken aus dem Oberösterreichischen nach Wien abgewanderte Quartett besteht aus dem Brüderpaar Michael und Florian Parzer sowie David Punz und Stefan Hartl. Die Mitglieder kennen sich seit Kindertagen, in dieser Besetzung spielen sie aber erst seit zwei Jahren zusammen. Begonnen hat Your Ten Mofo als Soloelektronikbastelei von Michael Parzer, nach und nach wuchs es sich zu einer echten Band aus.

Auswachsen wäre auch eine treffende Umschreibung für die bis zu 15-minütigen Klanggemälde der vier Mittzwanziger. Diese beginnen still und schwellen langsam zu einem schönen Lärm an, ehe sie in der Ruhe nach dem Sturm ausklingen. "Immer wieder rauf und runter", die alte Weisheit der Krautrocker Harmonia, haben sich auch Your Ten Mofo auf ihre Fahnen geschrieben. "An sich ist die Musik schon ein gutes Stück weit darauf ausgelegt, dass man sich in ihr verlieren kann", drückt Michael Parzer die Wirkung dieser Achterbahnfahrt in Zeitlupe aus.

Obwohl ihre Musik eher aus der experimentellen Ecke kommt und Spannung sowie eine gewisse Dynamik wichtig für den Sound von "Things Change ..." sind, haben Your Ten Mofo mit Phänomenen wie Krach nichts am Hut. Im Mittelpunkt steht im Gegenteil der unbedingte Wille zur Harmonie. "Wir sind eher auf der schönen Seite des Traumlands zuhause", formuliert es Parzer. "Es dreht sich auf diesem Album vieles um liebliche Melodien, und wir gehen mit diesen Melodien eher konstruktiv um, als sie zu zerstören, da die Musik ja von ihnen lebt."

Das Schöne an Your Ten Mofo: Die aufreibende Detailarbeit und den "immensen Editieraufwand", die nötig waren, um die Ideen, die den Musikern durch die Köpfe geisterten, umsetzen zu können, mag der Hörer zwar erahnen. Sie werden ihm aber nicht als Last aufgebürdet. An dieser Musik kann man sich auch ohne Affinität zu Mathematik oder moderner Studiotechnik erfreuen.

Noch sind Your Ten Mofo, die auf dem heimischen Indielabel Wohnzimmer Records veröffentlichen, trotz ihres internationalen Sounds ein auf Österreich beschränkter Act (im Herbst erscheint das Album in Deutschland). Dieses Wochenende stehen sie beim kleinen, feinen Daneben-Festival mit "abseitiger Musik aus Österreich" auf der Bühne der Szene Wien. Aber an sich sollten die Mofos, wie sie sich selbst nennen, jetzt schon auf Liebhaberfestivals in aller Welt unterwegs sein. Für die Zukunft scheinen ihnen alle Wege offen zu stehen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 24/2006



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