Victory For The Comic Muse

The Divine Comedy


Platt mit Aussicht

Dem Popdandy Neil Hannon alias The Divine Comedy ist mit "Victory for the Comic Muse" eines seiner besten Alben gelungen. Unabsichtlich.

Vor fünf Jahren musste die relativ kleine, aber verschworene Fangemeinde der britischen Band The Divine Comedy einen radikalen Kurswechsel verkraften. Neil Hannon, der Mann hinter Divine Comedy, hatte das jahrelang sorgfältig aufgebaute Image als dekadent-sarkastischer Dandy für beendet erklärt. Statt maßgeschneiderter Tweed-Anzüge trug er jetzt Jeansjacken und bequeme Cordhosen, statt als Soloprojekt mit Begleitmusikern präsentierte sich The Divine Comedy auf einmal als "richtige" Band. Weil das im neuen Stil produzierte Album "Regeneration" dann aber nicht auf die erhoffte Resonanz beim großen Publikum stieß, wurde das Experiment nach wenigen Monaten wieder abgebrochen. Hannon feuerte die Band, holte reumütig die Anzüge und Krawatten aus dem Schrank und spielte fast im Alleingang das Album "Absent Friends" (2004) ein, auf dem fast alles wieder wie früher war.

Dass mit "Victory for the Comic Muse" nun schon wieder ein neues Divine-Comedy-Album erscheint, war eigentlich gar nicht vorgesehen. "Es war eine ungeplante Schwangerschaft", sagt Neil Hannon im Falter-Gespräch. Das neue Album sei ihm sozusagen "passiert". Wie das? "Nachdem die ,Absent-Friends'-Tour beendet war, sagte ich meiner Managerin: ,Nimm alles an, was wir normalerweise absagen!' Ich wollte mich einmal als Pop-Songwriter versuchen, Nummern für andere Leute schreiben. Ich wollte sehen, ob ich das kann." Unter anderem komponierte Hannon Songs für Filme und die Titelmelodie für eine TV-Sitcom, er schrieb gemeinsam mit dem früheren Robbie-Williams-Songwriter Guy Chambers zwei Songs für die englische Musicalsängerin Laura Michelle Kelly und steuerte eine Nummer zum aktuellen Jane-Birkin-Album bei. "Irgendwann hab ich mich hingesetzt und all die Songs und Songentwürfe zusammengezählt. Es waren Massen - dreißig oder so! Und da dachte ich mir: Okay, ich mach jetzt ganz schnell ein Album, damit ich das erledigt habe."

Auf "Victory for the Comic Muse" finden sich zwei Nummern, die Hannon eigentlich nicht für sich geschrieben hat. "Dear Mother" etwa war für einen Film gedacht, wurde aber nicht genommen. "Das läuft so: Die Filmproduzenten sagen den Musikfirmen, dass sie einen Song brauchen - und die Musikfirmen sagen es allen ihren Songwritern weiter. Ich schätze, voriges Jahr wurden Unmengen an Songs über Mütter geschrieben!" Die Nummer ist Hannon - ganz gegen seine Art - an einem einzigen Nachmittag aus der Feder geflossen. "Wenn man für andere arbeitet, fällt es einem irgendwie leichter, so sentimentale Sachen wie ,Dear Mother' zu schreiben. Wenn ich daran gedacht hätte, dass das für mein eigenes Album ist, hätte ich mir wahrscheinlich gesagt: Das kannst du nicht machen!"

Generell sei die Arbeit an dem neuen Album schon deshalb ungewohnt relaxed gewesen, weil er beim Schreiben der Songs ja gar nicht wusste, dass er an einem neuen Album arbeitete. Ein Trick, der sich zwar kaum wiederholen wird lassen, dieses eine Mal aber prächtig funktioniert hat: Unabsichtlich ist Neil Hannon eines seiner schönsten, souveränsten Alben gelungen. Flockige Popsongs stehen da neben Pathos im Stil von Hannons Hausgöttern Jacques Brel und Scott Walker; die gewohnten Breitwand-Streicherarrangements kontrastieren mit delikaten Gitarrensounds.

Die zwei vielleicht besten Stücke des Albums handeln - auf sehr unterschiedliche Weise - von Frauenschicksalen. In "Diva Lady" schildert Hannon spöttisch die Sorgen eines Starlets ("She's got thirty people in her entourage / just in case her ego needs a quick massage"), während er in dem ergreifenden 5-Minuten-Melodram "A Lady of a Certain Age" das Los einer Dame beklagt, deren beste Jahre vorüber sind. Nicht nur dieser Song erinnert an Hannons "klassische" Phase in den Neunzigerjahren, als in der Musik von Divine Comedy die Atmosphäre zart verblasster und doch formvollendeter britischer Lebensart mitschwang. Nicht zufällig gehört E.M. Forsters ironischer Roman "Zimmer mit Aussicht" (1908) zu Hannons Lieblingsbüchern.

Aus "A Room with a View" stammt auch das Zitat, dem das neue Album seinen Titel verdankt: "Ich habe einen großen Sieg für die Muse der Komik errungen", sagt eine der Romanfiguren einmal. "Gemeint ist damit einfach, dass er einen guten Witz gemacht hat. Und vielleicht ist es ja genau das, was auch ich damit sagen will!"

Der Titel "Victory for the Comic Muse" lässt sich zudem als selbstreferenzieller Gag interpretieren: Das 1990 veröffentlichte Debütalbum von The Divine Comedy hieß "Fanfare for the Comic Muse" - und ist seit Jahren nicht mehr lieferbar, weil der Künstler selbst eine Nachpressung untersagte. "Da war ich vielleicht ein bisschen streng", meint Hannon heute. "Mittlerweile bin ich zumindest so weit, dass ich die Existenz des Albums akzeptiere. Ich habe es mir sogar wieder angehört, und es ist gar nicht mal so schlecht! Es ist halt etwas anderes, damals waren wir einfach eine von vielen kleinen Indiebands." Sogar eine Wiederveröffentlichung des verstoßenen Erstlings schließt Hannon nicht mehr aus.

In Fankreisen hat der Titel des neuen, insgesamt neunten Albums jedenfalls für Verunsicherung gesorgt. In einem Internetforum wurde bereits gemutmaßt, "Victory for the Comic Muse" könnte das letzte Divine-Comedy-Album sein - ein Kreis habe sich geschlossen. "Meine lieben Fans lesen gerne viel zu viel in das hinein, was ich mache", dementiert Neil Hannon. "Dabei mache ich etwas oft einfach nur, um mich zu erheitern. Es gibt viele mögliche Erklärungen für den Titel. Aber vor allem fand ich, dass er gut klingt."

Wolfgang Kralicek in FALTER 24/2006



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