Happy New Ears

Atomic


Klarinette & Co

Ambrose Bierce' bündige Antwort auf die Frage, was denn schlimmer sei als eine Klarinette, lautet "zwei Klarinetten" und ist natürlich bloß ein pfiffiges Malmot. Gewiss, wenn zwei so wilde Kerle wie Peter Brötzmann und Han Bennink eine "Schwarzwaldfahrt" (Atavistic/Archive FMP Edition) unternehmen und dabei gleich ein ganzes Schüppel an Klarinetten und anderen Rohrblattinstrumenten ins Dickicht schleppen, um damit und dem, was sie in der Natur vorfinden (Motto: "Es klappert Han Bennink am rauschenden Bach"), fröhlich Radau zu machen, dann mag das ein oder andere deutlich vernehmbare Waldvögelein vom Spontanverlust des Federkleides betroffen gewesen sein. Aber diese nun um eine CD erweiterten Aufnahmen aus dem Jahre 1977 müssen ja auch eher als Kuriosum gelten. Ganz ohne Eskapaden kommen die Klarinettisten Christof May und Michel Portal aus, die sich Susanne Abbuehl geholt hat, um sich auf "Compass" (ECM/Lotus) von Luciano Berio, Chick Corea, Sun Ra und James Joyce zu schwebenden Songgespinsten inspirieren zu lassen, in denen sich ihr klar artikulierter und kühlromantischer Gesang bestechend mit dem sonoren Spektrum von Klarinette & Co verbindet. So ziemlich den konträren Typ von Sängerin repräsentiert die heißblütige, aber nie outrierende Rampensau Gwen Matthews, die gemeinsam mit dem Denis Colin Trio vor einigen Wochen ein grandioses Wien-Konzert gab. "Songs for Swans" (Hope Street/nato) ist das kaum weniger überzeugende Album zur Tour, und dass es nur über amazon.fr beziehbar ist, ist eine echte Schattenseite der Globalisierung. Dem französischen Kontrabassklarinettisten Colin ist mit zehn zugleich leidenschaftlichen und eleganten Stücken (u.a. von Albert Ayler, Jimi Hendrix, Curtis Mayfield, Nina Simone und Neil Young) fraglos ein Album des Jahres geglückt.Typisch ist freilich, dass sich erstaunlich wenige Musiker auf die Klarinette beschränken. Das gilt auch für den schwedischen Multirohrblattisten Fredrik Ljungkvist, der uns mit seinem Quintett Atomic "Happy New Ears!" (Jazzland/Universal) wünscht. Neu an diesem mitreißenden Album ist vielleicht die Amalgamierung von Ornette-Coleman'scher Rasanz und saftigem Romantizismus, der sich vor allem dann breit macht, wenn die Bläser aussetzen und Pianist Håvard Wiik seine dynamischen Single-Note-Kaskaden aus dem Ärmel schüttelt; von zupackendem Solospiel und klangsensiblem Kollektivismus, in dem die einzelnen Instrumente aber durchaus störrische Autonomie wahren.

Klaus Nüchtern in FALTER 22/2006



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