Solo Piano Works

Nicolas Hodges, Beat Furrer


Klingende Reisen

Verlust ist keine Ausnahme für die italienische Post", schrieb Rainer Maria Rilke 1903 in einem Brief. Dem italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino (geboren 1947) diente die ebenso schnöde wie fein formulierte Feststellung als textliche Grundlage für ein knapp dreiminütiges Flirren und Zirpen einer Geige, schattenhaft angedeutet nur, wie ermattet von großer Hitze.

Dieses und zwölf weitere kurze Textfundstücke, auf Mauern geschmiert oder in philosophischen Traktaten formuliert, fasste Sciarrino in einem rund 45-minütigen Miniaturenzyklus für Bariton und kleines Solistenensemble zusammen. "Quaderno di strada" heißt er, ein "Notizheft der Straße", das keine klassische Vertonung sein will, sondern aus dem Notierten poetische Momentstimmungen gewinnt, losgelöst von jedem Zusammenhang, ganz in sich selbst ruhend. Wer diese filigrane Musik in der sensiblen Wiedergabe durch Bariton Otto Katzameier und das Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling (Kairos/Harmonia Mundi) hört, wird sich bald in der lichten und luftigen Umgebung eines imaginären, zeitlosen Südens wähnen. Wie man beim Sprechen über Neue Musik überhaupt kaum an der so oft bemühten Metapher von der Reise in unbekannte Klangwelten vorbeikommt. Auch der Vorarlberger Komponist Wolfram Schurig (geboren 1967) bedient sich ihrer, wenn er im Titel seines Stücks "Ultima Thule" (Kairos/Harmonia Mundi) auf jenes sagenhafte letzte Land nördlich von Britannia anspielt, das der griechische Geograf Pytheas um 325 v. Chr. entdeckt haben will und das dennoch niemand je betreten hat. Schurig will darin an die "Grenzen menschlichen Bestrebens" gehen und treibt das Klangforum Wien, wieder unter Sylvain Cambreling, ebenso wie seine Hörer in vier klangliche Extreme, die schließlich in einer undurchdringlichen Klangdichte münden. Neben dieser klanglichen Tour de Force ließen sich die Klavierwerke des Austroschweizers Beat Furrer (geboren 1954) als aufmerksame Spaziergänge durch mal stille, mal bewegte Klanglandschaften empfinden. Der britische Pianist Nicolas Hodges hat drei davon ("Drei Klavierstücke", "Voicelessness. The Snow Has No Voice", "Phasma") eingespielt (Kairos/ Harmonia Mundi) und folgt dem Komponisten dabei auf seiner Reise über eisige Flächen, durch vibrierende Tonräume bis hin zum c''''', dem höchsten Ton des Instruments - und darüber hinaus, in weit entfernte Obertonregionen.

Carsten Fastner in FALTER 21/2006



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