Bingo

Bela B.


"Die Kids sind alright"

Zur Veröffentlichung seines Solodebüts "Bingo" sprach der "Falter" mit Ärzte-Schlagzeuger Bela B. über Las Vegas und Lee Hazlewood, minderjährige Groupies, Medien und Moral, jugendgefährdende Popmusik und die Melancholie Wiens.

Dirk Felsenheimer alias Bela B., 43, ist Gründungsmitglied, Schlagzeuger und Teilzeitsänger des Berliner Rotzlöffelpoptrios Die Ärzte. Als düsteres Gegenstück zum Gitarristen Farin Urlaub ist der nach dem Draculadarsteller Bela Lugosi benannte Musiker bandintern nicht nur für Sex, Drugs & Rock 'n' Roll zuständig, er ist auch der große Sympathieträger der Ärzte. Mit "Bingo" veröffentlichte der auch als Schauspieler in Film und Fernsehen präsente Horror-, Comic-und Metalfan jetzt sein erstes Soloalbum. Das Gespräch dazu fand bei einem Nachmittagsseidl im Wiener Hotel Das Triest statt.

Falter: Kennen Sie Scott Walker?

Bela B.: Scott Walker, äh, ja. Aber woher? Scheiße. Scott Walker ist ... Metalmusiker! Nee?

Nein. Als Teil der Walker Brothers war er in den Sixties ein Teeniestar, inzwischen hängt er als Solokünstler zur Umsetzung seiner künstlerischen Visionen sogar Schweinehälften als Klangkörper ins Studio. Welche Ihrer Visionen haben nicht unter den großen Hut der Ärzte gepasst?

Für mich ging es mit dieser Platte um eine Annäherung an meine erste große Liebe, die Musik, die durch gewisse Sachzwänge in den letzten Jahren gelitten hatte - und ich habe auch keine Schweinehälften aufgehängt.

Sie nennen vor allem das Las Vegas der frühen Sechziger als Vorbild für "Bingo". Was reizt Sie daran?

Zu der Zeit gab es noch keinen Pop, Leute wie Tom Jones, Lee Hazlewood oder der Produzent Phil Spector haben aber bereits so etwas wie Pop gemacht. Ihre Musik war glamourös und groß, gleichzeitig aber auch düster und ein bisschen abgeschabt. Las Vegas steht auch für Nutten, Spielsucht und Drogen, und all das spiegelt sich in dieser Musik eher wider als bei den Beatles oder den Stones. Ich selbst fühle mich Tom Jones jedenfalls näher als Mando Diao oder Oasis, mit denen ich maximal die verzerrten Gitarren gemein habe.

Den 76-jährigen Lee Hazlewood konnten Sie sogar als Duettpartner für die Platte gewinnen. Ist er ein netter alter Mann oder ist er nach wie vor der Inbegriff der Coolness?

Er ist saucool, diese Stimme alleine reicht für zwanzig coole Leute auf der Welt. Und er hat natürlich auch irre viel zu erzählen. In einer Kneipe voller alter Männer kann das jeder, aber mittendrin sitzt Lee Hazlewood, dessen Geschichten von Las Vegas handeln, von Frank Sinatra und Nancy - und diese Geschichten sind auch noch wahr!

Sie waren mit Lee Hazlewood im Studio und mit Kiss auf Tour. Gibt es andere persönliche Helden, mit denen Sie noch etwas anstellen möchten?

Ich sehe sie mir ganz gerne aus der Ferne an, da man bei Treffen aufgrund der enormen Erwartungshaltung fast nur verlieren kann. Letztes Jahr habe ich etwa Christopher Lee für den Playboy interviewt, eine der letzten großen Horrorfilmikonen. Es war großartig, ihn treffen zu können, letztlich aber eine Riesenenttäuschung, da er ein unfreundlicher, verbitterter alter Mann ist.

"Letzter Tag" ist ein völlig unironisches Lied über den Tod. War es das schwierigste Stück der Platte?

Gar nicht - vielleicht auch, weil ich das als außenstehender Dritter beobachtet habe und sehr einfach und klar beschreiben konnte. Einfachheit und Klarheit sind übrigens fürs gesamte Album wichtig: Der Film "End of the Century - Story of the Ramones" hat mich dazu gebracht, wieder nachzudenken darüber, was mir als Musiker abhanden gekommen ist. Die Entkopfung meines Umgangs mit der Musik war für dieses Album sehr wichtig. Ich habe nichts gegen verschlüsselte Botschaften oder Poesie, aber auch in einfacher Klarheit kann eine große Poesie liegen.

Andere Songs wie "Gitarre runter" kehren auf erprobtes Gagterrain zurück.

Aber auch das ist ein ehrlicher Song mit einem ehrlichen Anliegen! Ich halte es für ganz essenziell, wie du dich auf der Bühne präsentierst - und wie du deine Gitarre hältst. Zumindest bei Männern gehört sie einfach phallisch in die Mitte des Körpers, damit sie als Schwanzverlängerung ins Publikum ragt.

Wodurch wurden Sie anno 1979 eigentlich zum Punk?

Das war die logische Konsequenz, als ich nach zwei Wochen Polizeischule bei der Polizei gekündigt habe. Bei mir zu Hause hatten sich zu diesem Zeitpunkt sowieso schon die Scherben angehäuft, meine Mutter war todunglücklich und sagte: "Jetzt muss ich einen arbeitslosen Sohn durchziehen, nachdem ich als Alleinerzieherin zwei Kinder großgezogen habe." Da dachte ich mir, dass ich mir auch gleich die Haare bunt färben und ein bisschen auf Terror machen kann - wobei es damals sicher wildere Jungs als mich gab.

Können Sie sich an den Zeitpunkt erinnern, als klar war, dass Sie finanziell ausgesorgt haben?

Für mich ist das jetzt klar, weil ich inzwischen so gestanden und gewachsen bin, dass ich weiß: Ich werde nicht mehr anfangen, Ferraris zu sammeln, und die große Drogenzeit ist auch vorbei. Ein Kindertraum war aber, einmal zum Mond zu fliegen. Wenn Richard Branson das mit der privaten Weltraumfahrt tatsächlich hinbekommt, würde ich mir das ernsthaft überlegen, und wenn ich dann mondfahrtsüchtig werde, müsste ich wieder ganz schön ranklotzen.

Letztes Jahr wurde das Ärzte-Debüt "Debil" neu aufgelegt, das knapp zwei Dekaden lang als "jugendgefährdend" indiziert war. Auch heute kommt als jugendgefährdend erachtete Popmusik aus Berlin, die sogenannten Aggro-Rapper scheinen sich im Unterschied zu den Ärzten mit der Selbstironie aber sehr schwer zu tun.

Finde ich auch, wobei ich mich damit gar nicht groß auseinander setze, weil mich dieser Dicke-Hose-Rap, vorsichtig ausgedrückt, wirklich nervt. Ätzend ist der Umgang mit nationalen Themen, der Rapper Fler zum Beispiel geht mir wirklich auf den Sack. Zensur ist dennoch Zensur, und Zensur ist eine Waffe in Diktaturen, um Leute kleinzuhalten, um Gegnern das Sprachrohr zu nehmen. Wenn du gegen Straftatbestände verstößt, muss der Staat möglicherweise eingreifen, aber bei diesen Rappern wollte - ähnlich wie bei uns damals - einfach jemand ein Exempel statuieren und hat so in ein Wespennest gegriffen.

The Who haben einst "The Kids Are Alright" gesungen. Würden Sie das auch heute unterschreiben?

"The Kids Are Alright"? Na klar, logo! Ich treffe genug Kids, die ich gut finde. Natürlich nervt mich dieses halbgare Gequatsche à la "Ey Alter, ey krass", und es gibt auch Dinge, die ich nicht begreife, das jugendliche Konsumverhalten etwa. Ich verstehe nicht, warum Kids sich ganze Songs irgendwo downloaden, die legal einen Euro kosten, aber für Klingeltöne, die nur den Refrain beinhalten, mehr als zwei Euro ausgeben. Die Verschiebung der Moral geht aber nicht von den Kids, sondern von den Medien aus.

Inwiefern?

Die Leute glauben, dass Kinder gewalttätig werden, weil sie Videospiele spielen oder Actionfilme sehen - aber die Filme sind ja wenigstens ehrlich, da steht "Action" drauf, also passiert Action. Nachrichtensendungen sagen mir dagegen, dass sei die reale Welt. Und da sehe ich dann Bilder vom Tsunami, die mit Clayderman-Musik unterlegt werden, oder die Verhaftung zweier Neonazis, die einen Schwarzen ins Koma geprügelt haben, inszeniert wie eine Hannibal-Lector-Show. Das eine ist Film, das andere Realität, die aber wie ein Film aufbereitet wird. Und das kotzt mich an. Die Kids sind aber alright, die können nichts dafür.

Apropos Moral: Im Film "American Beauty" bekommt Kevin Spacey, am Ziel seiner Träume angelangt, Skrupel vorm Sex mit der Schulfreundin seiner Tochter, weil sie noch Jungfrau ist. Kennen Sie die Situation, in einem potenziellen Groupie die mögliche Tochter zu sehen?

Bösartige Frage! Tatsächlich nicht. Ich hatte mal Sex mit einem Mädchen, das sich deutlich älter gemacht hat. Jahre später hat sie mir ihr richtiges Alter gesagt und ich habe gemerkt: Ups, die war damals 17! Das ist aber schon lange her und war auch keine Groupiegeschichte, sondern ein Mehrnightstand, der für beide okay war.

Ich habe zwei alte Platten zum Signieren mitgebracht, wobei den Signierstift zuletzt Jane Birkin in der Hand hatte.

Oh nein! (Leckt den Stift ab.) Ich habe mir gerade eine Serge-Gainsbourg-Box mit vier Filmen gekauft, mich aber noch nicht drübergetraut. Jane Birkin war eine wirklich wunderschöne Frau und als Muse von Gainsbourg nicht zu verachten.

Ihr Blick auf die Welt wirkt aber sehr verklärt. Sie konnte kürzlich nicht aufhören, über die Zuneigung und Freundlichkeit der Menschen in Wien zu schwärmen.

Ich mag den Wiener auch sehr, sehr gerne.

Ja, aber er ist ein Grantler und kein liebenswerter, herzlicher Mensch.

Stimmt, aber ich mag die Melancholie dieser Stadt. Ich habe zum Geburtstag mal den Wiener Friedhofsführer geschenkt bekommen. Dass es überhaupt ein solches Buch gibt, sagt sehr viel über die Menschen hier aus.

Und haben Sie den Zentralfriedhof einmal besucht?

Ich laufe inzwischen viel, um die wilden Drogenjahre zu kompensieren, und habe da auch mal einen Lauf gemacht.

Das mit dem Kompensieren klappt?

Du wirst irgendwann erwachsen und gehst dann vernünftiger damit um. Ich bin schon so oft in blöde Situationen gekommen, weil ich nicht mehr zurechnungsfähig war, viele Leute um mich herum aber immer noch wussten, wer ich bin. Mit viel Alkohol und vielen Drogen hätte ich diese Platte nicht machen können. Und ich habe inzwischen auch sehr viel Spaß an Verantwortung - vielleicht habe ich auch irgendwann Kinder, dann habe ich bestimmt doppelt so viel Spaß dran. Wobei ich mich langsam ranhalten muss, sonst bin ich ein Opa, während mein Kind sprechen lernt.

Gerhard Stöger in FALTER 21/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×