Nachtblau

Rosivita


Bescheidenheit ist keine Zier

Die Künstlerin, Performerin und Sängerin Rosivita inszeniert sich gerne als dornröschenhafte Prinzessin zwischen Sexyness, Weltveränderungsgestus und Opferrolle. Mit ihrem Debütalbum "Nachtblau" beweist sie als Rockperformerin poetische Qualitäten.

Mit 18 Jahren hat die gebürtige Grazerin Roswitha Schreiner den Modelwettbewerb "Look of the Year" gewonnen. Danach verfolgte sie einige Jahre diesen Karrierezweig. Heute taucht sie tiefer. Als exaltierte Darstellerin, als feministische Sängerin ohne erhobenen Zeigefinger und als Ausstatterin für Projekte im Film-und Theaterbereich. Das Modeldasein ist schon lange Vergangenheit. Ist "zu oberflächlich und hat mir nicht gut getan", meint die unter dem Pseudonym Rosivita arbeitende Künstlerin. Um "ihrer Persönlichkeit näher zu kommen", hat sie die Schauspielschule Pygmalion in Wien besucht und Gesangsausbildung genommen. Ihr aktuelles Projekt nennt sich schlicht Rosivita, ist eigentlich eine Band und entstand in Kooperation mit ihrem Lebenspartner, dem Musiker und Multimediakünstler Klaus Karlbauer. Zuletzt arbeitete er zusammen mit dem Regisseur Virgil Widrich an der multimedialen Installation "Die Zauberflöte" im Mozarthaus Vienna.

"Ich scheiß auf die Bescheidenheit, Zurückhaltung ist dumm", singt Rosivita. "Nachtblau" nennt sich ihre Debüt-CD, es ist eine gediegene Rockplatte ohne Ecken und Kanten mit Indiebewusstsein, die trotzdem fordernd sein kann. Fordernd will auch Rosivita sein, nicht zuletzt als Mensch. Die Platte lebt von ihrer offenen, provokanten und expliziten Poesie. Gesungen in Deutsch und Englisch.

Zwei Kinder betreut sie als Mutter. Ihre Zerrissenheit als Mutter und Künstlerin ist für sie immer wieder ein Thema. "In den ersten Jahren rate ich jedem von Parallelaktionen ab", meint sie. Heute sind die Kinder acht und zehn, es besteht wieder mehr Raum für sie selber. In den letzten Jahren arbeitete sie in Wien mit an der Verwirklichung der Multimedia-Performance "Zeros + Ones", an der Performance "Like a virgins suicide" und an zahlreichen anderen Projekten zwischen Film, Musik und Theater. "Ich möchte meine Zuschauer provozieren", erklärt sie. Auf Coolness möchte sie dabei verzichten, dass sie mit ihrer sehr selbstbewusst zur Schau gestellten Weiblichkeit allerdings auch unnahbar erscheint, muss sie eingestehen. Das, obwohl ihre Texte nicht nur Stärke vermitteln. "Ich sehe mich aber nicht als Opfer. Früher vielleicht mal, nicht zuletzt durch meine Kunst habe ich diese Rolle abgelegt." Vamp ist sie deshalb noch keiner, dezent eingesetzte Sexyness kommt dennoch nicht zu kurz.

Musikalische Vorbilder kann sie nicht wirklich nennen. Künstlertypen wie P.J. Harvey, Patti Smith, aber auch Hildegard Knef faszinieren sie. Eine Schnittmenge aus diesen würde sie, auch ohne Plagiatsverdacht, ganz gut charakterisieren. Poetisch ist vor allem die Knef eine Inspiration, die deutschen Befindlichkeitsrocker Element of Crime haben ebenfalls Vorbildwirkung. Und natürlich ist auch ihr Lebenspartner Karlbauer ein Fixpunkt in ihrem künstlerischen Kosmos. Um inhaltliche Turbulenzen zu vermeiden, arbeiten sie aber voneinander getrennt, am Ende wird der künstlerische Output verschränkt. "Auch bei Musiktheaterprojekten waren Songs immer sehr präsent", meint Rosivita und fügt hinzu: "Im Moment interessiert mich Songwriting am meisten."

Überhaupt scheint Rosivita gerade sehr motiviert zu sein. Sie hat der Welt vieles mitzuteilen, möchte sich deshalb auch nicht auf Rosivita als Sängerin beschränken. Sie sieht sich darüber hinaus als Darstellerin und nicht als Schauspielerin, bereits Existentes zu interpretieren interessiert sie nicht. Im Moment arbeitet sie an der Performance "Die achte Todsünde. Tu was du willst". Zu tun, was man will, ist übrigens auch ihr - wahrscheinlich schwer erfüllbares - Credo als Künstlerin. Aber Bescheidenheit ist nicht ihre Zier: "Wir sind drauf und dran, die Menschheit zu verändern."

Gerhard Stöger in FALTER 20/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×