Waterloo To Anywhere

Dirty Pretty Things


Grillfleisch-Rock

Die musikalische Freiluftsaison nähert sich mit Riesenschritten, dementsprechend viele große Rockacts veröffentlichen dieser Tage neue Platten. Für Hörer hierzulande handelt es sich dabei allerdings nur um Soundtracks für den gepflegten Grillabend oder ähnliche Vergnügungen, auf österreichisches Festivalgelände wird es keine der Bands verschlagen. Als da etwa wären die Red Hot Chili Peppers, die mit "Stadium Arcadium" (Warner) vor ein paar Tagen ihr erstes Studioalbum seit vier Jahren veröffentlicht haben. Dieses kommt als voluminöser Digipak mit zwei CDs, 28 Songs und etwas über zwei Stunden Musik. Aufgeblasene Superstareitelkeit? Mitnichten. Zwischen harmonieseligen "Californication"-Klängen, klassischem Chili-Peppers-Funk und furioser Gitarrenarbeit von John Frusciante findet sich hier auch nach eingehender Untersuchung während des Balkonmöbelaufstellens kein wirklich verzichtbares Stück. Der Großteil ist sogar sehr gelungen, melodisch einschmeichelnd, aber auch schön groovig. Eine Konsensplatte ohne Zugeständnisse - und: value for money. Auch schon länger kein Studiowerk gab es von Pearl Jam, den Exgrungern aus Seattle, die mittlerweile als eine Art Grateful Dead unserer Zeit fast ständig zwischen den US-Küsten unterwegs sind. "Pearl Jam" (Sony BMG) markiert für Eddie Vedder und seine Freunde nach folkrockigen Jahren eine Rückkehr zu einem härteren, zornigeren Sound, der die Kriegsheuchler anprangernden Texte passend untermalt. Wer immer noch den Tagen des Debüts "Ten" (1991) nachweint, sollte es riskieren, da mal hineinzuhören. Ebenfalls zurück ist Carl Barat, Pete Dohertys einstiger Songschreib-Partner bei den Libertines. Zusammen mit der Rhythmussektion der nach zwei fulminanten Alben zerbrochenen Band hat Barat die Combo Dirty Pretty Things gegründet. Das streitbar Genialische der Babyshambles wird man auf "Waterloo to Anywhere" (Universal) zwar nicht finden, dafür gibt es eine richtige Produktion und einige achtbare, recht eingängige Songs. Solide Wertarbeit, nicht mehr, nicht weniger. Das dickste Kotelett der Saison aber kommt von The Raconteurs, der neuen Band von White-Stripes-Mann Jack White, seinem Songwriter-Kollegen Brendan Benson und den Greenhornes. Kurz gesagt: Ihr "Broken Boy Soldiers" (XL/edel) ist Red Hot Chili Peppers minus Beschaulichkeit plus herzliche Rohheit. Oder: So klingt Grillfleisch, wenn es noch schön blutig ist.

Sebastian Fasthuber in FALTER 20/2006



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