Das schöne Leben

Britta


Erschöpfung gilt nicht

Britta aus Berlin kombinieren eingängigen Schrammelpop mit poetischen Lebensbetrachtungen und stellen ihr neues Album live in Wien vor.

Christiane Rösinger komponiert nicht nur hübsche Gitarrenpopmelodien, sie ist vor allem auch eine große Meisterin des Wortes. Das war schon so, als sie mit den Lassie Singers in den frühen Neunzigern beinahe ein Popstar war, und das ist bei ihrer aktuellen Band Britta nicht anders. Der Fokus der Mittvierzigerin hat sich aber merklich verschoben, weg von der lakonischen Beschreibung großer und kleiner zwischenmenschlicher Tragödien und hin zur freundlich formulierten Gesellschaftskritik. "Wer schon hat, dem wird gegeben, und für uns bleibt nur das schöne Leben. Ja, so läuft's, und so wird's weiter laufen, denn der Teufel scheißt auf den größten Haufen", singt die gelernte Berlinerin etwa in "Wer wird Millionär" vom neuen Britta-Album "Das schöne Leben".

Die Vorgeschichte zur Platte verleiht dem Titel einen mehr als bitteren Beigeschmack. Nach einer schweren Erkrankung verbrachte Rösinger viele Monate in Krankenhäusern und Rehakliniken, der Konkurs ihres deutschen Vertriebs EFA brachte Britta um die Einnahmen ihrer letzten CD "Lichtjahre voraus", und im Dezember 2004 verstarb Britta Neander, Schlagzeugerin und Namenspatin der Band, an den Folgen einer Herzoperation. "Nach Brittas Tod dachte ich eigentlich: Es reicht, diese Band steht unter keinem guten Stern", sagt Rösinger. "Alles war sinnlos, aber das Aufhören wäre genauso sinnlos gewesen, daher nahm ich mir ein Motto von Tocotronic zu Herzen: ,Das Unglück muss zurückgeschlagen werden.'"

Dass die Platte mit einem mantraartig wiederholten "Kann nimmer" endet, ist dazu kein Widerspruch, das zugehörige Lied "Heimi Heimato" beschreibt lediglich die Erschöpfung nach einer langen Partynacht. "Frühvergreiste 34-jährige Musikjournalisten wollen es dagegen als Absage an das Nachtleben sehen oder meinen Abgesang auf die Großstadt darin hören", ärgert sich die Autorin über Fehlinterpretationen. "Ich bin aber immer noch eine große Verfechterin des Nachtlebens, und erschöpft sein gilt erst, wenn man vorher draußen war."

Draußen zu sein ist eine Konstante in Rösingers Leben, konsequentes Weitermachen trotz bescheidener kommerzieller Erfolge eine andere. Über die Motivation dafür braucht sie nicht lange nachzudenken: "Ich bin Sängerin und Songwriterin von Beruf, ich kann nicht anders, und ich will auch nicht anders. Wobei Musik zu machen nicht unbedingt ein lukrativer Job ist, da darf man sich nicht an den zwei, drei Erfolgsmodellen aus der Nachbarschaft orientieren. Natürlich war es toll, mit den Lassie Singers die Szene Wien immer zweimal hintereinander ausverkauft zu haben, aber was soll's? Ich hab auch super Abende im B72 erlebt, und komme deshalb auch immer wieder gern dort hin."

Nur weil wir keine Ausbildung haben, machen wir den ganzen Scheiß", sangen die Lassie Singers einst; heute textet Rösinger: "Ich hab ja keine Angst, nur manchmal frag ich mich: Ist das noch Bohéme oder schon die Unterschicht?" Im Gespräch betont sie, dass eine auf dem Prinzip des Durchwurstelns basierende Künstlerexistenz auch in der neoliberalen Gegenwart möglich sei. "Wo kämen wir hin, wenn nur noch die Erfolgreichen Musik machen würden? Als Musikerin lebte man schon immer prekär und musste sich durch einen Jobcocktail über Wasser halten, wenn man nicht erfolgsverwöhnt war beziehungsweise durch die Musikindustrie oder wohlhabende Verwandte unterstützt wurde."

Den Glauben an ihre Szene sah Rösinger allerdings schon weniger stark auf die Probe gestellt als heute: "Der kommerzielle Gedanke hat sich weit in die Independentkultur hineingefressen. Indiefirmen wollen es eigentlich nur den Großen nachmachen, während der ursprüngliche Indiegedanke - also die Vorstellung von vielen kleinen Bands, die eine kleine Fangemeinde haben und so für musikalische Vielfalt sorgen - in den Hintergrund getreten ist. Man will halt klotzen statt kleckern."

Gerhard Stöger in FALTER 19/2006



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