St.Elsewhere

Gnarls Barkley


Der unbekannte Dritte

Mit "Crazy" landete das amerikanische Duo Gnarls Barkley den ersten Nummer-eins-Hit aus dem Internet. Auf ihrem Album "St. Elsewhere" schlagen sie noch ganz andere Töne an.

Anfang April stand die Musikwelt wieder mal Kopf. Im Mutterland des Pop stieg da die erste Single einer bislang unbekannten Band gleich auf der Spitzenposition in die Singlecharts ein. Sogar Morrissey, den Großbritannien nach seinen Jahren in der Wüste inzwischen wieder als Nationalheiligen akzeptiert, hatte gegen Gnarls Barkleys "Crazy" das Nachsehen.

"Crazy" stellte insofern ein historisches Ereignis dar, als es die erste sogenannte Download-Nummer-eins war. Sprich: Die Verkaufszahlen, aufgrund derer das Stück die Chartspitze erreichte, bezogen sich allein auf legales Herunterladen über kostenpflichtige Internetservices wie iTunes. Immerhin 31.703 britische Netznutzer waren in den ersten paar Tagen nach Erscheinen bereit, für den tanzbaren Funksong zu bezahlen. Auf CD wurde er erst eine Woche später veröffentlicht.

Was wie eine von langer Hand geplante Geschäftsstrategie anmutet, ist tatsächlich aus einer Notlage entstanden. Wie in den letzten Jahren so oft, gelangte auch eine Kopie von "Crazy" vorzeitig ins Internet - und fand über Weblogs und Mundpropaganda schnell rege Verbreitung. Um die große Nachfrage auch mit einer legalen Version zu befriedigen, wurde daher die MP3-Veröffentlichung ein wenig vorgezogen.

Gnarls Barkley sind nach den Arctic Monkeys das nächste Beispiel dafür, wie musikbegeisterte Netz-Nerds eine Band bekannt machen können, noch ehe diese über traditionelle Vertriebskanäle auch nur einen Ton veröffentlicht hat. Wie viele Musiker den Weg zum Erfolg mittlerweile vor allem über das Internet suchen, zeigt ja auch das explosionsartige Anwachsen der Plattform Myspace.com in den vergangenen Monaten. Zwar stehen Gnarls Barkley selbst längst bei einem Major-Plattenlabel unter Vertrag, der Hype um sie jedoch kommt von der Basis. Und: Er ist absolut gerechtfertigt.

Die Neostars verfügen, da soll einen der Rummel nicht täuschen, auch über musikalische Substanz. Hinter dem seltsamen Namen (und Gerüchten um einen unbekannten Dritten) verbergen sich zwei Figuren, die bereits seit Jahren an den äußeren, spannenden Rändern des Pop ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Mastermind ist der New Yorker Brian Burton, besser bekannt unter seinem Pseudonym Danger Mouse. Er machte schon einmal Schlagzeilen, als er Anfang 2004 sein "Grey Album" kostenlos ins Internet stellte. Auf diesem vermischte er das "White Album" der Beatles frech mit dem "Black Album" des US-Rappers Jay-Z und setzte damit nicht zuletzt ein klares Statement in der Debatte um Copyrightbestimmungen, die seit dem Fall der britischen Gruppe KLF Ende der Achtziger immer wieder aufflammt.

Für Gnarls Barkley hat sich Danger Mouse, der auch das fulminante letzte Album der virtuellen Popband Gorillaz produzierte, mit dem Kollegen Cee-Lo Green aus dem Umfeld von Outkast zusammengetan. Der stattliche Sänger und Rapper gilt als eine der raren Lichtgestalten im amerikanischen HipHop, weil er statt böser Gangsta-Posen den guten Funk propagiert.

Kommende Woche veröffentlichen die beiden das Album "St. Elsewhere". Im Windschatten von "Crazy" schickt es sich an, ebenfalls ein kommerzieller Erfolg zu werden. Ein kreativer Triumph ist es freilich jetzt schon. Eingerahmt vom Geräusch, das ein Filmprojektor beim Starten und Stoppen macht (so viel zum Thema Internet und Futurismus), erfährt hier auf knapp vierzig Minuten einer der kühnsten Popentwürfe der letzten Zeit seine Ausstrahlung.

"St. Elsewhere" mutet an, als würde es aus einem Paralleluniversum gesendet, in dem zwischen HipHop, Funk, Rock und all den anderen Schubladen keinerlei Unterschied mehr gemacht wird. Die wahre Revolution sind hier nicht die Downloads, sie steckt in den Sounds. Das Album geht in dieser Hinsicht noch ein paar Schritte weiter als "Crazy": Die im Schnitt nur zweieinhalb Minuten langen Songs klingen noch viel funkiger, bluesiger und räudiger als die vorausgeschickte Single.

Im mutigen Kombinieren von scheinbar völlig konträren Stilen wie psychedelischem Sixties-Pop und derbem Funk demonstriert Danger Mouse mit Gnarls Barkley - nach dem in dieser Hinsicht bereits sehr weit gehenden Gorillaz-Album "Demon Days" - erneut eine radikale Auffassung von Popmusik. Wo sich zurzeit die meisten Bands lieber auf die vermeintlich sichere Seite großer, umarmender Refrains begeben und doch nur fade Gefühlskonserven produzieren, entfacht "St. Elsewhere" mit seinem wilden, aber wohlüberlegten Stilmischmasch frischen Wind.

Der retrofuturistische, bewusst trashig produzierte Sound ist nie oberflächlich - und auch die Texte schürfen bisweilen recht tief. Die Themenpalette reicht bis zu Schizophrenie und Selbstmord, ohne dass dadurch der Anspruch auf tierischen Ernst erhoben würde. "Just a Thought" erwägt zwar die Möglichkeit des Suizids, winkt dann aber lakonisch ab: "Yes, it has crossed my mind / But I'm fine."

Eine Frage bleibt: Wer ist Gnarls Barkley? "Vielleicht ist er gar keine Person", belehrt ein angeblicher Band-Intimus auf der Website. "Vielleicht existiert er draußen im Wind. Vielleicht steckt er in uns allen. So wie Bob aus Twin Peaks, nur etwas funkiger und nicht so böse." Momentan jedenfalls hält die mysteriöse Energieform Gnarls Barkley alle Frequenzen besetzt. Dem Pop könnte Schlimmeres widerfahren.

Sebastian Fasthuber in FALTER 19/2006



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