In Ewigkeit Damen

Ludwig Hirsch


Ich wollte Wien die Watschn zurückgeben

Die Karriere des Wiener Liedermachers Ludwig Hirsch begann am Stammersdorfer Friedhof. Dort wird die "Omama" im ersten jener "Dunkelgrauen Lieder" begraben, mit denen er vor 30 Jahren schlagartig berühmt wurde. Das Album ist eine Sammlung böser Märchen und morbider Szenarien, wie sie wahrscheinlich nur in Wien geschrieben werden können.
Hirsch singt aus der Perspektive eines Toten ("I lieg am Ruckn"), über einen Kindermörder ("Der Herr Haslinger") und eben von der "Omama", die zeitlebens nichts auf ihren Hitler hat kommen lassen – er hat ihr ja das Mutterkreuz verliehen.
"Die ,Dunkelgrauen Lieder' waren eine Reaktion auf Wien", sagt Hirsch heute. "Ich hab mir gesagt: Ich muss mich wehren, ich muss noch dunkelgrauer sein als diese Stadt." Der gelernte Schauspieler war damals an der Josefstadt engagiert und unglücklich.
Als er nach drei aufregenden Jahren in Deutschland nach Wien zurückgekommen war, fühlte er sich hier wie erschlagen. "Da herrschte dieser Vorstadtaltweiberfaschismus, dieser Zentralfriedhofsmief. Auch im Theater ging's uns jungen Schauspielern nicht sehr gut, wir durften nur die Wassergläser für die Stars auf die Bühne tragen, für die Frau Degischer und den Herrn Holt."
Als Teenager hatte Hirsch in einer Band namens The Clan gespielt, man coverte hauptsächlich Rolling-Stones-Nummern. Jetzt holte er seine Gitarre wieder aus dem Kasten und fing an, Lieder zu ­schreiben. "Ich wollte der Stadt die Watschn zurückgeben."
Mit Robert Opratko, der die Lieder mit bittersüßen Streicherarrangements unterlegte, nahm Hirsch ein Album auf, das umgehend zum Bestseller wurde. Am Bühnentürl des Theaters in der Josefstadt standen auf einmal Fans, die Autogramme haben wollten. Und obwohl Hirsch inzwischen auch Hauptrollen spielen durfte, widmete er sich bald ganz seiner neuen Karriere.

Rund 150.000 Einheiten wurden von den "Dunkelgrauen Liedern" bisher verkauft. Das Album, das auch in Deutschland sehr erfolgreich und sogar in der DDR offiziell erhältlich war, ist ein Klassiker des Genres und gehört in jede einschlägige Sammlung. Wer's noch nicht hat, sollte die Lücke spätestens jetzt schließen: Anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums hat die Plattenfirma Universal alle zwölf Studioalben "digitally remastered" und preisgünstig neu aufgelegt.
Alles von Hirsch muss man allerdings nicht haben. Nach dem ähnlich gearteten und ähnlich guten zweiten Album, "Komm großer schwarzer Vogel", ging ihm beim dritten, "Zartbitter", die Luft aus. "Damals musste noch jedes Jahr eine neue Platte her – und da ist mir halt nicht so viel eingefallen", meint Hirsch selbstkritisch. Auch "Liebestoll" (1988) zählt der Künstler mit Recht zu jenen Alben, "die ich nicht ganz vorn ins Regal stellen würde".
Insgesamt konnte Hirsch an sein Debüt nie mehr ganz anschließen. Seit "Bis ins Herz" (1983) wurden alle Alben von Christian Kolonovits produziert; sie klingen, wie alle Kolonovits-Produktionen, professionell, aber unpersönlich. Musikalisch haben wir es mit Austropopmainstream zu tun, die Qualität der Texte ist schwankend.
Zu den positiven Ausnahmen gehört Hirschs persönlicher Favorit "Bis zum Himmel hoch" (1982), ein kommerziell ziemlich erfolgloser, aber sehr liebevoll arrangierter Liederzyklus zum Alten Testament. Überhaupt neigt Hirsch zum Konzept­album – siehe "Landluft" (1986), "Tierisch" (1995) und "In Ewigkeit Damen" (2006).
Hirsch mag Handlungsbögen; für die "Gottlieb"-Tournee von 1993 (der Mitschnitt wurde jetzt auf DVD wiederveröffentlicht) hat er eine Rahmenhandlung erfunden, an der er die Lieder aufhängen konnte. Man sieht, dass der Mann vom Theater kommt.
Dass er Schauspieler ist, merkt man auch daran, dass er in seinen Liedern gern Rollen spielt. Wie Randy Newman meint Hirsch selten sich selbst, wenn er "ich" sagt. Lieber versetzt er sich in Figuren und Situationen, die oft eher unangenehm sind. Er erzählt seine Lieder aus der Perspektive von Mördern, Sterbenden oder Toten; auf "Tierisch" tritt er als Wolf, Hund, Kater, Frosch, Wurm und als Problembär auf. Nur Hirsch hat er noch keinen gespielt.
"Es hat mich nie so interessiert, meine eigenen Probleme auf den Tisch zu legen", sagt er. "Ich begebe mich viel lieber auf fremde Ebenen, um dort einmal herumzuschnüffeln: Was könnte dort sein? Da ist der Horizont endlos offen."
Geboren ist Hirsch in der Steiermark – aber nur, weil sein Vater, ein Arzt, gerade dort gearbeitet hat. Aufgewachsen ist er dann eh in Wien, was man seinen Liedern deutlich anmerkt. Trotzdem spielt das Landleben in seinem Werk eine erstaunlich große Rolle. Als Kind verbrachte Hirsch die Sommer in der Oststeiermark, heute besitzt er dort einen alten Bauernhof, auf den er sich zum Schreiben zurückzieht.
In seinen Liedern hat das Land meist etwas Bedrohliches – der "Dorftrottel" aus den "Dunkelgrauen Liedern" etwa wird nach einer Totgeburt zum Sündenbock erklärt und vom wütenden Mob zu Tode geprügelt.
Die Idee für das Lied kam Hirsch in einem steirischen Wirtshaus: Ein betrunkener Bundesheerrekrut hatte eine Bierflasche an die Wand geworfen, worauf das Kruzifix in Stücke fiel. "Am nächsten Tag hat der Pfarrer in seiner Predigt dann praktisch zu Lynchjustiz aufgerufen. Zum Glück war der Bursch wieder in der Kaserne – ich weiß nicht, was sonst passiert wäre."

Ludwig Hirsch ist der Thomas Bernhard unter den Liedermachern. Das Österreichbild, das er vor allem in seinen frühen Liedern entwirft, ist stark von Katholizismus und Nationalsozialismus geprägt, auch eine gewisse Todesnähe ist seinem Werk nicht abzusprechen.
Hirsch kann oder mag dazu nicht viel sagen, es ist halt so. "Eines ist dabei wichtig: Man kann in die tiefsten Abgründe und die schwärzesten Höhlen hinuntersteigen – solange man sich dabei selber ein bissl über die Schulter blinzelt. Wenn in ,I lieg am Ruckn' der Wurm kommt, dann ist das so ein Augenzwinkern – wenn das dabei ist, dann ist es okay." Und wenn nicht? "Dann wär's schrecklich. Dann würde ich mich als Zuhörer schrecken und abdrehen."
Ausnahme von dieser Regel ist das ungebrochen todessehnsüchtige Lied "Komm großer schwarzer Vogel". Hirsch hat es für eine Freundin geschrieben, die nach einem Autounfall vom Hals abwärts gelähmt war und vergeblich versuchte, sich das Leben zu nehmen. Auf dem letzten Album ist der inzwischen Verstorbenen das Lied "Elisabeth" gewidmet. "Hörst du dieses Lied?" heißt es da. "Es wär so schön, wenn's Flügel kriegt und wie ein Engerl zu dir fliegt."
Engel, Schutzengel, fliegen immer wieder durch seine Lieder. Anders wäre die dunkelgraue Welt dort wahrscheinlich nicht zu ertragen. Gibt es Schutzengel, Herr Hirsch? "Kann schon sein", antwortet er ausweichend. Und erzählt dann, dass seiner Böschi heißt – benannt nach einer alten Frau, die er nie kennengelernt hat. "Aber nach dem, was ich von ihr gehört hab, hab ich mir gedacht: Wir hätten uns mögen. Und dann hab ich sie zu meinem Schutzengerl erklärt."
Derzeit befindet sich Ludwig Hirsch auf Jubiläumstournee. Unter dem Motto "Von Dunkelgrau bis Himmelblau" spielt er sich, begleitet nur von seinem langjährigen musikalischen Kompagnon Johnny Bertl an der Gitarre, durch sein Repertoire. Wobei der Schwerpunkt auf den "Dunkelgrauen Liedern" liegt. Hirsch weiß, dass die Leute ihn ohnedies nicht gehen lassen, bevor er nicht die "Omama" gesungen hat. "Und ich hab mir gedacht, bei so einer Jubiläumstournee geb ich ihnen das, was sie hören wollen."
Die Popularität des Debütalbums ist auch eine Bürde. "Ich konnte rosarot sein oder himmelblau – aus der dunkelgrauen Schachtel hat man mich nicht mehr rausgelassen. Aber im Grunde macht's mir gar nichts. Ich finde dunkelgrau schön."

Wolfgang Kralicek in FALTER 46/2008



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