Transparencies

Will Thomas alias Plumbline, Roger Eno


Ozeanische Gefühle

Elektronische Musik hat's auch nicht leicht. Der Ocean of Sound wurde Mitte der Neunziger euphorisch als musikalische Naturgewalt verehrt. Nach ein paar Jahren hatte sich die Euphorie um die experimentelle Elektronik jedoch auch wieder weitgehend gelegt. Womöglich bestand deren innovativer Charakter ohnehin vor allem darin, dass sich die Kraftwerk-Losung "Jeder kann elektronische Musik machen" durch die Erschwinglichkeit der dazu nötigen Gerätschaften dadurch erfüllt hatte. Können tut seitdem jeder. Besser können es meist geübte Kräfte, wie einige Neuerscheinungen der letzten Zeit beweisen.

Der als Gottvater der Szene verehrte Richard D. James alias Aphex Twin etwa hat unter dem Namen AFX kürzlich das Album "Chosen Lords" (Rephlex) veröffentlicht. Nix Neues, mag der Auskenner jetzt einwenden. Tatsächlich handelt es sich um eine Sammlung von Stücken der limitierten "Analord"-Maxisingles, von denen James im vergangenen Jahr monatlich eine vorgelegt hat - schön durchnummeriert. Und diese sind, bei Aphex/AFX weiß man das nie so genau, vermutlich auch schon tief in den Neunzigern entstanden. Selbst zu seiner Hochzeit um 1995 waren die gleichermaßen psychedelisch getränkten wie hektisch polternden Aphex-Twin-Tracks - Hohngelächter in Richtung der hektischen Konkurrenz - mit Produktionszeitvermerken wie "1990" versehen. Und so klingen sie heute noch. In Wahrheit sind James' Soundformeln ebenso zeitlos wie dessen Verschrobenheit. Und zumindest alle paar Jahre räumt diese fremdartige und dennoch zugleich sehr menschelnde Musik für eine Stunde alles andere weg. Roger Eno wird meist nur als Anhängsel des berühmten Bruders betrachtet. Im Gespann mit dem New Yorker Will Thomas alias Plumbline hat er unter dem Titel "Transparencies" (Hydrogen Dukebox) nun aber Ambient in selten gehörter Schlüssigkeit mit allerlei Rhythmen angereichert - Musik für alle Tage, aber keine Klangtapete; und ein Anlass, sich Roger Enos Diskografie einmal genauer anzusehen. Und die Jugend? Die verfällt frühzeitig in Sentimentalität. Zumindest der als Geheimtipp gehandelte Brite mit dem hübschen Namen Nathan Fake weint auf seinem Debütalbum "Drowning in a Sea of Love" (Border Community) bereits als früher Twentysomething den Freuden einer glücklichen Kindheit auf dem Lande nach - Rockausflüge am Computer inbegriffen. Kitsch kann der junge Mann aber, das muss man ihm lassen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 18/2006



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