Drum's Not Dead

Liars


Experimente und Bullshit

Warum Ex-Blur-Gitarrist Graham Coxon und die erst unlängst von Brooklyn nach Berlin übersiedelten Liars mehr gemeinsam haben könnten, als sie glauben.

Ein 36-jähriger Mann mit Hornbrillen sitzt in seinem Londoner Stammcafé vor einem großen Caffè Latte. Seine in ein haariges grünes Tweedsakko gehüllten, vorgebeugten Schultern hängen tief über der Tischplatte, und über sein Gesicht breitet sich das charakteristische, verschwörerische Grinsen knapp vor der Preisgabe eines peinlichen Geheimnisses: "Die Sache ist die: Ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann", flüstert Graham Coxon. "Ich kann nicht endlos die Musik aus den späten Siebzigern machen, die ich mag."

Mit seinem neuesten Album "Love Travels at Illegal Speeds" habe er endgültig alles gesagt, was ihm zu diesem Format einfalle - fundamentalistische Punksongs wie "I Can't Look at Your Skin", das von Jeff Buckley's Dolphins inspirierte "Flights to the Sea" oder das von seiner Verehrung für Love und Syd Barrett getragene "Just a State of Mind": "Das ist jetzt mein sechstes Soloalbum. Auf wie vielen hab ich bei Blur mitgespielt? Waren das nicht auch sechs? Na bitte. Vielleicht ist es genug, und ich muss was ganz Neues anfangen." Aber was? "Wenn ich das nur wüsste ... Schuhmacherei!" Er scherzt nur halb. In Graham Coxons Leben gibt es keine Turnschuhe mehr. Vor fünf Jahren zog er noch mit dem Skateboard über den nahe gelegenen Supermarktparkplatz. Heute dagegen interessiert er sich lebhaft für die Kunst des Mittelalters.

Als Sohn eines britischen Besatzungssoldaten verbrachte Coxon große Teile seiner Kindheit auf einer Armeebasis in Westdeutschland. Er erinnert sich dunkel an Patronenhülsen, die er beim Spielen auf den Nahkampfübungsplätzen fand. Und an herzhafte Mahlzeiten in Berliner Gasthäusern mit viel Fleisch und hochprozentigem Alkohol. Diese "ziemlich furchterregende, aber irgendwie immer noch optimistische Welt" kontrastiert mit der Zukunftsangst des Teilzeitvaters einer sechsjährigen Tochter, die nicht selten den fiktiven Frauenfiguren in seinen simpel getexteten Liebesliedern Pate steht. So schrieb Coxon etwa die kinderliedartig eingängige Single "You and I", während er der Tochter ein Bad einließ, bevor ihre Mutter sie wieder abholen kam. "'Cause it's gonna be a while till I'm gonna see you smile ..."

Während seine alte Band Blur ohne ihn zum respektierten Feuilleton-Popphänomen gereift ist, genießt Exgitarrist Coxon heute einen enormen Coolnessbonus als Leitfigur populärer junger Bands wie der Kaiser Chiefs, quasi als der Paul Weller der Neo-Britpop-Generation. "Dabei fühle ich mich gar nicht als Onkel Graham." Genauso wenig allerdings als der kleine Bruder, für den ihn Blur-Sänger Damon Albarn immer zu halten schien. Coxons Zorn kommt immer noch zum Vorschein, wenn er seinen eigenen Traditionalismus mit einem Seitenhieb auf Blurs Innovationsversuche verteidigt: "Auf Radiatoren herumzutrommeln ist kein Experiment, sondern Bullshit."

Möglich, dass Graham Coxon auch mit den Liars nicht allzu viel anfangen würde, die nach dem mutig-griffigen Brooklyner Art-Punk ihres Debüts mit dem ostentativ experimentellen Zweitling "They Were Wrong, So We Drowned" vor zwei Jahren jeglichen vermarktbaren Aspekt ihres Sounds radikal beseitigten. Schließlich sind die Liars auf der ihrem neuen Album "Drum's Not Dead" beigelegten DVD, die gleich drei visuelle Umsetzungen aller Songs anbietet (ein Experimentalfilm von Markus Wambsganss, das mehrteilige Porträt einer Schnecke von Sänger Angus Andrew sowie eine Mischung aus Animation und Tourdoku von Schlagzeuger Julian Gross), unter anderem beim perkussiven Experimentieren im Studio zu beobachten.

Andererseits teilen Coxon und die Liars auch wesentliche gemeinsame Schwächen, insbesondere für alten Progressive Rock und für Berlin. Ersteres erkennt man daran, wie sie die beiden "zerebralen Charakteristika" namens "Drum" und "Mount Heart Attack" umschreiben, deren musikalischer Dialog sich als roter Faden durch ihr über neopsychedelische Umwege zur Melodiösität zurückkehrendes Album zieht.

"Jeder in der Band kann die Rollen von Drum oder Mount Heart Attack verkörpern", erklärt Andrew. "Es hat damit zu tun, wie sich ein Sound für dich anfühlt", präzisiert Gitarrist Aaron Hemphill, "wenn du etwa in einem Wettrennen (Drum) oder um dein Leben läufst (Mount Heart Attack), vollführst du dieselben Bewegungen, aber deine Sinne reagieren ganz anders darauf".

Und während in ihrem Londoner Hotelzimmer eine solche Gedanken beflügelnde, hocharomatische Zigarette durch die Reihen kreist, schwärmen die Liars von ihrer neuen Berliner Wahlheimat, die sich als idealer Ausgangspunkt für Spritztouren nach Osteuropa anbietet. "Als die EU sich nach Osten erweiterte, war das für uns wie eine Einladung", erklärt Angus Andrew. "Wenn du immer in Städten wie London und New York spielst, beginnst du bald nach etwas anderem zu suchen. Nach anderen Kulturen und Leuten, mit denen man sprechen kann."

In Julian Gross' Film zum Album folgt die Kamera den europäischen Reisen der Liars. Eine der charmantesten Sequenzen zeigt einen Festivalauftritt aus Bühnenperspektive bei grauem Tageslicht vor einem kleinen Häuflein durchnässter Zuhörer. "Das war doch in Österreich, in Salzburg!", fällt Andrew ein. "Diese Leute hatten keine Ahnung, wer wir waren, aber sie hielten es im Regen und in der Kälte aus", bemerkt Aaron Hemphill anerkennend. Harte Knochen, diese europäischen Exoten.

Robert Rotifer in FALTER 17/2006



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