Below The Branches

Kelly Stoltz


Schöne Töne

Ende der Neunziger stand der britische Songwriter Conrad Lambert alias Merz schon einmal vorm großen Durchbruch, entzog sich den Umarmungen des Musikgeschäfts dann aber durch einen mehrjährigen Komplettrückzug. Jetzt ist er wieder da und legt mit "Loveheart" (Grönland/ edel) eines der bezauberndsten Alben seit langem vor. Melancholischer und bei zurückhaltendem Mitteleinsatz doch ungemein detailgenau arrangierter Pop, der zartbitteren Folk mit elektronischen Mitteln deutet, sich seiner Schönheit bewusst ist, ohne deshalb prätenziös zu wirken, und schnell verständlich macht, warum Coldplay-Frontman Chris Martin meint: "Merz klingt wie niemand sonst auf der Welt, und die Welt wäre in Ordnung, wenn sie niemand anderem zuhören würde." An einem ganz eigenen Kosmos arbeitet auch Phantom Ghost, das gemeinsame Duo von Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und dem Hamburger Szenemusiker Thies Mynther. Vom clubtauglichen Data Pop ihrer Anfänge ist am schlicht "Three" (Lado/SPV) betitelten dritten Album nichts mehr übrig, kein einziger tanzbarer Beat stört die unterkühlte Feingliedrigkeit dieser körperlos-schwelgerischen Elektro-Folk-Kunstlieder, die mit entspannten Geistern durch Zauberwälder schweifen und distanzierte Schönheit nie ohne unterschwellige Irritation zulassen. Der in San Francisco beheimatete Multiinstrumentalist Kelley Stoltz hat zwar auch Songtitel wie "Mystery" oder "Memory Collector" im Angebot, sein Album "Below the Branches" (Sub Pop/Trost) zeigt sich aber weit eher von sonnigem Gemüt als von nebelverhangener Geistesschwere geprägt. In 13 kurzweiligen Stücken orientiert sich Stoltz durchwegs an den ausgehenden Sechzigern und beginnenden Siebzigern: Beach-Boys-Harmonien stehen neben psychedelischen Freundlichkeiten und charmanter Folk reicht ausgelassenen Piano-Streicher-Spielereien und kontrolliertem Rumpelrock die Hand. Ein ebenso eigensinniger wie großartiger Songwriter ist auch Mark Oliver Everett alias E, was "Live at Town Hall" (Vagrant/Universal), im Juni letzten Jahres in New York mitgeschnitten, nachdrücklich beweist. Der ungewöhnlichen Akustikinstrumentierung mit zwei Multiinstrumentalisten (neben dem auch nicht untätigen Maestro himself) und einem Streichquartett entsprechend firmiert Everetts Band hier als Eels With Strings, und sie macht eine ausgezeichnete Figur am kammermusikalischen Parkett.

Gerhard Stöger in FALTER 17/2006



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